Ludwigshafen / Mannheim
Bildschirm statt Podium
„Wir haben doch gar keine Wahl“, sagte Alexandra Lehmler, Jazzsaxophonistin und Bandleaderin aus Mannheim. „Wir können nicht mehr vor Publikum spielen, aber wir müssen arbeiten, um Geld zu verdienen. Also müssen wir streamen.“ So ging es im März beim ersten Lockdown vielen Künstlern, die keine Festanstellung bei einem Orchester oder Theater haben und plötzlich jeglicher Auftritts- und damit Arbeitsmöglichkeit beraubt waren. Konzerte zu Hause, in einem Club oder wo auch immer aufzunehmen und live oder „on demand“ im Internet zu zeigen, bot einen Ausweg. Anfangs hofften die Musiker, damit den CD-Verkauf anzukurbeln oder Spenden einzusammeln. Inzwischen werden Videostreams auch gegen Bezahlung angeboten. Aber kann das als Geschäftsmodell wirklich funktionieren, und welche Folgen hat das für das Musikleben?
Rainer Kern, künstlerischer Leiter von „Enjoy Jazz“, ist da skeptisch. „Die Pandemie brachte uns einen Streaming-Tsunami, aber selten einen Mehrwert“, fand Kern. Die Musiker hätten viele kostenlose Konzerte auf den Markt geworfen und damit sich selbst geschadet. „70 Prozent der künstlerischen Einnahmen stammen aus Livekonzerten. Wie kann das mit Streaming erreicht werden?“
Die Digitalisierung bekämpfen oder benutzen?
Noch entschiedener sprach sich Johannes Mnich gegen das Streaming aus. Der Intendant der Tauber Philharmonie, der zuvor beim Heidelberger Frühling und im BASF-Kulturmanagement tätig war, versuchte vor der Pandemie ein nagelneues, architektonisch wie programmatisch ambitioniertes Konzerthaus in der fränkischen Provinz für ein regionales Publikum zu gewinnen. „Als Veranstalter kämpfen wir gegen die Digitalisierung“, sagte Mnich, der nicht glaubt, dass gestreamte Konzertaufnahmen in schlechter Soundqualität und mit all den Ablenkungsmöglichkeiten am Bildschirm mit einem Live-Erlebnis mithalten können.
Dass dies aber längst anders geht, konnte Carine Zuber, die Leiterin des Jazzclubs Moods in Zürich, berichten. Seit drei Jahren, also lange vor Corona, werden dort Konzerte aufgenommen, und zwar in bester Soundqualität und mit zahlreichen unauffällig installierten Kameras. Die Auftritte prominenter Jazzmusiker können sowohl live verfolgt, als auch später aus dem Archiv abgerufen werden. Dafür wird Geld verlangt, das zum überwiegenden Teil an die Musiker weitergeleitet wird. Für Carine Zuber ist das „kein Ersatz fürs Konzert, sondern eine Ergänzung“. Durchschnittlich 200 Zugriffe täglich auf diese Streaming-Angebote verzeichnet der Zürcher Jazzclub.
Wo bleibt das „spirituelle Erlebnis“?
Aber auch wenn es gelingt, ein Konzert in guter Soundqualität und mit vielen Kameraperspektiven zu reproduzieren, wo bleibt am Ende das „spirituelle Erlebnis“, nach dem Klaus Gasteiger von der BASF zu Beginn der Diskussion gefragt hatte. Ist die Unmittelbarkeit, die Energie, das Einmalige eines Ereignisses, bei dem sich Künstler und Publikum zum selben Zeitpunkt im selben Raum befinden, überhaupt reproduzierbar?
Natürlich sei „der Spirit im Konzertsaal anders als zu Hause im Wohnzimmer“, ist auch die Saxophonistin und Komponistin Sarah Chaksad überzeugt und schwärmte vom „Zauber des gesamten Ereignisses“. Bei der Schweizerin ist der Aufwand für ein Konzert meistens sehr groß, da sie mit Big Bands und Orchestern arbeitet. Das setzt auch dem Streaming Grenzen. Mehr als einmal kann man ein bestimmtes Programm ja schlecht ins Netz stellen. Ihre Streaming-Aktivitäten hielten sich daher in den vergangenen Monaten in deutlichen Grenzen. Dennoch findet sie Streaming mittlerweile „super“, weil sich damit neues Publikum finden lasse.
„Streaming als Ergänzung wird bleiben“
Da war sie mit ihrer Mannheimer Musikerkollegin einer Meinung. Auch für Alexandra Lehmler ist Streaming ganz einfach „eine schöne Möglichkeit, ein Publikum zu erreichen“. Fünf Streamings hat sie während der Pandemie gemacht, fünf verschiedene Programme in unterschiedlichen Besetzungen. Mit kleinen Ensembles ist das natürlich leichter umsetzbar.
Und was passiert mit all diesen Projekten und Ideen, wenn die Pandemie irgendwann vorbei ist? Gehen dann alle einfach zurück in die Konzertsäle, oder bleibt man auch in der Online-Welt? Dass sich etwas verändern wird, darin waren sich alle überraschend einig. „Streaming als Ergänzung wird bleiben,“, glaubt Sarah Chaksad, und Alexandra Lehmler ist überzeugt, dass wir lernen, mit dem neuen Format kreativer umzugehen. Rainer Kern kann sich sogar vorstellen, dass Streaming wie einst das Radio den Zugang zur Kultur „demokratisiert“, indem mehr Menschen daran teilhaben können. Weil dies alles im Moment aber eher Zukunftsmusik ist, haben sich die Gesprächsteilnehmer schon mal für die Zeit nach Corona verabredet. Dann nicht als Streaming auf einem sechsfach geteilten Bildschirm, sondern persönlich in Ludwigshafen und mit viel Musik. Die wird dann natürlich live gespielt und nicht gestreamt.