Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Ausbeutung, Fremdherrschaft, Rassismus: Was Mannheim mit dem Kolonialismus zu tun hat

Die Buchstabeninsel ist bei der Flut an Informationen ein Erholungspunkt.
Die Buchstabeninsel ist bei der Flut an Informationen ein Erholungspunkt.

Mit der Sonderausstellung „Verstrickt“ dröselt das Marchivum die Wechselwirkungen von Mannheim mit der Kolonialgeschichte auf. Diese wirkt bis heute fort – auch in den Köpfen.

An der Decke im Untergeschoss des Mannheimer Stadtarchivs sind nylonbunte Schnüre gespannt. Sie führen zu gelben, roten oder rosafarbenen Buchstabentürmen, die in der Mitte des Raumes die Wörter „Ausbeutung“, „Identitäten“, „Rassismus“ und „Gewalt“ ergeben. Von dort laufen die Fäden weiter, zu den thematische Schwerpunkten der Tafelschau. Doch auch die Felder „Wirtschaft“, „Politik“, „Gesellschaft“ oder „Kultur“ sind eng verflochten, die Stricke an der Decke kreuzen sich, bilden ein Netz. „Alles ist miteinander verwoben“, verrät die Kuratorin Verena Kayser, die für den visuellen Effekt der Sonderschau verantwortlich ist.

Wie die Kolonialzeit auf die Gegenwart wirkt

Schon bei einem Blick auf die 1920er Jahre wurde mit ihrer Wiesbadener Agentur „Kayserreich“ kooperiert. Diesmal geht die Reise tiefer. Sie führt nach Kamerun, Tansania oder Namibia. In Länder, die zur deutschen Kolonialzeit als „Deutsch-Südwest“ oder „Deutsch-Ostafrika“ bezeichnet wurden.

Wie aber ist Mannheim mit der deutschen Kolonialzeit verknüpft? Welche Auswirkungen hatte der Kolonialismus auf die Quadrate – und wie wirkt das auf die Gegenwart? Die Schau benennt nicht nur Profiteure, sie zeigt zugleich, wie selbstverständlich und alltäglich rassistisches Denken war und als koloniales Erbe fortbesteht.

„Den zeitlichen Schwerpunkt bilden die Jahre 1883 bis 1918, die Hochphase des Kolonialismus. Damals erlebte Mannheim seine Belle Époque, es waren goldene Zeiten mit Schatten, die weit in andere Länder reichten“, sagt Marchivum-Leiter Harald Stockert. Bis zu 400 Kolonialwarenläden gab es damals in und rund um die Quadrate, der Begriff war durchweg positiv besetzt, der Kolonialverein galt als starke Lobby für Unternehmer. Wirtschaftliche Interessen standen im Vordergrund.

Ein Seckenheimer als tyrannischer Verwalter in Tansania

Der gebürtige Mannheimer Ferdinand Scipio (1837-1905) etwa genoss hohes Ansehen: als Bankier, Unternehmer, als Mitglied des Freundeskreises „Räuberhöhle“, als Politiker – und Plantagenbesitzer. 1883 tritt er dem in den Quadraten frisch gegründeten Kolonialverein bei. Am Kamerunberg in Westafrika erwirbt er Ländereien. Einheimische werden enteignet und zum Kakao-Anbau gezwungen. Zuhause macht sich seine Tochter Ida als Wohltäterin einen Namen. Noch heute ist ein Seniorenzentrum nach ihr benannt.

So ist es oft. Große Mannheimer Namen bildeten ein koloniales Netzwerk, das bis in die Gegenwart reicht. Die Firma Lukscha & Wagenmann investierte in Tropenholz unter „räuberischen Bedingungen“, wie es im Ausstellungsmaterial heißt. Theodor Gunzert (1874-1964) aus Seckenheim machte am Victoria-See im heutigen Tansania als Verwalter Karriere und bleibt bei den Einheimischen noch Jahrzehnte später als grimmiger Herr im Gedächtnis, der nicht nur Prügelstrafen anordnete, sondern auch Hinrichtungen. Theodor Seitz (1863-1949) wird Gouverneur von Kamerun und macht sich nach 1918 für die Wiedergewinnung der abgetreten Kolonien stark.

Was Enten im Luisenpark mit Kolonialismus zu tun haben

Mit dem Versailler Vertrag 1918 endet die deutsche Kolonialzeit, aber nicht ihr Gedankengut. Das Quartett-Spiel „Verlorenes Land“ aus den 1930er versinnbildlicht, wie koloniales Denken auch in Kinderköpfen verankert wird. „Sie ist keine tote Vergangenheit, sondern noch immer mit der Gegenwart verflochten. In der Bildsprache, in Straßennamen oder in Kinderliedern“, zeigt Kayser auf. An einer Mitmachstation werden die Besucher mit „Ist das auch kolonial?“-Fragen konfrontiert, die von Handy über Klamotten bis zu den Hottentotten-Enten im Luisenpark den Alltag berühren.

Um nicht nur in Archiven zu wühlen, hat sich das Marchivum von Akteuren wie dem Eine-Welt-Forum, der Black Academy der dem Arbeitskreis für Kolonialgeschichte inspirieren lassen. In Form von Interviews sowie einem umfangreichen Begleitprogramm wird dieser Austausch sicht- und hörbar. Auch Kulturbürgermeister Thorsten Riehle hat als Ex-Capitol-Chef mit der Sarotti-Debatte seine Erfahrung im Umgang mit dem kolonialen Erbe gemacht. „Es reichte von das Ist-doch-nur-Schokolade bis zur Betroffenheit, doch auch da gab es Unterschiede. Deutschland arbeitet die Jahre 1933 bis 1945 wie kein anderes Land auf, aber bei der Aufarbeitung des Kolonialismus stehen wir immer noch am Anfang“, sagt er.

Auch der Debatte um Straßennamen in Rheinau wird ein kleines Denkmal über den Umgang mit dem kolonialen Erbe gesetzt
Auch der Debatte um Straßennamen in Rheinau wird ein kleines Denkmal über den Umgang mit dem kolonialen Erbe gesetzt
Mehr zum Thema
x