Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Auswilderung: Neue Hoffnung für Feldhamster

Beim Auswildern: Umweltbürgermeisterin Diana Pretzell hat „ihre“ Feldhamsterdame auf den Namen Joy getauft.
Beim Auswildern: Umweltbürgermeisterin Diana Pretzell hat »ihre« Feldhamsterdame auf den Namen Joy getauft.

Feldhamster sind vom Aussterben bedroht. Aus diesem Grund half die Mannheimer Umweltbürgermeisterin Diana Pretzell (Grüne) am Donnerstag beim Auswildern der Nagetiere.

„Ihr“ Exemplar taufte sie Joy. „So wie einst die unvergessene Sängerin haben auch die Hamster die Kommune gerockt“, erklärte Pretzell ihre Namenswahl. Das Projekt von Stadt und Regierungspräsidium kostet jährlich mehr als 120.000 Euro. Hohe Kosten, die sich so erklären: Die Aufzucht des Hamsternachwuchses im Heidelberger Zoo, die finanzielle Entschädigung der Landwirte, die ihre Felder hamsterfreundlich bewirtschaften, und die Arbeit von „Hamsterpapst“ Ulrich Weinhold haben ihren Preis. Weinholds Institut für Faunistik in Heiligkreuzsteinach wird 2025 wieder 110 Tiere auf mehreren Feldern im Weiler Straßenheim im Stadtteil Wallstadt in die Freiheit entlassen.

Der Bestand des „Cricetus cricetus“, so der lateinische Name für das possierliche Tier, soll erhalten bleiben und sich irgendwann sogar ohne jährliche Neuansiedlung vergrößern. Weinhold versucht mit einem Artenhilfsprogramm, die Existenz der rot-braun-weißen Säugetiere mit den Knopfaugen zu sichern. Der Goldhamster ist übrigens – obwohl er in Zoohandlungen verkauft wird – wie sein wilder Verwandter ein reines Fluchttier und für die Käfighaltung ungeeignet. Auch Streicheleinheiten mag er gar nicht.

Trotz des aufwendigen Engagements gefährden heiße Sommer, kalte Wintertage oder die Störche vom Luisenpark die Hamsterpopulation. Anfangs überlebte immer nur eine Handvoll der seit 2004 insgesamt 2400 ausgewilderten Tiere die ersten Wochen. Die rund 20 Hektar Fläche von Landwirt Peter Müller und weitere Areale in dem abgelegenen Stadtteil scheinen ein sichereres Refugium für die Tiere zu sein. Der Erfolg zeigt sich Pretzell zufolge in über 500 dokumentierten Bauen.

Innerhalb nur eines Jahres habe sich die Population dank einer feldhamsterfreundlichen Bewirtschaftung der Ackerflächen fast verdoppelt. „Hamsterfreundlich“ heißt: Auf den Feldern werden keine Pflanzenschutzmittel eingesetzt, und nach der Ernte bleibt ein breiter Getreidestreifen stehen, der den Tieren als Wintervorrat dient. Um Jäger wie Füchse, Katzen oder Hunde abzuschrecken, wurde ein Elektrozaun gebaut. Die Lebensdauer der Hamster beträgt nur drei bis vier Jahre. Da aber drei Würfe im Jahr möglich sind, steigen in Straßenheim und Umgebung die Chancen auf eine dauerhafte Ansiedlung der Tiere.

165 Hektar als Reservat ausgewiesen

Anderswo bleibt die größte Bedrohung weiterhin die moderne Landwirtschaft. Ein Problem ist vor allem die immer effektiver werdende Getreideernte. Weil danach kaum mehr Körner auf der Fläche zurückbleiben, hat es der Feldhamster schwer, genügend Vorräte für den Winter einzusammeln. Auch wenn Stoppelfelder sehr früh umgebrochen werden, gefährdet das den Lebensraum der Nagetiere. Auf großen monotonen Äckern fehlt es ihnen zudem an Verstecken und Stellen, wo sie ihren Bau graben können. Weil die Pflanzenvielfalt gering ist, führt Nährstoffmangel dazu, dass immer weniger Jungtiere in Freiheit überleben.

In Mannheim sind für die nächsten fünf Jahre rund 165 Hektar Flur als Reservat ausgewiesen. Die Stadt zählt deutschlandweit zu den größten Rückzugsorten für Feldhamster, die in vielen Bundesländern bereits ausgestorben sind. In der Landwirtschaft wurde er lange als Schädling angesehen und systematisch mit Gift bekämpft. Inzwischen leben in Deutschland nach Schätzungen des Naturschutzbundes (Nabu) noch 10.000 bis 50.000 Feldhamster in freier Wildbahn. Das sind 99 Prozent weniger als vor 75 Jahren.

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