Elsass RHEINPFALZ Plus Artikel Korbflechterin Lucy Rocchitelli weiß alles über Weiden

Aktuell arbeitet Lucy Rocchitelli in einer früheren Vergolderfabrik in Meisenthal.
Aktuell arbeitet Lucy Rocchitelli in einer früheren Vergolderfabrik in Meisenthal.

Der Wunsch, etwas mit den eigenen Händen zu tun, hat die Elsässerin Lucy Rocchitelli zum Handwerk der Korbflechterei geführt. Nun hat sie auch ungewöhnliche Aufträge.

Die Arbeit müsse Sinn ergeben, findet Lucy Rocchitelli. Die aus Besançon stammende Frau hatte keine Lust auf einen Bürojob oder Fabrik und probierte sich in verschiedenen Berufen aus, machte beispielsweise eine Ausbildung zur Bierbrauerin oder Lichttechnikerin. Das Brauen von Bier habe ihr schon zugesagt, aber die Investitionen von 400.000 Euro für eine kleine Brauerei waren ihr zu viel, erzählt sie. Dann habe sie eine Korbflechterin kennengelernt, die ganz verrückte Sachen mache. Die Korbflechterei sei so vielseitig, schwärmt sie von ihrem jetzigen Beruf.

„L’Echo des Brins“, also Echo der Halme, nennt sie ihren Betrieb und markiert damit gleich den Anspruch an ihre Arbeit: Diese soll nicht einfach Gebrauchsgegenstände liefern, sondern Objekte, die auch etwas über das Material erzählen, über die Weidenruten auf dem Feld, die unter ihren Händen zu Geflechten werden.

Die Weidenruten für die Korbwaren und Flechtobjekte hat Lucy Rocchitelli bei Puberg im Elsass selbst angebaut.
Die Weidenruten für die Korbwaren und Flechtobjekte hat Lucy Rocchitelli bei Puberg im Elsass selbst angebaut.

Ganz kleine Objekte, die als Schmuck verwendet werden können, seien mit der Flechtkunst ebenso möglich wie große, gar gigantische Flechtereien, die schon Architekturcharakter haben. In Verbindung mit der eigenen Zucht der Weiden als Rohmaterial für Körbe und Kunstobjekte sei es genau das, was sie gesucht habe. Eine Arbeit, die auch etwas transformiert vom kleinen Weidenpflänzchen zum Kunstobjekt und dabei noch ökologische Aspekte berücksichtige, erzählt die heute 40-jährige Frau beim Besuch in ihrem Übergangsatelier im lothringischen Meisenthal.

Bei den besten Flechtern des Landes gelernt

Ihren Betrieb will sie in einem Haus mit Stall im elsässischen Puberg einrichten. Dort werde aber noch gearbeitet, also hat sie vorübergehend ein Atelier bei dem Künstlerkollektiv Artopie in einer früheren Vergolderfabrik gefunden. Wo einst Besteck vergoldet wurde, flechtet Lucy Rocchitelli heute ihre Korbobjekte.

Davor machte sie eine Ausbildung an einem Ort, der in ganz Frankreich für Korbwaren bester Qualität bekannt ist: Im Département Haute-Marne findet sich die frühere l'École Nationale d'Osiériculture et de Vannerie, die nationale Schule für Weidenkultur und Korbflechterei in dem kleinen Städtchen Fayl-Billot. Das Landwirtschaftsministerium Frankreichs betreibt dort noch ein Ausbildungszentrum, das von der Pflanzung der Weidenkulturen bis zum Korb den Beruf des Korbflechters von Grund auf lehrt. Die besten Korbflechter des Landes unterrichten dort. Es ist allerdings nicht umsonst. 20.000 Euro habe sie für die Ausbildung zahlen müssen. Bei einer Korbflechterin habe sie ihre Ausbildung vollendet und sich anschließend selbstständig gemacht.

Die Maske des Catchers

Auf einem früheren Acker bei Puberg wachsen ihre Weiden, die sie in 19 Variationen angepflanzt habe, um verschiedene Farbtöne für ihre Kreationen zu haben. Nach einem Jahr werden die Stengel im Winter geerntet, gereinigt und sortiert. In Bündeln lagern die Weidenruten sechs Monate, um zu trocknen. Danach haben sie rund 50 Prozent weniger an Gewicht und warten auf den Einsatz. Für den müssen sie jedoch gleich wieder ins Wasser und zwei bis drei Wochen einweichen, erzählt Lucy Rocchitelli. Die Wasserqualität und Temperatur müssten dabei genau im Auge behalten werden, da je nachdem die Weidenrute ihre Eigenschaft ändere.

Dann erst kann geflochten werden. Und hier gebe es praktisch keine Grenzen. Objekte von Lampenschirmen, Einkaufskörben bis zur Handtasche oder einem Holzkorb für Heizmaterial entstehen unter Rocchitellis Händen ebenso wie Kunstobjekte oder richtig große Nester für Menschen, die sich darin zum Lesen zurückziehen können. Viele Objekte seien Auftragsarbeiten, so wie die Maske, die sich ein Proficatcher bei ihr bestellt habe. Solche Aufträge seien aber seltener. Öfter würden architektonischen Objekte für den Garten angefragt. Weidenhütten oder Tunnel interessierten die meisten. Oft arbeite sie mehrere Tage an einem großen Objekt.

Kaputtes repariert sie auch gern

Andererseits arbeite sie auch gerne an der Reparatur von beschädigten Korbobjekten, seien es Korbmöbel oder liebgewonnene Transportkörbe, deren Geflecht gebrochen ist. Die Möglichkeit, jederzeit fast jedes Flechtobjekt wieder reparieren zu können, sei ein weiterer Aspekt, der ihr an dem Beruf so gut gefällt, erzählt sie.

Außerdem könne die Flechterei sehr vielfältig kombiniert werden. Für die Geflechte nutze sie nicht nur die Weidenruten. Klematis, Rohrkolben oder Baumrinde ließen sich gut integrieren, brächten eine andere Struktur in das Geflecht. Bei den Tragekörben nehme sie öfter Geweihe, die Freunde im Wald finden, als Tragegriff. Bei den Schmuckkreationen lasse sie sich gerne von Formen aus dem Neolithikum inspirieren. Sie orientiere sich zwar gerne an den alten Formen und Techniken suche aber eine zeitgenössische Variante der Flechtkunst, betont sie. Kunstobjekte, die an der Wand hängen oder an der Decke befestigt werden können, mache sie ebenso gern wie den einfachen Tragekorb oder die lustigen Handtaschen, die sich allerdings sehr gut verkaufen ließen.

Zu erleben auf Burg Lichtenberg

Kooperationen mit anderen Handwerkern oder Künstlern sind in Planung. Eine Frau, die Lederobjekte fertigt, will mit Rocchitelli an kombinierten Leder-Korb-Objekten arbeiten. Sehr gut eigne sich auch Keramik oder Glas – damit ist sie aktuell in Meisenthal mit seinem Glaskunstzentrum genau an der richtigen Adresse.

Zu finden sind ihre Kreationen aktuell auf verschiedenen Märkten im Elsass, wie dem Festival des Paysages in Lorentzen am Sonntag, 7. Juni, oder am 4. und 5. Juli auf Burg Lichtenberg.

Im Internet

Mehr unter www.echodesbrins.fr

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