Mannheim
Marchivum: Warum ein alter Bunker heute Dokumente schützt
Die Hitze muss draußen bleiben: Mit seinen über 1,50 Meter dicken Wänden ist der Ochsenpferchbunker ein wahrer Kältepool und gehört sogar offiziell zur Karte der kühlen Orte Mannheims. Sie gibt einen Überblick darüber, wo Bürger an heißen Tagen etwas Abkühlung finden können. 20 Besucher haben den Weg zu einer kostenlosen Führung im Marchivum gefunden. Manche betreiben Familienforschung, andere interessieren sich für die Mannheimer Stadtgeschichte und viele sind einfach neugierig darauf, einmal Räume des Bunkers betreten zu dürfen, da sie sonst verschlossen bleiben.
„Von Ende 1941 bis Anfang 1943 wurde der Bunker gebaut, es war der größte Hochbunker Mannheims“, führt Marchivum-Historiker Sebastian Steinert zunächst in die Geschichte ein. Insgesamt 46 Bunker wurden während des Zweiten Weltkrieges in der Quadratestadt errichtet. Bis zu 7500 Personen konnten im Schutzraum der Neckarstadt-West Unterschlupf finden. Nach dem Krieg diente er als Not-Unterkunft für Junggesellen und Obdachlose, im Kalten Krieg wurde er dann zum ABC-Bunker umgebaut.
Sanierung für 18 Millionen Euro
Als es im Collini-Center, wo das Stadtarchiv zuvor untergebracht war, zu einem Wasserschaden kam, entstand die Idee, in den leerstehenden Bunker umzuziehen. „Er ist in seiner Baufunktion schließlich prädestiniert, Schutz zu bieten“, sagt Steinert. 18 Millionen Euro kostete die Sanierung, zwei Glasgeschosse wurden aufgesetzt, von denen man nun einen herrlichen Blick über die Stadt genießen kann. Sie beherbergen Veranstaltungssaal, Leseraum, Büros für die Mitarbeiter und eine Terrasse, auf die sich die Besucher auch kurz wagen dürfen.
„Fenster im Bunker auszufräsen, wäre zu teuer“, erklärt Steinert, warum der Bau sonst äußerlich nicht verändert wurde. Als es von den oberen Etagen die Original-Sandsteinteppen abwärts geht, bleibt Steinert vor einer Glasfront stehen. Dahinter führt eine dunkle, schmale Treppe zu einer offen stehenden Schutztür. Ein Anblick, der beklommen macht, der Geschichte nicht verblassen lässt. Mit dem Marchivum aber ist ein neuer Geist in den Kriegsbau eingezogen, der die dunkle Vergangenheit etwa mit einem NS-Dokumentationszentrum aufgreift und in eine möglichst erhellende Gegenwart führt.
Schwer entflammbare Schutzverpackungen
Doch dazu braucht es – neben den bekannten Ausstellungsräumen – auch jede Menge Stauraum. Und den gibt es in den Magazin-Etagen. Würde man alle gesammelten Unterlagen aufreihen, man käme auf 18 Kilometer Archivgut, zeigt Steinert auf. Und wenn man so zwischen den Regalen umherläuft, steigt einem auch ein typischer Archivgeruch in die Nase. Nach altem Papier, mit einem Hauch von Leder und Tinte. „Tief einatmen“, scherzt Steinert und öffnet einen der speziellen Archiv-Kartons.
Die Schutzverpackungen sind basisch gepuffert, schwer entflammbar und halten bis zu 50 Jahre. Rund 100.000 solcher Kartons, gefüllt mit historischen Unterlagen, stapeln sich in den Magazinen. Ein paar Schritte weiter ist Steinert im Bibliotheksbestand mit über 30.000 Büchern rund um Mannheim angelangt. Mit weißen Handschuhen ausgestattet, blättert er im Ratsprotokoll von 1770. Ein mehr als dicker Wälzer, mit Seiten aus Hadernpapier (auch Lumpenpapier genannt), das aus alten Textilien hergestellt wurde.
Papierfischchen stellen eine Bedrohung dar
Die Feuchtigkeit in den Räumen werde zum Erhalt der historischen Schätze ständig reguliert. „Neben Wasser und Feuer gibt es aber noch einen natürlichen Feind des Archivs“, sagt Steinert und zeigt auf kleine Fallen. Diese sind nicht etwa für Mäuse, sondern für Papierfischchen, die sich gerne von Literatur, egal welcher Art, ernähren. Nachlässe, neues und altes Material für das Marchivum landet daher immer erst einmal in einer Art Quarantäne, ehe es in den Bestand übergeht.
Übrigens: Nicht immer geht es dem Archiv um den großen, historischen Fund. „Wir wollen vom Alltag der Menschen erzählen“, sagt Steinert. Das funktioniert auch mit Kunst im Treppenhaus. Ein Mural des Künstlerduos Sourati greift die Geschichte von Elfriede Eisenbeiser auf, die einen Luftangriff überlebte, bei dem die alte Jungbuschbrücke zerstört wurde und es für viele Menschen vor dem Bunker keine Rettung gab. Die Geschichte des Kriegsbaus wird so nicht verdrängt, das Archiv aber immer wieder um neue Kapitel rund um Mannheim erweitert.
Termin
Für alle, die Interesse haben: Auch zum Tag des Offenen Denkmals am Sonntag, 14. September, bietet das Marchivum kostenfreie Führungen an.