Ludwigshafen
15 Jahre nach der Brandkatastrophe: „Das vergesse ich nicht“
„Es ist die größte Brandkatastrophe der Stadt seit dem Zweiten Weltkrieg“, heißt es in dem so sachlich berichtenden wie emotional bewegenden Film. Doch spektakulär war sie nicht allein wegen ihres Ausmaßes, sondern auch, weil bald Gerüchte über einen fremdenfeindlichen Anschlag aufkamen. Eine Zeit lang drohte das Feuer sich zu einer internationalen Staatsaffäre auszuwachsen.
Der 90-minütige Dokumentarfilm erzählt noch einmal die ganze Geschichte und nimmt sich dabei eine runde halbe Stunde Zeit für das Brandgeschehen, eine runde halbe Stunde für das breite Echo in den Medien und der Politik und eine runde halbe Stunde, um den anhaltenden Folgen nachzuspüren.
Mutter, Frau und Töchter verloren
Im Zentrum von „Feuerkinder“ stehen Kamil Kaplan und Uwe Reuber. Kaplan befand sich zur Brandzeit im dritten Stock des Gebäudes und hat acht Familienangehörige, darunter seine Mutter, seine Frau und zwei Töchter verloren. Reuber war zur selben Zeit als Polizist vor Ort und fing in seinen Armen Kaplans kleinen Neffen Onur auf, den der Onkel von oben gezielt aus dem Fenster hatte fallen lassen.
Reuber, der das Kind heil auffangen konnte, bräuchte das bekannte Foto dieser Szene nicht, um das Bild in Erinnerung zu behalten. „Das vergesse ich nicht“, betont er. Jeder, der dort war, habe das Menschenunmögliche versucht, um die Leute aus dem brennenden Haus zu retten, bekräftigen er und der ehemalige Ludwigshafener Feuerwehrmann Stefan Limburg außerdem.
Erdogan zu Besuch in Ludwigshafen
Dennoch kam es rasch nach dem Brand zu Zweifeln, üblen Gerüchten sowie Verleumdungen, die Feuerwehr sei mit Vorsatz zu spät gekommen und habe nicht korrekt gehandelt. „Man hat uns unterstellt, wir wüssten, dass dort Migranten wohnen, und wir hätten bewusst langsamer gemacht“, berichtet Limburg, heute Personalratsvorsitzender der Stadtverwaltung.
Die Tragödie und das Schicksal der Opfer rückten in den Hintergrund, bis die Ermittlungen zur Brandursache abgeschlossen waren und der damalige rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck und der türkische Ministerpräsident Erdogan, die beide Ludwigshafen besuchten, zur Mäßigung aufriefen und würdigende Worte für den Einsatz aller Sicherheits- und Rettungskräfte fanden. „Mein Wunsch ist, dass Türken und Deutsche in Freundschaft miteinander leben“, erklärte auch Kamil Kaplan.
Langfristige Folgen
„Die Brandkatastrophe von Ludwigshafen: Das Leben danach“, hieß bereits 2010 eine 45-minütige ZDF-Dokumentation der Filmemacherin Gülseren Sengezer, die später nach Schweden ausgewandert ist. Auch die neue, doppelt so lange Doku, die sie zusammen mit Ekki Wetzel, dem ehemaligen „Spiegel TV“-Geschäftsführer, realisiert hat, widmet sich im letzten Abschnitt den langfristigen Folgen, die die Katastrophe besonders bei Reuber und Kaplan hinterlassen hat. „Ich möchte keine Sekunde dieses Tages vergessen“, vielleicht um den Schmerz der Todesopfer zu teilen, erläutert Kaplan, der heute unweit des längst abgerissenen Brandhauses lebt. Anders als das Feuer sind die Erinnerungen daran ohnehin unauslöschlich.
Termin
„Feuerkinder“ läuft am 22. Februar um 20.15 Uhr im SWR-Fernsehen. Bereits ab 20. Februar ist in der ARD-Mediathek eine insgesamt 45 Minuten längere dreiteilige Fassung abrufbar.