Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Demozug durch LU: Warum der drohende Wehrdienst junge Leute so wütend macht

Zwischenstation Rathausplatz: Wie zuvor am Startpunkt Theaterplatz (ab 12.30 Uhr) ergriffen auch hier mehrere Redner das Wort. D
Zwischenstation Rathausplatz: Wie zuvor am Startpunkt Theaterplatz (ab 12.30 Uhr) ergriffen auch hier mehrere Redner das Wort. Danach ging es von der Polizei eskortiert wieder zurück zum Pfalzbau.

Protest gegen den Wehrdienst: Ein Demozug ist am Freitag lautstark durch die Innenstadt gezogen. Warum die jungen Leute so aufgebracht sind. Stimmen und Stimmungen.

Streiken statt die Schulbank drücken: Rund 120 überwiegend jugendliche Teilnehmer haben am Freitag mit einem Protestzug durch die Ludwigshafener Innenstadt gegen eine Wehrpflicht demonstriert. Was sie fordern und warum nicht alle Mitmarschierenden die Kritik an der Bundesregierung teilen.

Marschbefehl per Megafon: der „Einpeitscher“ an der Spitze.
Marschbefehl per Megafon: der »Einpeitscher« an der Spitze.

„Nie, nie, nie wieder Wehrpflicht“;

„Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft“;

„Zwang und Pflicht wollen wir nicht“;

„Kein Staat und kein Gericht – unser Leben kriegt ihr nicht“; „Gegen Wehrpflicht, gegen Krieg – streiken bis der Frieden siegt“;

„Streik in Schule, Uni und Betrieb, das ist unsere Antwort auf ihre Politik“;

„Kein Cent, kein Mensch der Bundeswehr“;

„Wehrpflicht ist scheiße, führt euren Krieg alleine.“

Mit Parolen wie diesen, nachzulesen auf einer „Spruchliste“, die am Startpunkt Theaterplatz verteilt wird, bringen die von der Polizei eskortierten Demonstranten ihren Unmut über zwei Stunden lang lautstark, aber friedlich zum Ausdruck. An der Spitze gibt ein „Einpeitscher“ per Megafon Ton, Takt und Rhythmus vor: vom Pfalzbau, vorbei an der Hochstraße Süd und dem Berliner Platz durch die Fußgängerzone bis zum Rathausplatz und via Maxstraße wieder zurück. Die Aufmerksamkeit der Passanten ist der Menge sicher. Auf Plakaten, Fahnen und Bannern steht „Krieg dem Krieg“, „Eure Kriege – ohne uns“, „Nie wieder Wehrpflicht“, „Für Merz in den Krieg ziehen ? Nein danke!“ oder „Jetzt erst recht: Antifaschistisch kämpfen!“

„Niemand in den Krieg zwingen“

Dem Online-Aufruf der Initiative „Schulstreik gegen Wehrpflicht“, den Unterricht ausfallen zu lassen und stattdessen gegen die Pläne der Bundesregierung zu protestieren, folgen Tausende überwiegend junge Menschen in über 90 deutschen Städten. Die Schulstreiks richten sich gegen die Wehrdienstreform, für die der Bundestag am Freitag mit der Zustimmung für ein neues Gesetz den Weg ebnet. Für zahlreiche junge Menschen ist das inakzeptabel. „Ich bin nicht bereit, für die Kapitalinteressen des deutschen Staats in den Krieg zu ziehen“, erklärt ein 17-jähriger Azubi aus Ludwigshafen auf dem Theaterplatz, was ihn aufbringt. Eine Sprecherin der Initiative sagt ins Mikro: „Es kann nicht sein, dass unsere Zukunft ohne uns beschlossen wird.“

Plakat der „Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner“.
Plakat der »Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner«.

Verständnis erntet sie dafür bei Jonas Leibig, Bezirksvorsitzender der Linkspartei, die Anlaufstelle für diese jungen Menschen sein und ihnen zur Seite stehen will. Niemand dürfe in den Krieg gezwungen werden. Es gebe noch viele ungeklärte rechtliche Fragen, kritisiert der 32-Jährige.

Weil die Jugend des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) wie auch die Stadtschülervertretung Mitausrichter der Versammlung ist, ist auch DGB-Regionsgeschäftsführer Rüdiger Stein vor Ort – um Solidarität zu zeigen. Der 50-Jährige betont indes, dass sich die Dachorganisation „noch in der Meinungsbildung“ befinde und sich wohl erst beim Bundeskongress im Mai klar zum Wehrdienst positioniere. Der Frankenthaler selbst hat Zivildienst geleistet, lehnt einen Wehrdienst aber per se nicht ab, „falls dieser auf Freiwilligkeit beruht“.

Banner der „Initiative Soziale Kämpfe“.
Banner der »Initiative Soziale Kämpfe«.

Unter die Demonstranten gemischt hat sich auch Beatrice Wiesner – wie sie ausdrücklich betont in ihrer Rolle als Sprecherin der DGB-Jugend, die sich „gegen Zwangsdienste jeglicher Art“ ausspreche. Auch die Gewerkschaftssekretärin will Flagge zeigen.

Als Juso-Landesvorsitzende beurteilt die 31-Jährige die Sache differenzierter: „Wir können nicht so tun, als würden wir die Bundeswehr nicht brauchen, als wären die Zeiten Friede, Freude, Eierkuchen.“ Mit dem jetzt in Berlin verabschiedeten Gesetz sei es gelungen, einen Ausgleich zwischen jenen zu finden, die sagen „nur freiwillig“ und jenen, die sagen „Pflicht“, meint die stellvertretende Stadtverbandsvorsitzende der SPD.

„Nicht per Los in die Kaserne“

Nach gut einer Stunde am Rathausplatz angekommen, ergreifen mehrere Redner das Wort, die das ganz anders sehen. Darunter „Robin“ von der „Initiative Soziale Kämpfe“. Der Menge ruft er zu: „Wir werden es nicht hinnehmen für die Herrschenden zu sterben. Geld für Bildung, nicht für Bomben“, fordert er.

Rund 120 Teilnehmer folgten dem Aufruf zum Streik.
Rund 120 Teilnehmer folgten dem Aufruf zum Streik.

Jonas von der „Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner“ sagt: „Die Wehrpflicht ist die Pflicht, sich gegen eine Militarisierung zu wehren.“ Er nutzt die Gelegenheit, um auf Möglichkeiten hinzuweisen, den Dienst an der Waffe zu verweigern. Statt Milliarden Euro in die Rüstung zu pumpen, sollte das Geld in soziale Gerechtigkeit investiert werden, sagt ein anderer. Er wünsche sich Spaß in der Zukunft statt Uniform und Gehorsam.

Auf eine Debatte, die aktuell in der ganzen Pfalz und speziell in Ludwigshafen für einigen Wirbel sorgt, weist ein Schüler hin: „Wir haben hier kaputte Schulen mit Schimmel an den Wänden. Es kann nicht sein, dass wir jetzt Geld für Waffen ausgeben und per Los in der Kaserne landen.“

x