Tanz
Aliens in der Tiefe: Künstliche Intelligenz prägt „Deepstaria“ von Wayne McGregor
„Oh, was ist das? Was haben wir da gefunden? Es kommt näher!“ Klingt nach einem Science-Fiction-Film, ist aber die Reaktion von Tiefseeforschern auf dem Schiff E/V Nautilus, als sie im mexikanischen Archipel mit dem Tauchroboter eine Kreatur erspähen, die in der Finsternis leuchtet und sich verformt: eine Deepstaria enigmatica, eine Qualle ohne Tentakel. Quallen können Verletzungen nicht nur heilen, sondern ihren Körper umsortieren. Diese Regenerationskraft inspirierte den britischen Choreografen Wayne McGregor.
Wie ein Aquarium mutet die Bühne an, wenn Lichtstreifen das Ozeanblau durchdringen und die Finger der Tänzer anstrahlen, die als Korallenhärchen flimmern oder als Medusen herabsinken. Ein berührender Moment, der durch das Lichtdesign von Theresa Baumgartner grandios inszeniert ist – ebenso wie die Szene, in der das Dunkel von tausend Strahlen durchlöchert wird, als explodierten Sterne. Im Nichts tauchen Gestalten auf, verwandeln sich rasant, begegnen sich in Duos und Trios und verschwinden wieder. Da kriecht jemand auf die Fingerknöchel gestützt herein und entfaltet sich in die anmutigeste Ballettpose. Oft wölben sich die Körper gewagt ins Hohlkreuz, verdrehen die Gelenke oder überstrecken sich in Arabesken in ein prekäres Gleichgewicht. Das wirkt ballettös und mutiert, vertraut und doch „alien“.
Wie tanzen Zauberer?
Das Meereswesen Deepstaria könnte aber auch als Metapher dafür stehen, wie wir mit der neu entdeckten Künstlichen Intelligenz umgehen, die eine entscheidende Rolle im Stück spielt, das in diesem Jahr in Montpellier uraufgeführt wurde. McGregors Werk ist ein einziger Prozess, in dem er über 30 Jahre hinweg die Einzigartigkeit des menschlichen Körpers austestet. Der 54-Jährige ist ein Pionier, der sich mit neuen Technologien auseinandersetzt und dafür mit Neurowissenschaftlern, Herzchirurgen oder Software-Ingenieuren kollaboriert. Bereits 1998 tanzten in „Sulphur“ Menschen mit computergenerierten Figuren. Durch „Harry Potter und der Feuerkelch“, wo er die Bewegungen von Monstern und einen Balltanz erdachte, lernte er 2008 Motion Capture kennen, mit dem die Körpersprache digitalisiert wird. Von Google ließ er seine Arbeiten durchstöbern, um ein „Living Archive“ (2019) aufzubauen, aus dem neue Sequenzen kombiniert werden können.
Feiern mit Avataren
Sein größter Coup war wohl die Mitarbeit am virtuellen Konzert „Abba Voyage“ (2022), bei dem die schwedische Band zeitlos jung mit Millionen Fans singt und feiert. Dabei treten dort nur Avatare auf einer Leinwand auf! Wayne McGregor reizt aus, wie modernste Technologie sogar Mitgefühl auslösen kann. Keine Angst vor Künstlicher Intelligenz also, auch wenn sie die Kompanie in „Deepstaria“ vor Herausforderungen stellt.
Denn die spektakuläre Sound-Landschaft, die vom Oscar-Preisträger Nicolas Becker und LEXX entworfen wurde, verändert sich mit Hilfe von Bronze AI über die gesamten 70 Minuten auf unvorhersehbare Weise. „Die Künstliche Intelligenz versteht Ähnlichkeiten im Sound und lässt ihn weiterwachsen“, erklärt Tänzerin Rebecca Bassett-Graham auf Nachfrage. „Wir müssen uns ständig entscheiden, ob wir mit der Musik gehen oder dagegen oder ob wir uns allein auf das Gefühl konzentrieren, das diesen Abschnitt bestimmen soll. Das Schwierige ist, auf die Musik zu reagieren und gleichzeitig die Körpersprache aufrechtzuerhalten, die dafür tief in unseren Muskeln verankert sein muss.“
Wenn die Höhle zusammenstürzt
Es wummert, knarzt, malmt, brodelt, sodass im Kopf Bilder von splitternden Baumriesen und wälzenden Steinkolossen entstehen. Die cineastische Geräuschkulisse steigert sich zu unerträglicher Spannung; im Kino würde gleich die Unterwasserhöhle zusammenstürzen. Tänzer halten sich die Ohren zu, knautschen sich schützend. Aber schnell ist alles vergessen, eine Tänzerin vollführt eine makellose Arabeske. Es scheint ein ständiges Ringen zwischen der bizarren Schönheit des Balletts und dem Kontrollverlust. Bis hin zu einer blutrotgetränkten Szene, in der die Körper verdreht zur Erde sinken, regungslos während der Sound der KI weiteratmet und pulsiert.
Wenn es nun heißt, McGregor lasse in „Deepstaria“ Künstliche Intelligenz seine Arbeit erledigen, lächelt er nur milde, denn für ihn steht am Anfang immer der Mensch, der den Input liefert. Im Londoner Studio, blankweiß wie ein Raumschiff, hat er mit seinen neun Tänzern das Material geschaffen. Da schlüpft eine in die Rolle eines Geschöpfs mit Riesententakeln, andere sind schlängelnde Aale, Tiefsee-Anglerfische oder gar ein verwesendes Skelett. Aus den Inspirationen verdichtete McGregor das Material und setzte alles neu zusammen wie ein Puzzle. Letztendlich wirkt die Abfolge allerdings vor sich hinplätschernd, wenn auch optisch schön. Oder wie eine Tiefseeforscherin beglückt beim Anblick der Qualle kommentierte: „Das ist das Entspannendste, was man anschauen kann. Ich wünschte, ich hätte das als Bildschirmschoner.“