Ludwigshafen
Brandkatastrophe mit neun Toten: Hinweis auf Brandstiftung
Am 3. Februar 2008 waren in einem Eckhaus in der Ludwigshafener Stadtmitte neun Menschen türkischer Herkunft gestorben. Es war die schwerste Brandkatastrophe in der Nachkriegsgeschichte der Stadt. Über 60 Menschen hielten sich an jenem Fasnachtssonntag im Haus auf, um den Umzug zu sehen, der dort vorbeiführte. Sieben Minuten nach dem ersten Notruf schlugen Flammen aus dem Dach. Durch das brennende Treppenhaus waren die Menschen im Gebäude eingeschlossen. Mit Sprungkissen, Leitern und über Fahrzeugdächer gelang es, rund 50 Leute zu retten. Mehr als 20 Menschen überlebten schwer verletzt. Fünf Kinder und vier Frauen im dritten Obergeschoss verbrannten oder erstickten im Qualm. Das Bild eines Kleinkinds, das aus dem dritten Stock in die Arme eines Polizisten geworfen wird, ging um die Welt.
Die genaue Ursache für das Feuer ist bis heute ungeklärt. Eine 80-köpfige Sonderkommission – in die auch türkische Ermittler einbezogen waren – ging mehr als 150 Hinweisen nach. Nach monatelangen Ermittlungen stand fest, dass kein Anschlag oder technischer Defekt das Feuer ausgelöst hatte. Das Ergebnis lautete damals, dass ein Schwelbrand im Keller des Wohnhauses zu der Brandkatastrophe geführt habe. Demnach wurde das Feuer vermutlich fahrlässig ausgelöst, möglicherweise durch eine Kerze. Hinter vorgehaltener Hand sprachen Ermittler davon, das womöglich Kinder dahinter stecken könnten. Doch das wurde nie geklärt. Ein 2011 eingegangener Hinweis auf einen angeblichen Verursacher entpuppte sich als falsche Spur. Das Verfahren wurde eingestellt.
Hinweis aus Gefängnis
Im vergangenen Jahr wurden die Ermittlungen wieder aufgenommen. Grund: Ein Informant berichtete den Behörden über Gespräche in einem türkischen Gefängnis. Einer der Insassen soll ihm gegenüber dabei die Brandstiftung eingeräumt haben. Auch ein anderer Gefängnisinsasse könne dies bestätigen. Die Staatsanwaltschaft Frankenthal wurde daraufhin aktiv und will seitdem abklären, ob an dieser Geschichte etwas dran sein könnte. Ein sogenanntes Rechtshilfeersuchen an die Türkei wurde gestellt. Ein Fragenkatalog wurde dabei an die türkischen Strafverfolgungsbehörden übermittelt, die wiederum den Tatverdächtigen befragen sollten. Die Antworten wurden dann zurück nach Deutschland übermittelt, was Monate dauerte.
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Frankenthal wurden die beiden Zeugen im Zuge der Rechtshilfe von den türkischen Behörden vernommen. „Der Beschuldigte konnte in der Türkei nicht ermittelt werden, hat sich nun aber von sich aus gemeldet, die Tat bestritten und eine Stellungnahme über seinen Rechtsanwalt angekündigt. In den damaligen Ermittlungen spielte der Beschuldigte keine Rolle“, teilt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft auf Nachfrage mit. Wie die früheren Ermittlungsergebnisse, die nach sehr umfangreichen Untersuchungen nicht vom einem vorsätzlich gelegten Feuer ausgingen, mit den Aussagen der beiden Zeugen, die eine Brandstiftung behaupten, in Einklang zu bringen sind, werde nun ermittelt. Wann mit einem Ergebnis zu rechnen ist, könne momentan nicht gesagt werden.
Aufgeheizte Stimmung
Die Brandkatastrophe hatte Ludwigshafen vor 17 Jahren weltweit in den Fokus gerückt. Türkische Journalisten spekulierten über einen ausländerfeindlichen Anschlag und behaupteten, dass Feuerwehr und Rettungskräfte nur zögerlich den im brennenden Haus eingeschlossenen Menschen zu Hilfe gekommen wären – obwohl dies nicht stimmte. Parallelen zum rechtsextremen Brandanschlag in Mölln (1992) wurden gezogen, bei dem drei Türken ums Leben kamen und neun weitere verletzt wurden. Dann gab es noch ein falsches Bekennerschreiben von einem Mann, der sich als Trittbrettfahrer wichtig machen wollte und Kontakte zur rechten Szene hatte. Die Stimmung war äußerst angespannt. Es kam zu Übergriffen. Ein Türke schlug einen Feuerwehrmann. Einsatzkräfte wurden angespuckt.
Die Katastrophe belastete auch das deutsch-türkische Verhältnis. Bei einer Trauerfeier für die Opfer versammelten sich 4500 Menschen am Brandort am Danziger Platz. Auf der Straße wurden die Todesopfer in neun Särgen aufgebahrt, die mit der türkischen Nationalfahne bedeckt waren. Der damalige türkische Ministerpräsident und heutige Präsident Recep Tayyip Erdogan schlug bei seinem Besuch am 7. Februar 2008 in Ludwigshafen moderate Töne an – im Gegensatz zu den Äußerungen, die er zuvor in seiner Heimat getätigt hatte. Erdogan beruhigte seine Landsleute und rügte die türkischen Medien. Danach entspannte sich die Lage. Die Todesopfer wurden in ihrer Heimatstadt Gaziantep beigesetzt. Als Folge der Katastrophe entstand eine Städtepartnerschaft mit Ludwigshafen.