Auf dem Weg zum großen Auftritt (2) RHEINPFALZ Plus Artikel Achtköpfiges Nähteam stattet 90 Musical-Darsteller aus

Anpassen, umschneidern, zunähen: Heike Unfricht hat mit ihrem Nähteam alle Hände voll zu tun.
Anpassen, umschneidern, zunähen: Heike Unfricht hat mit ihrem Nähteam alle Hände voll zu tun.

90 Darsteller für das Musical „Backstage“, das im Mai in Oppau uraufgeführt werden soll, bedeuten auch 90 Kostüme plus Requisiten. Mindestens, denn manche ziehen sich mehrfach um. Welche Frauen die alle schneidern und anpassen, aus Spaß an der Show.

Für diesen Job muss man die Ruhe weg haben. Nicht nur, um sich nicht versehentlich mit der Nadel in den Finger zu stechen. Sondern vor allem, um diese beim Blick auf den Berg an Arbeit nicht vor Schreck aus der Hand fallen zu lassen. Heike Unfricht und ihr siebenköpfiges Team sind verantwortlich dafür, dass Mitte Mai Dutzende Tänzer und Sänger so eingekleidet sind, wie der Stuttgarter Regisseur Ernst Voigt sich das vorstellt.

Genauer gesagt: Wie er sich das vorstellt, nachdem er sich mit Heike Unfricht beratschlagt hat, was an Extravaganzen realisierbar ist oder nicht. Denn für das Musical gibt es keine Blaupause. In Handlung, Choreographie und eben Ausstattung ist es in den Köpfen von Voigt und Komponist Marius Müller gereift und wird bis zu seiner Premiere im Bürgerhaus nach und nach an Kontur gewinnen.

50 Uniformen umschneidern

Seit Oktober studieren die Darsteller aus ganz Deutschland an langen Wochenenden in Friesenheim ihre Rollen, Melodien und Schrittfolgen. Parallel dazu verfolgen der Vorsitzende der Friesenheimer Karnevalgesellschaft Eule, Andreas Landwehr, gewissermaßen als Produzent, und seine Schwägerin Heike Unfricht für die Kostüme die Entwicklung am Rande und leisten tatsächlich backstage ihren Beitrag dazu, dass die Akteure im Rampenlicht strahlen können.

Der logistische Aufwand ist beträchtlich: Allein 50 Uniformen in allen Konfektionsgrößen hat die Chef-Schneiderin mit ihrer Crew anzupassen, mit Pailletten und Strasssteinchen zu besetzen, zu waschen und zu bügeln. „Von Größe 104 bis 2XL ist alles vertreten“, weiß Unfricht aus der Besetzungsliste. Dazu kommen 40 Perücken, zig Kopfbedeckungen und Requisiten wie eine Bürgermeisterkette, die organisiert werden wollen. Ein Wochenende ging alleine drauf, um 40 Oberteile zuzuschneiden und umzunähen.

Geflasht vom Regisseur

Und das war nur das Pensum von Heike Unfricht, Ehefrau des Stadtgarde-Vorsitzenden Steffen Unfricht. Ihr Team ergänzen sechs weitere Frauen und ein Mann, die sich nicht weniger enthusiastisch an die Arbeit machen: Bianca Künstler und Franziska Langohr aus Limburgerhof, Conny Lilli, Marco Sauer und Claudia Prosswitz aus Mannheim, Ines Ungefehr aus Lambsheim und Dagmar Schirmel aus Stuttgart.

Und was treibt sie an, unzählige Stunden im Hintergrund zu wirken und für drei geplante Auftritte an einem Wochenende die zigfache Anzahl an Arbeitsstunden zu investieren? „Der Flash, als ich von diesem einmaligen Projekt gehört habe und die Überzeugungskraft von Regisseur Ernst Voigt“, meint Unfricht wie aus der Pistole geschossen. Vorige Ostern hatte sie sich mit ihm und Landwehr erstmals zusammengesetzt – und seitdem wird nach Kostümen gestöbert, wird angepasst und zugenäht.

In Windeseile umziehen

Wenn sich dann Mitte Mai endlich der Vorhang zum Opening hebt, ist die Arbeit des Nähteams längst nicht erledigt. Im Gegenteil: Dann liegt es in den Händen des achtköpfigen Teams, dass die Darsteller zwischen den Szenen in Windeseile in die nächste Kostümierung schlüpfen können. Allein das ist aufgrund der schieren Masse auf der Bühne eine derartige logistische Herausforderung, dass die Friesenheimer Veranstalter ins größere Oppauer Bürgerhaus ausweichen mussten. Die Rechnung geht auf: Mit fast 2000 bereits verkauften Karten sind alle drei Vorstellungen jetzt schon so gut wie ausverkauft.

Dass Heike Unfricht für die gute Sache nähen würde, was das Zeug hält, diesen Wunsch konnte sie ihrer Schwägerin Simone Landwehr, Gardetrainer bei den Friesenheimer Eulen nicht abschlagen. Dass sie aber auch gleich noch ein ganzes Team koordinieren sollte, das sie sich erstmal selbst zusammenstellen musste, das war schon eine Nummer größer für die Lambsheimerin mit Ludwigshafener Wurzeln.

Karnevalsverrückte Familie

Weil sie so karnevalsverrückt ist wie der Rest der Familie, schreckte die 51-Jährige auch vor dieser Verantwortung nicht zurück. Dass sie in der regionalen Szene bestens vernetzt ist, hat ihr geholfen, rasch Helferinnen und einen Helfer zu finden, die sich hauptsächlich online abstimmen. Sie kennen sich so gut, dass es bei der Verteilung der Arbeitsaufträge nicht viel Wort und Abstimmung braucht.

„Wir nähen Tag für Tag, sonst kommen wir nicht rum“, berichtet Heike Unfricht. Details zu den Kostümen dürfen noch nicht gelüftet werden. Aber die Choreographie sieht allein drei Schautänze mit jeweils 40 Tänzerinnen und Tänzern von Jung bis Alt vor. Die Hauptdarsteller des Musicals um Intrigen zwischen zwei Karnevalsvereinen müssen sich drei bis vier Mal umziehen. Hemden mit Knopfleisten würden da den Zeitplan sprengen, Reißverschlüsse sind Allzweckwaffen. Mitunter wird es auch ein Zwiebellook sein müssen, um sich hinter der Bühne rasch die oberste Schicht abstreifen zu können. Und manchen Teenagern wird die Garderobe erst nach Aschermittwoch angepasst. „Nicht, dass die uns wieder rauswachsen“, spricht die Expertin aus Erfahrung.

Im Rampenlicht stehen die emsigen Schneiderinnen zwar nicht, aber darauf legen sie auch keinen Wert. „Für mich ist es Dank genug, in die strahlenden Augen all derjenigen zu blicken, die ihr eigenes maßgeschneiderten Kostüm bekommen“, meint Unfricht. „Oder wenn mich ein Kind seinen Eltern vorstellt mit den Worten: Das ist die Frau, die mich zum Star macht.“

Termine

Premiere für „Backstage live“ ist am 20. Mai, 19 Uhr, im Bürgerhaus Oppau. Weitere Aufführungstermine sind am 21. Mai um 14 und um 19 Uhr. Kartenvorverkauf und Infos per Mail unter info@musical-backstage-live.de oder im Netz unter www.musical-backstage-live.de .

Die Serie

In loser Folge wollen wir die Realisierung des Musical-Projekts begleiten, von den Proben über die Logistik bis hin zu den Zuarbeiten durch die Näherinnen oder Bühnenbildner. Den ersten Teil lesen Sie hier.

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