Ludwigshafener Geschichte(n)
Wie die Unternehmerdynastie Raschig die Stadt mitgeprägt hat
Die Nachfahren des Firmengründers Fritz Raschig (1863-1928), eine Erbengemeinschaft von Gert Raschig (1940-1993) und dessen Vetter Frieder, verkauften das Unternehmen 1996 an den US-Unternehmer Philip E. Kamins in Sun Valley in Kalifornien, dessen PMC-Unternehmensgruppe seitdem neuer Besitzer ist. Im Alter von 86 Jahren ist zudem die einstige Seniorchefin Anneliese Raschig am 31. August dieses Jahres gestorben.
Ein „Knatsch“ wegen einer Urlaubsverweigerung mit seinen Vorgesetzten bei der BASF war am 27. Dezember 1890 der Grund für das Ausscheiden des damaligen Betriebsleiters Fritz Raschig aus dem späteren Weltunternehmen, wo er für Benzoe-, Karbol- und Pikrinsäure zuständig war. Darüber berichtete der ehemalige Raschig-Laboratoriumsleiter Wilhelm Mathes schon vor 70 Jahren in einem Buchbeitrag über „Ludwigshafener Chemiker“.
Erbschaft als Startkapital
Der impulsive Chemiker aus Brandenburg, der aus einer Tuchmacherfamilie in Jessen bei Wittenberg stammte, nutzte eine Erbschaft, um im Oktober 1891 eine eigenes kleines Chemieunternehmen zu gründen – das im Volksmund so genannte „Fabrikl“ auf der „Jungfernwiese“ an der Mundenheimer Landstraße. Er begann mit zehn Mitarbeitern in Ludwigshafen, weil er dort dank BASF, Knoll, Benckiser und Giulini „eine intelligente Arbeiterschaft“ vorfand. Der Anfang war schwer, denn aus den betriebseigenen Brunnen am Hochwasserdamm zwischen dem Hecknerschen Weiher (wo sich heute Sportanlagen befinden) und einem Altrheinarm floss nur Wasser für Kühlzwecke – Trinkwasser musste mit Fass und Fuhrwerk aus Mundenheim herbeigekarrt werden. Das junge Unternehmen beschäftigte sich zunächst mit der Destillation von englischer Rohcarbolsäure, die in ihre Bestandteile (unter anderem Phenol) zerlegt wurde.
Doch Raschig dachte weiter und entwickelte spezielle Füllkörper für die Destillation: Zunächst aus Weißblechabfällen, dann aus Eisen und Steinzeug und schließlich aus Zinn – aber befriedigen konnten ihn diese Lösungen nicht. Als er auf einer Abfallhalde im Firmenhof einen abgebrochenen Flaschenhals entdeckte, machte es – so die Jubiläumsschrift „75 Jahre Raschig“ von 1966 - „Klick“: Damit füllte er die „Kolonnen“ für die Destillation, verbesserte deren Füllmasse zunächst durch Fingerhüte, dann durch kleine, zurechtgeschnittene Rohrstücke – die tadellose Trennung von Stoffgemischen war erfunden, die später als „Raschig-Ringe“ Weltruf erlangte. Über 15 Jahre lang hielt er das Verfahren geheim – erst 1914 meldete er es als Patent an, als die ebenfalls forschende Konkurrenz immer näher kam.
Teer für Straßen
Den Grundstoff Teer stellte er inzwischen selber her, als seit 1900 die Engländer eine Ausfuhrsperre für Rohcarbolsäure verhängten. Und fand dabei ein weiteres Geschäftsfeld – den Straßenbau. 1907 meldete er zum Patent ein „Verfahren zur Herstellung staubfreier und wasserundurchlässiger Straßen“ an – bis dahin hatten die noch wenigen Autos auf Schotter- und Sandstraßen dicke Staubwolken hinter sich hergezogen. Erst als nach 1925 flüssige Bitumenemulsionen in Gebrauch kamen, schlief dieser Produktionszweig „Kiton“, mit dem er sogar das ferne Australien erreichte, allmählich ein.
Doch da hatte Raschig bereits eine neue ertragreiche Idee: Sein Unternehmen produzierte die Kunstharze „Dekorit“, „Leukorit“ und „Vigorit“, mit denen Schirm- und Messergriffe, Schachfiguren und am Ende sogar Billardbälle hergestellt wurden, die wegen ihrer Homogenität den „natürlichen“ Elfenbeinkugeln weit überlegen waren. Für seine „Raschig-Ringe“ baute er in Ludwigshafen 1921 die „Keramischen Werke Raschig AG“. Und zwischendurch hatte er in Südbaden auch ein Heilbad begründet: Auf der Suche nach Erdöl stieß das von ihm beauftragte Ludwigshafener Bohrunternehmen Johannes Brechtel am 23. Juli 1911 im Weindorf Krozingen in 424 Metern Tiefe auf eine 40 Grad heiße Kohlensäurequelle. Das war die Geburtsstunde des Thermalbadeorts Bad Krozingen.
Politisch engagiert
In diesen Jahren war Raschig in Ludwigshafen aber auch politisch und sozial engagiert. Von 1900 bis 1928 gehörte er als DDP-Mitglied dem Stadtrat an, saß 1919/1920 in der Nationalversammlung in Weimar und von 1924 bis 1928 im Berliner Reichstag. Von 1925 bis 1927 war er Vizepräsident der Deutschen Chemiker-Gesellschaft – die Uni Heidelberg und die TH Darmstadt hatten ihn da bereits zum Ehrendoktor ernannt. Dass die Gartenstadt entstand, verdankt Ludwigshafen dem Chemiker: Er schenkte der Stadt 1916 ein Gelände von 200.000 Quadratmetern für den Bau von Wohnhäusern für heimkehrende Weltkriegssoldaten.
Eine dramatische Lebensphase gab es für Raschig 1923, als man in seiner Ludwigshafener Fabrik während der Auseinandersetzung um die Ruhrbesetzung mit den Franzosen zwei „requirierte“ Loks versteckte. Raschig wurde zu fünf Jahren Haft und einer Geldstrafe verurteilt. Der Haft entging er durch die Flucht nach Heidelberg, wo er vorübergehend bei der Uni tätig wurde.
Schlaganfall erlitten
Raschig erlitt 1927 in seinem Feriensitz Modenbacher Hof in der Südpfalz einen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholte. Eine zweite Attacke am 4. Februar 1928 im Bahnhof von Duisburg beendete sein Leben im Alter von 64 Jahren. Seine Söhne Kurt und Klaus übernahmen das Unternehmen, das inzwischen im PMC-Besitz mit seinen etwa 250 Mitarbeitern zuletzt rund 150 Millionen Umsatz auswies. Sein Enkel Gert machte Karriere im Motorsport: Der spätere pfälzische ADAC-Sportleiter wurde 1962 mit Helmut Bein Deutscher Tourenwagenmeister und 1968 mit Wulf Biebinger Deutscher Rallyemeister.
Großvater Fritz war übrigens einer der ersten Autobesitzer Ludwigshafens und fuhr bis in die 20er Jahre einen mehr als mannshohen Opel (Baujahr 1908). Seine Argumentation für das hochgebaute Fahrzeug: „Da kann man wenigstens mit dem Zylinder noch rein.“