Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Die Krux mit der Kohl-Allee

 Die Umbenennung der Rhein- in Helmut-Kohl-Allee in Süd ist 2018 am Widerstand der Anlieger gescheitert.
Die Umbenennung der Rhein- in Helmut-Kohl-Allee in Süd ist 2018 am Widerstand der Anlieger gescheitert.

Ist die als zentrale Stadtstraße im künftigen Quartier „City West“ geplante Helmut-Kohl-Allee mit bis zu acht Spuren überdimensioniert? Um diese Frage kreiste am Montag eine hitzige Debatte im Stadtrat. Es dürfe nicht die letzte gewesen sein, denn der Widerstand wächst.

Dass die Einwohnfragestunde im Stadtrat immer häufiger genutzt wird, ist ein gutes Zeichen, Stichwort Bürgerbeteiligung. Da die Wortmeldungen traditionell zu Beginn jeder Sitzung überwiegend kritischer Natur sind, dokumentieren sie aber auch eine gewisse Unzufriedenheit – speziell mit der Entwicklung im Zentrum. Welche konkreten Pläne die Stadt in den nächsten zehn Jahren für eine Verkehrswende hat, wollte Till Gerlach am Montag wissen. „Mir bereitet die fortschreitende Erwärmung des Klimas wie vielen anderen Sorgen“, sagte der 52-jährige Chemiker, der seit 1999 in Ludwigshafen lebt.

Ohne einen starken Ausbau von Nah-, Schienen- und Radverkehr sowie Car-Sharing- und Park-and-Ride-Angeboten werde das aus dem Bundesklimaschutzgesetz resultierende Ziel, bis 2045 CO2-neutral zu sein, nicht gelingen.

„Berechtigte Frage“

Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD) entgegnete „auf die berechtigte Frage“, dass die Stadt in den Vorjahren bereits einiges angeschoben habe, den Ausbau des Straßenbahnnetzes in den Kreis befürworte, in Süd (Yorckstraße) bald der 15. Car-Sharing-Standort eröffne, ein E-Mobilität-Konzept ebenso verabschiedet worden sei wie der „Masterplan Green City“. Mit den Technischen Werken werde die kommunale Wärmeplanung umgesetzt. Die OB sagte aber auch: „Wir werden erheblich investieren müssen.“ Und weil der Staat den Kommunen diese Hausaufgaben übertragen habe, müsse er diese auch mitfinanzieren.

Gerlach hätte wohl auch gerne zur Kohl-Allee nachgehakt, denn er gehörte zu jener Protestgruppe, die vor dem Pfalzbau den „Stopp der Stadtstraße Nord“ forderte, weil diese völlig überdimensioniert sei. Durfte er aber nicht, weil das Thema aktuell auf der Tagesordnung stand.

Die in den 2030er-Jahren geplante ebenerdige Ersatzstraße für die Nordtrasse (B44) soll Helmut-Kohl-Allee heißen. Das hat der St
Die in den 2030er-Jahren geplante ebenerdige Ersatzstraße für die Nordtrasse (B44) soll Helmut-Kohl-Allee heißen. Das hat der Stadtrat im Juni 2021 per Zweidrittel-Mehrheit beschlossen.

Die Debatte zeigte, dass der Widerstand gegen die wahlweise als Stadtautobahn oder Boulevard bezeichnete Stadtstraße auch in der Politik wächst. Nach Ansicht der Kritiker zementiert der 860 Meter lange Asphaltteppich die Spaltung von Kernstadt und Hemshof. „Klimaschutz statt Kohl-Allee“ forderten zuletzt die Grünen. Unter dem Motto „Vorfahrt für die Verkehrswende – Moratorium für überdimensionierte Stadtstraßenpläne“ hat der Kreisverband Mitte Juni einen entsprechenden Antrag verabschiedet.

Wegen der aktuellen Haushaltkrise drohten Anstrengungen für den Klimaschutz sowie die Verkehrs- und Energiewende auf der Strecke zu bleiben. Es könne nicht sein, dass Millionen Euro in die weitere Versiegelung der Innenstadt gesteckt würden, während wichtige Investitionen in den Nahverkehr und das Radwegenetz blockiert seien, so die Grünen.

FWG: Mehr Sichtachsen, mehr Grün

Hinzu komme, dass die Pläne für die Kohl-Allee zehn Jahre alt seien und weder dem tatsächlichen Verkehrsaufkommen (früheren Erhebungen zufolge 39.000 Fahrzeuge täglich) noch dem gesteckten Ziel Klimaneutralität gerecht würden. Auch die Linken torpedieren seit geraumer Zeit das Prestigeprojekt.

In einem FWG-Antrag vom Montag hieß es: „Viele Bürger sind der Meinung, dass die Straße in der geplanten Form überdimensioniert ist.“ Die Freien Wähler fordern mehr Sichtachsen, mehr Grün, großzügigere Radwege und bessere Querverbindungen zwischen dem Hemshof und der südlichen Innenstadt. Selbst aus Reihen der größeren Fraktionen gibt es inzwischen Stimmen, die hinter vorgehaltener Hand einräumen: Bei der Kohl-Allee müssen wir nachjustieren. Sie ist zu massiv.

SPD: Nicht zurück auf Los

Der für Kritiker halbherzige Beschluss, den vom Ansatz her richtigen FWG-Antrag beim weiteren Planungsprozess im Auge zu behalten, zeigt das Dilemma, in der die Verantwortlichen stecken. Auf der einen Seite wollen sie das Genehmigungsverfahren nicht gefährden und schon gar nicht neu aufschnüren. „Wir dürfen nicht zurück auf Los“, betonte David Guthier (SPD). „Das Verfahren darf nicht verzögert werden“, warnte Thomas Schell (FDP). Auf der anderen Seite dürfte allen bewusst sein, dass ein achtspuriges Betonband weder zeitgemäß noch zwingend notwendig ist.

Stopp könnte Stadt 300 Millionen kosten

Einen Stopp des Projekts schloss Tiefbauamtsleiter Björn Berlenbach kategorisch aus. Denn das könnte die Stadt viel Zeit und Geld kosten: bis zu 300 Millionen Euro. Den radikalen Allee-Gegnern warf er vor, keine Alternativen aufzuzeigen. Denn dass die marode Hochstraße Nord Anfang 2026 nach dem Wiederaufbau der Südtrasse (B37) abgerissen werden muss, sei Fakt. Baudezernent Alexander Thewalt (parteilos) ist indes überzeugt, dass an Form, Verlauf und Gestaltung der Kohl-Allee auch noch nach der Planfeststellung gefeilt werden könne.

Die Allee-Gegner beeindruckt das nicht. „Wir müssen kostengünstige Alternativen und neue Verkehrskonzepten suchen“, heißt es in einem Flugblatt der Initiative Lebenswertes LU. Sie und ihre Mitstreiter wollen weiter mobil machen gegen die Kohl-Allee. Vor der nächsten Stadtratssitzung wird wohl auch Till Gerlach wieder am Pfalzbau stehen.

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