Ludwigshafen
Aus Familien-Villa wird ein Bürokomplex
Am Rand des Stadtteils Mundenheim in der jungen, damals zu Bayern gehörenden Stadt Ludwigshafen begann 1891 der 28-jährige promovierte Chemiker Friedrich A. – genannt Fritz – Raschig mit dem Aufbau eines Industriebetriebs. Dank seines Forscherdrangs und Erfindergeists ging es schnell bergauf mit dem jungen Unternehmen. Viele Patente zeugen von Raschigs Streben. Daneben war der Firmengründer auch politisch aktiv. Und zu einem großen Unternehmen gehörte in damaliger Zeit auch eine ansprechende Heimstatt für die Chefs – die Direktorenvilla.
1925 wurde die Raschig-Villa eingeweiht, die später um einen Bungalow und ein großes Gartenhaus ergänzt wurde. Das große Anwesen, mitten in einem 15.000 Quadratmeter großen Park gelegen, diente über viele Jahrzehnte Mitgliedern der Gründerfamilie, die bis zum Jahr 1996 auch die Firmenchefs stellte.
Ein „Baukultur-Zeugnis“
Nach vielen Jahren des Leerstands aber soll aus dem ehemaligen Chefwohnsitz ein modernes Bürogebäude mit bis zu 12 Einheiten werden. Warum sich das Chemieunternehmen, das seit 1996 eine Tochter des kalifornischen Unternehmens PMC Global Inc. ist, entschlossen hat, das stark in die Jahre gekommene Anwesen zu sanieren und wie viel Geld es in die Sanierung steckt, darüber schweigt sich Raschig aus. Betrachtet man die Versprechungen, die das Unternehmen auf seiner Website zum künftigen Innenleben gibt („Exclusive Ausstattung, Einbau eines Aufzugs“) sowie die angekündigte „energetische Kernsanierung“ und den Bau von Pkw- und Fahrradstellplätzen, dürften es mehrere Millionen Euro sein.
Vorgesehen sind Büroräume von etwa 78 bis 299 Quadratmetern Grundfläche, die nach Bedarf etagenweise zusammengelegt werden können. Späteren Nutzern soll es auch möglich sein, den Park, der derzeit noch durch eine hohe Mauer von der Böcklinstraße getrennt ist, zu betreten. Die Öffentlichkeit wird aber keinen Zugang erhalten.
Beachtet werden müssen bei der Sanierung auch Aspekte des Denkmalschutzes. Das Gebäude ist 1999 in die Denkmalliste aufgenommen worden, weil das „einschließlich der originalen Einfriedung und der Giebelgauben weitgehend unverändert erhaltene Bauwerk (...) ein seltenes Zeugnis der Baukultur der 20er Jahre mit stark individuellen Zügen“ ist.
In der Topografie ist die Villa zudem so beschrieben: „Großvolumiger, zweigeschossiger Putzbau unter biberschwanzgedecktem Walmdach mit anspruchsvoller Hausteingliederung in expressionistisch inspirierten, zeittypischen Formen. Durch übergiebelte Eckerker wird eine interessante Grundrisskonzeption geschaffen. An beiden Straßenseiten hinter Freitreppen repräsentative, rundbogige Portale mit reicher Profilierung.“
Umweltskandale in den 90ern
Wohnraum wird es in der Villa künftig allerdings nicht mehr geben. Planungsrechtlich sei dies nicht mehr möglich, weil die Villa direkt neben dem Chemiebetrieb Raschig liegt, sagt Matthias Ehringer von der Unteren Denkmalbehörde der Stadt. Auch wenn in den vergangenen Jahren sich die Produktion verkleinert hat, immer wieder Arbeitsplätze abgebaut wurden. Knapp 600 Menschen beschäftigte Raschig Mitte der 1990er-Jahre. Derzeit sind es noch 150, bis Jahresende fallen 19 Stellen weg.
Die frühen 90er-Jahre waren keine einfachen für das bis dato familiengeführte Unternehmen. Um zu verhindern, dass das mit Chemikalien stark belastete Grundwasser unter dem Firmengelände die städtischen Trinkwasserbrunnen erreicht, wurde 1997 mit einer sehr aufwendigen Grundwassersanierung begonnen, die noch heute läuft. Die Stadt, das Land Rheinland-Pfalz und Raschig hatten damals einen Vertrag geschlossen. Die Betriebskosten, die sich die Projektpartner teilen, sind enorm. Allein bis 2016 flossen fast 20 Millionen Euro in die Sanierung.
Großen Ärger brachte 1993: Nach einer Betriebsstörung war Firmenabwasser stark mit Lösungsmitteln verunreinigt, Anwohner beschwerten sich massiv über die Geruchsbelästigung. Auch die Staatsanwaltschaft wurde aktiv und viele Behörden verschärften die Kontrollen. Abwasser wird seither durch einen stärker mit Haushaltswasser gefüllten Kanal zur Kläranlage der BASF geleitet.
Doch für die Familie sollte es noch schlimmer kommen. Nach dem frühen Tod von Gert Raschig, Enkel des Firmengründers, kam es unter den verbliebenen Anteilseignern der damaligen Familien-AG zu Streitigkeiten, die die Arbeit in Vorstand und Aufsichtsrat blockierten. Die Banken machten Druck; die Familie musste sich aus den Gremien zurückziehen und es kam ein Sanierer in das neu geschaffene Amt des Vorstandsvorsitzenden. 1996 wurde das Unternehmen verkauft, aus der Raschig Aktiengesellschaft wurde wieder eine GmbH, deren Geschäftsleitung in den USA sitzt.
Zur Person
Fritz Raschig wurde 1863 in Brandenburg an der Havel geboren. Er war das älteste von 13 Kindern eines Tuchmachers. Nach dem Studium in Berlin und Heidelberg arbeitete er zunächst bei der BASF, gründete aber schon drei Jahre später seine eigene Firma. Raschig war Mitglied des Stadtrates, Reichstagsabgeordneter für die Demokratische Partei und war – als Abgeordneter der verfassungsgebenden Nationalversammlung – einer der Väter der Weimarer Verfassung. Raschig hatte auch eine soziale Ader. In seiner Firma wurde 1905 der erste Lohntarifvertrag der chemischen Industrie der Pfalz umgesetzt. 1916 schenkte er der Stadt ein 22 Hektar großes Areal auf dem Hochfeld, um Wohnungen für Kriegsheimkehrer zu bauen – die heutige Gartenstadt. Seine Erfindung der Raschig-Ringe, mit deren Hilfe Lösungsmittel von Verunreinigungen befreit werden, hielt er über zehn Jahre lang geheim und die Konkurrenz im Unklaren darüber, wieso Substanzen aus Mundenheim so rein waren. Raschig starb 1928 in Duisburg.