Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Bluttat in Oggersheim: Wie Liliana Belzer zur Lebensretterin wurde

Krankenschwester Liliana Belzer war auf dem Weg zur Arbeit, als sie auf das lebensgefährlich verletzte Opfer aufmerksam wurde
Krankenschwester Liliana Belzer war auf dem Weg zur Arbeit, als sie auf das lebensgefährlich verletzte Opfer aufmerksam wurde

Zusammen mit der Kassiererin der Drogeriemarktfiliale hat Liliana Belzer dem dritten Opfer der Oggersheimer Messerattacken erste und entscheidende Hilfe geleistet. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie wäre dem Täter während seiner blindwütigen Verfolgungsjagd direkt gegenübergestanden.

Eigentlich wollte Liliana Belzer an jenem 18. Oktober im Westen Oggersheims nur routinemäßig einen Patienten aufsuchen. Die 56-Jährige ist examinierte Krankenschwester speziell für Herzinsuffizienzpatienten und ist für deren ambulante Betreuung als eine von neun sogenannten Nurses im Auftrag des Ärzte-Netzwerks Golu quer durch die Vorderpfalz und die Haardt unterwegs. „Als ich direkt gegenüber der Einkaufszeile in der Comeniusstraße aus meinem Wagen ausgestiegen bin, hörte ich Schreie und Hilferufe, sah Frauen aufgelöst aus der Filiale rennen“, erzählt Belzer.

Und sie sah einen jungen Mann im weißen Jogginganzug herauswanken und sich mit beiden Händen an die Brust fassen – das dritte Opfer, das der Somalier gezielt attackiert hatte, nachdem er zuvor in der Philipp-Scheidemann-Straße zwei Handwerker niedergestochen hatte. Der jüngere starb noch vor Ort, der ältere Arbeitskollege und Freund, der ihm zu Hilfe eilte, konnte sich mit tödlichen Stichverletzungen noch ein paar Meter weiter schleppen, ehe er leblos zusammenbrach.

Kassiererin drückt Wunde ab

„Mein erster Gedanke war: Er wird doch keinen Herzinfarkt bekommen“, erinnert sich Belzer. Beim Näherkommen – dem instinktiven Reflex einer in 35 Berufsjahren professionell agierenden Krankenschwester – zeigte sich rasch ein ganz anderer Befund: Der Kunde blutete stark aus einer klaffenden Wunde unterhalb des Schlüsselbeins. Als Belzer ihn erreichte, lag er bereits auf einer Bank vor dem Einkaufsareal, die Kassierin drückte die Wunde ab. Sie ist auch ein halbes Jahr nach der Tat noch nicht in der Lage, darüber zu sprechen, hat Belzer aber ausdrücklich Vollmacht erteilt, die Ereignisse für sie mit zu schildern. Wenn sie so weit ist, wollen sich die Frauen auf einen Kaffee treffen.

Etwa 20 Minuten dauerte die Erstversorgung nach Belzers Erinnerung. Sie dürfte dem jungen Mann, der während der Behandlung sichtbar an Kraft verlor, das Leben gerettet haben. „Er bekam Atemnot, wurde immer grauer“, blickt Belzer zurück. „Mir ist klar geworden: Jetzt wird’s kritisch.“ Also redete sie ihm zu, machte ihm Mut. Die Ersthelferin hielt den jungen Mann so bei Bewusstsein, wissend, dass sich das Zeitfenster zum Überleben schloss. „Er hat wahnsinnig viel Blut verloren, es stand auf der Kippe.“ Davon ließ sich Belzer aber nicht ablenken in ihren Bemühungen.

„Sein Blick driftete weg“

Auch nicht, als sich das Opfer unbewusst mit letzter Kraft gegen seine Helferinnen stemmte, von der Bank aufstehen wollte. „Dann war plötzlich Stille, sein Blick driftete weg.“ Da wurde Belzer dann unruhig. Einen jungen Polizisten hatte die routinierte Helferin da schon in die nahegelegene Apotheke geschickt, um eine Infusion samt Besteck und Kanüle zu organisieren. Legen musste sie diese letztlich nicht, auch wenn sie in dieser Ausnahmesituation dazu bereit gewesen wäre. Diese Aufgabe übernahm am Ende der Notarzt. Belzer führte die Infusionsgabe und hängte eine neue Flasche an. „Wir haben sie nicht tropfenweise einsickern lassen, wir haben sie im Schuss injiziert, so groß war der Bedarf.“

Vor der Drogeriemarktfiliale (rechts im Hintergrund) rettete die couragierte Ersthelferin dem jungen Mann das Leben.
Vor der Drogeriemarktfiliale (rechts im Hintergrund) rettete die couragierte Ersthelferin dem jungen Mann das Leben.

