Ludwigshafen „Die Drei muss stehen“

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Die Gewerkschaft IG BCE erhöht vor der nächsten Tarifrunde den Druck auf die chemische Industrie. 18 000 Beschäftigte haben gestern in Ludwigshafen für mehr Gehalt demonstriert. Das jüngste Angebot der Arbeitgeber ist für sie eine Provokation. Ein Stimmungsbild vom Theaterplatz.

„Applaus, Applaus“ – Punkt 17.30 Uhr dröhnt der Hit der Sportfreunde Stiller aus den Boxen. Rot-Weiß dominiert den Theaterplatz, die Signalfarben der Gewerkschaft. Tausende IG BCE-Mützenträger stehen dicht beieinander. Pusten in Trillerpfeifen, drehen Rasseln, schwenken Fahnen und zeigen Transparente. Auf einem steht: „Investition in gute Arbeit: Wir verdienen mehr!“ Auf der Leinwand neben der Bühne werden Funktionäre eingeblendet, die unter dem Beifall der vielfach Brezel kauenden und Cola trinkenden Protestler mächtig Dampf ablassen. Einer sagt: „Unsere Betriebe brauchen keine Esel, die ihnen ein Deppenangebot von 1,6 Prozent machen.“ Der nächste spricht von einem „kraftvollen Zeichen“ aus Ludwigshafen an den Rest der Republik. Eine Auszubildende drückt die Gemütslage so aus: „Wir fühlen uns verarscht.“ Die Wortwahl ist deftig, der Frust mindestens so groß wie Kluft zu den 4,8 Prozent mehr Lohn, die von der Arbeitnehmerseite gefordert werden. Von einer Mauertaktik der Chemiekonzerne spricht Francesco Grioli und bedient sich im Fußballer-Abc. „Die Zeiten des Catenaccio sind vorbei“, brüllt der IG BCE-Verhandlungsführer für Rheinland-Pfalz ins Mikrofon. „Ich darf das sagen als gebürtiger Italiener.“ Kein Blatt vor den Mund nimmt auch das Fußvolk vorm Podium. Einige sind weit angereist, wie Raphael Peil, der beim Reifenhersteller Michelin in Bad Kreuznach arbeitet und sich mit 50 Kollegen in einen Bus nach Ludwigshafen gesetzt hat. „Inakzeptabel“ nennt er das Angebot der Arbeitgeber. Er will künftig wesentlich mehr als die monatlich 2200 Euro brutto in der Lohntüte. „Ich bin froh, dass so viele da sind. Damit erhöhen wird den Druck.“ „Es geht nur über die Masse. Wir müssen stark auftreten“, bestätigt ihn ein 55-Jähriger aus Birkenheide, der ein BASF-Labor leitet. Er ist mit seinem Sohn gekommen, der stolz eine IG BCE-Flagge in der Hand hält. „Drei Prozent plus x“, antwortet sein Vater auf die Frage, mit welchem Kompromiss er leben könne. „Die Drei muss stehen“, pflichtet ihm Gewerkschaftssekretär Jürgen Mendle bei. Vorbildcharakter hat für ihn der Metaller-Abschluss von 3,4 Prozent. Der 49-Jährige kommt aus Stuttgart – der Stadt, in der die Trarifverhandlungen morgen fortgesetzt werden. „Ich bin gespannt auf den Donnerstag. Es gab seit 44 Jahren keinen echten Arbeitskampf mehr. Aber wenn die Gespräche kein Ergebnis bringen, dann stehen die Zeichen auf Sturm. Die Kollegen sind bereit.“ Wie Stephan Lang (45) aus Edigheim. Der BASF-Schlosser und frühere Fußballtrainer hat den einstündigen Marsch vom Betriebsratsgebäude des Chemieriesen in die Innenstadt trotz akuter Knieprobleme ohne Murren bewältigt. Zu einem möglichen Streik sagt er: „Ich bin dafür.“ Das Angebot der Arbeitgeber sei „eine Frechheit“. Neben ihm schimpft ein Aniliner in Arbeitsmontur wie ein Rohrspatz. 1,6 Prozent mehr Gehalt bei 15 Monaten Laufzeit und drei Leermonaten – da bleibe doch am Ende nichts übrig. „Wir wollen auch ein Stück vom großen Kuchen“, sagt Alessandro Iaquinta (44) aus Oggersheim, der in der Holzwerkstatt der BASF arbeitet. Und: „Es muss mehr in die Ausbildung investiert werden.“ Deutliche Worte findet auch Gewerkschafter Rüdiger Stein (40) aus Frankenthal. „Konzernen wie der BASF geht es sehr gut. Wir lassen uns deshalb nicht mit Almosen abspeisen. Die Kollegen sind kampfbereit.“ Die nächste Redepause füllt „Wahnsinn“ von Wolfgang Petry, „Hells Bells“ von AC/DC hämmert hinterher. Höllische Partymucke, die durchaus zur Stimmung des Protests passt. Wie das Zitat auf Pappe an einem Imbiss. „Ich zahle nicht gute Löhne, weil ich viel Geld habe, sondern ich habe viel Geld, weil ich gute Löhne bezahle.“ Es stammt übrigens vom Industriellen Robert Bosch und spricht wohl vielen aus der Seele. Um es mit den Sportfreunden Stiller zu sagen: „Applaus, Applaus für deine Worte …“

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