Ein Bild und seine Geschichte
Der Hype um eine Hauswand
Roland Epple musste ein paarmal hinsehen. Mit seinem Lastenrad war er bei einer seiner Fahrten durch Mannheims Neckarstadt an der dreidimensionalen Hausfassade in der Zehntstraße vorbeigekommen. „Da muss man mit dem Rad echt aufpassen, wo die Hausecke ist“, sagt der Ludwigshafener, den das Gemälde fasziniert und auch begeistert hat.
„Schuld“ daran ist zunächst einmal Sören Gerhold. Der Leiter des Kulturzentrums Alte Feuerwache hatte die Idee zu „Stadt.Wand.Kunst“, einem Freiluftmuseum im urbanen Raum, dass er gemeinsam mit der Mannheimer Wohnungsbaugesellschaft GBG, dem Sprühfarbenspezialisten Montana Cans und dem Kulturamt der Stadt Mannheim ins Leben gerufen hat.
Seit 2013 verwandeln internationale Street Artists, die mit „Straßenkünstler“ nur unzureichend übersetzt sind, graue Hausfassaden mit großformatigen Gemälden in Kunstwerke, und mit der Zeit und aktuell 39 Bildern ist so das erste frei zugängliche Museum für Fassadenkunst in Baden-Württemberg entstanden.
Hingucker weltweit
Aus Polen, Moskau, Berlin, der Schweiz aber auch Mannheim und Heidelberg und weit darüber hinaus kommen die Künstler, die in der Regel freie Hand bei der Gestaltung der so genannten Murals, also der großformatigen Wandgemälde haben. „Wir haben uns lediglich ein Vetorecht auserbeten, wenn beispielsweise ein Künstler ein Bild mit Zigarette ausgerechnet an einem Kindergarten anbringen will, dann suchen wir nach einer anderen Lösung.“ Das sei bei Künstler PEETA aber nicht nötig gewesen. Im Gegenteil.
„Als uns 2019 die Fassade in der Zehntstraße angeboten worden ist, habe ich sofort an ihn gedacht.“ Die unrhythmischen Fenster seien wie gemacht gewesen für den Venezianer Manuel Di Rita, der unter seinem Künstlernamen seit Anfang der 1990er-Jahre fester Bestandteil der italienischen Graffiti-Szene ist und für seine perfekt ausgearbeiteten 3D-Styles und optischen Täuschungen mittlerweile weltweite Bekanntheit genießt. Er erweckte die Mannheimer Fassade gemeinsam mit seiner Frau Maria Larissa Handiani lediglich mit Hilfe von Hebebühne, Pinsel, Rollen, dutzenden Farbeimern und noch mehr Espresso scheinbar zum Leben.
Das faszinierte auch den Ludwigshafener Epple. „Ich fahre dort aktuell beinahe täglich vorbei. Ich habe eine Lieferung von einer Bäckerei im Jungbusch zu einer Kaffeerösterei in der Zehntstraße.“ Morgens fahre er aktuell Backwaren und am Nachmittag Blumen. Und auf einer dieser Touren ist das Bild seines Lastenrads vor dem dreidimensionalen Kunstwerk entstanden. Nicht das einzige seiner Art. „Das PEETA-Bild hat in unserer gesamten Galerie die größte Resonanz“, verrät Gerhold. Praktisch immer, wenn er oder einer seiner Mitarbeiter an dem Haus in der Neckarstadt vorbeikommen, stehen Menschen mit Kameras davor.
„Es wurde ein internationaler Hype. Das Bild wurde auf allen sozialen Medien geteilt.“ So ist die Mannheimer Hauswand mittlerweile ein weltweiter Hingucker. „Es kommen tatsächlich auch Menschen von außerhalb, um sich das Werk anzusehen.“
Rundfahrt zu 39 Gemälden
Und nicht nur das. Das Mannheimer Touristenbüro bietet Rundfahrten zu den 39 Wandgemälden an. „Soweit mir bekannt ist, sind das die am schnellsten ausgebuchten Stadtführungen“, sagt Gerhold. Roland Epple macht sich aber lieber selbst auf Entdeckungstour. „Ich habe ein stressfreies Arbeiten und bin zwischen Sandhofen und Seckenheim unterwegs“, sagt er. Da gibt es sicher noch einige Murals auf den Hauswänden zu entdecken, bevor der 55-Jährige wieder über die Brücke nach Hause radelt.
Noch Fragen?
Informationen zu allen Werken, Fotos, Videos und Stadtführungen gibt es unter www.Stadt-Wand-Kunst.de.