Als der Arzt endlich eintraf, konnte dieser die Ersthelferinnen nicht sofort von ihrer überlebenswichtigen Pflicht entbinden. Er musste zunächst eine Triage vornehmen, also ad hoc entscheiden, welchem Patienten er sich zuerst zuwendet: dem schwerverletzten Kunden oder dem in der Filiale von Polizisten mit drei Schüssen außer Gefecht gesetzten Täter. Die Stichverletzungen seines Opfers waren gefährlicher.

Aber selbst nach dieser Entscheidung war der Einsatz von Liliana Belzer noch nicht erledigt. „Ein Polizist fragte mich, ob ich noch die Kraft hätte, mir eine schwangere Kundin in dem Markt anschauen könnte, deren Zustand Sorgen bereite.“ Beim behutsamen Gang durch die Regale, um keine Spuren zu verwischen, wurde der Helferin bewusst, welchen Anblick sie in ihrer über und über blutverschmierten Kleidung bot. Der Einsatz wurde abgebrochen.

Begegnung im Gerichtssaal

Vier Monate nach diesem dramatischen Einsatz ist Belzer dem 27-Jährigen erstmals wieder begegnet: Im Flur des Frankenthaler Landgerichts, wo sich der geständige Angeklagte seit Mitte Februar verantworten muss. Belzer hatte in Erfahrung gebracht, dass sein drittes Opfer im Zeugenstand aussagte. „Ich wollte mich mit eigenen Augen überzeugen, wie es ihm mittlerweile geht, habe ihn in einer Verhandlungspause angesprochen.“

Die Begegnung war ergreifend. Er habe für einen Moment die Augen geschlossen und seiner Retterin gesagt, dass er bereits auf der Suche nach ihr gewesen sei. Erkannt hätte er sie auf Anhieb nicht mehr, aber Belzers Stimme ist ihm im Ohr geblieben. Den Rest der Verhandlung verbrachte sie in den Zuschauerreihen neben den Eltern. Ein weiteres Mal will Belzer sich den langen Prozess nicht mehr antun. Allenfalls zur Urteilsverkündung kommt sie womöglich noch einmal in den Gerichtssaal.

Entsetzt über Gaffer

Die Bilder von der dramatischen Situation auf offener Straße verfolgen sie nicht mehr sonderlich. Psychologischen Beistand braucht sie keinen, auch wenn ihr Arbeitgeber ihr diesen umgehend angeboten hat. Auch dank ihrer Familie in Gerolsheim habe sie die Erlebnisse einigermaßen verarbeiten können. Dank ihrer professionellen Ausbildung und ihres beherzten Eingreifens hat sie Schlimmeres verhindern können. Was sie nicht von jedem Augenzeugen behaupten kann. „Ich war entsetzt, wie viele eng an uns vorbeigelaufen sind – und auch noch ihre Smartphones hochgehalten haben“, kritisiert Belzer jeden Mangel an Respekt.

„Nicht gaffen, helfen“, appelliert sie. „Damit rettet man womöglich Leben.“ Die Zivilcourage der Drogeriemarktkassiererin habe eindrücklich gezeigt, dass es dafür keine profunde medizinische Vorbildung brauche. „Und wenn man sich das schon nicht zutraut, sollte man einem Opfer wenigstens nicht seine Würde nehmen.“

Täter von Polizisten gestoppt

Erst im Nachhinein hat Belzer erfahren, dass sie um Haaresbreite mit dem Täter konfrontiert worden wäre. Als dieser bemerkte, dass sich sein verletztes Opfer nach draußen bewegte, soll er die Verfolgung aufgenommen haben – und von Polizisten gestoppt worden sein, die just in diesem Moment am Tatort eintrafen und in den Drogeriemarkt stürmten.

Gedankt haben Belzer ihren lebensrettenden Einsatz die Polizisten, mit denen sie vor Ort eine Art funktionierende Schicksalsgemeinschaft gebildet hat, und nun das Opfer mit seiner Familie im Landgericht. Das ist ihr Anerkennung und Bestätigung genug. Ansonsten hat sie niemand kontaktiert, auch nicht von der Stadtspitze. Nicht, dass Liliana Belzer dies erwarten würde. Aber freuen würde es sie. Und verdient hätte sie es allemal.

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