Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Marchivum: Neue Sonderausstellung zeigt Leben in den „Goldenen Zwanzigern“

 Leuchtende Einkaufsstadt: Kuratorin Anja Gillen blickt auf das Mannheimer Kaufhaus Wronker in den 1920er-Jahren.
Leuchtende Einkaufsstadt: Kuratorin Anja Gillen blickt auf das Mannheimer Kaufhaus Wronker in den 1920er-Jahren.

Varieté-Shows, Emanzipation, ausschweifende Partys: Von den „Goldenen Zwanzigern“ (1924 bis 1929) erzählt die Sonderausstellung „Wie Tag und Nacht“ im Mannheimer Marchivum.

Es beginnt beschwingt – mit einer Litfaßsäule auf Kopfsteinpflaster, geschwungenen Straßenlaternen und liebevollen Details. Mit nachgestellten Hausfassaden, Tapeten im Stil des Art déco, die damals nicht Vintage, sondern neu waren, sowie mit kunstvollen Plakaten, die das Planetarium oder Herschelbad zeigen. Selbst die Tür wird zum vertikalen Poster für das Strandbad, das in dieser Zeit entstand. „Willkommen in den 1920ern“, heißt es nun im unteren Bereich des Mannheimer Stadtarchivs. Und beim Zeitsprung um exakt 100 Jahre lassen sich erstaunliche bis erschreckende Parallelen zu den heutigen 20ern feststellen, obwohl die Politik – so weit es geht – ausgeklammert wird.

Nicht von der großen Weimarer Republik oder der Neuen Sachlichkeit, sondern vom Alltag der Menschen vor Ort will die Schau erzählen und Einblicke in das Leben der späten 1920er-Jahre gewähren. Wie ein Voyeur darf man durch Gucklöcher oder Briefschlitze in die Wohnverhältnisse spitzeln, die von einfachen Baracken bis zu Bauhausvillen reichten. „Es war eine Zeit der Gegensätze: zwischen Aufbruch und Armut, Moderne und Tradition, Glück und Elend“, sagt Anja Gillen, eine der Kuratorinnen.

24 Stunden Stadtgeschichte

Nicht als Phase zwischen den Krisen und Kriegen, sondern als eigenständige Zeit sollen die „Goldenen Zwanziger“ erfahrbar werden. „Es herrschte eine relative wirtschaftliche Stabilität, es war die Blütephase für Kunst und Kultur, eine Zeit des technischen und durchaus auch sozialen Fortschritts“, schildert Gillen bei einem Rundgang. Wie der Titel erahnen lässt, ist die Ausstellung wie ein Tag und eine Nacht aufgebaut, die Besucher sollen durch 24 Stunden Stadtgeschichte schlendern.

Möbel und Tapeten im Stil des Art déco – so präsentierte sich die gehobene bürgerliche Wohnkultur der Zeit.
Möbel und Tapeten im Stil des Art déco – so präsentierte sich die gehobene bürgerliche Wohnkultur der Zeit.

Der „Morgen“ ist geprägt von einer sich verändernden Arbeitswelt. 1925 sind 31 Prozent der Beschäftigten in Mannheim weiblich, Elisabeth Altmann-Gottheiner wird zur ersten Professorin in der Stadt ernannt, Schulen und Kindergärten erfahren eine Reformpädagogik, und in den Betrieben wird der Acht-Stunden-Tag eingeführt. Gleichzeitig wird ein Zölibat für Lehrerinnen, ein eigentlich bereits abgeschafftes Heiratsverbot, wieder ausgesprochen. Erst 1949 wird es ganz außer Kraft gesetzt. Die Arbeitslosigkeit steigt von Jahr zu Jahr. „Sicherlich war in den 1920ern nicht alles golden und erst recht nicht für alle“, sagt Gillen.

Durch die Inbetriebnahme des Großkraftwerks durchdringt das elektrische Licht den Alltag in Mannheim. Zu Hause und auf den Straßen. Das wird in der „Dämmerung“, dem zweiten Abschnitt der Ausstellung, deutlich. Die Menschen ziehen sich in ihre vier Wände zurück, lauschen dem neuen Medium Radio oder bestaunen die Leuchtreklamen der Kaufhäuser. Mehr noch aber reizt aus heutiger Sicht wohl das Nachtleben der 1920er mit zahlreichen Lichtspielhäusern und Theatern. Durch einen roten Vorhang hindurch kann man förmlich die Treppen zum damaligen Scala im Lindenhof hinaufgehen – und eintauchen in eine skurrile und schrille Varieté- und Schauspielerwelt.

Dunkle Seite der Nacht

Stars wie Heinrich George, die britische Tanzgruppe Tiller-Girls und schräge Damenimitatoren gaben sich in den Palästen der Zeit die Ehre. „Mannheim war nicht ,Babylon Berlin’, und doch wurde zum Teil wild und exzessiv gefeiert“, verrät Gillen. Mit „Mannheim im Licht“ wurde im Dezember 1928 zu einem illuminierten Kulturfest in den Quadraten eingeladen – der Beweis, dass die „Lichtmeile“ in der Neckarstadt oder die „Winterlichter“ im Luisenpark durchaus ihre Tradition haben.

Doch auch ein Licht auf die dunkle Seite der Nacht wird geworfen. „Geschäfte mit Lug und Betrug waren weit verbreitet“, sagt Gillen mit Blick auf ein Falschmünzer-Quartett aus Ludwigshafen oder eine Hochstaplerin, die die Männer bezirzte – und ausnahm. „Die Emanzipation hat in dieser Zeit auch vor Verbrechen nicht Halt gemacht“, erläutert die Kuratorin. Eine Bildtafel weiter lassen sich am Schicksal eines einfachen Arbeiters, der nach einer Rangelei von einem SA-Anwärter erschossen wird, erste dunkle Vorzeichen der 1930er-Jahre erahnen. Die Gegensätze in dieser Zeit sind bei „Wie Tag und Nacht“ immer spürbar. Bis zum 11. Mai ist die Sonderausstellung im Mannheimer Stadtarchiv (Archivplatz 1) zu sehen. Der Eintritt ist frei.

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