Mannheim
Abendakademie: Ausstellung über die Verfolgung queerer Menschen in NS-Zeit
„Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ sang Zarah Leander in den 1940-Jahren und traf damit den Nerv vieler Deutscher, die sich im Stillen ein Ende des Krieges, der Unfreiheit und des Mordens herbeisehnten. Die NS-Propaganda eignete sich den Schlager als musikalische Durchhalteparole an, doch sein Verfasser Bruno Balz hatte den Text bewusst zweideutig gehalten. Als Homosexueller gehörte er zu den Verfolgten des Dritten Reiches und überlebte die schreckliche Zeit nur knapp.
Den Verfolgten des Naziregimes zum Gedenken intonierte der schwule Männerchor der Rhein-Neckar-Region Rosakehlchen das Stück und läutete damit die Eröffnung der Wanderausstellung im Foyer der Abendakademie ein. Sie trägt den Namen „Gefährdet leben. Queere Menschen 1933-1945“ und beleuchtet ein Kapitel der deutschen Geschichte, das nach und nach aufgearbeitet wird.
Zwölf Jahre Vorbereitung
Träger der Ausstellung ist die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, deren Projektleiter Helmut Metzner die Eröffnungsrede hielt. Auch die Geschäftsführerin der Abendakademie, Susanne Deß, und Kultur-Bürgermeister Thorsten Riehle (SPD) ergriffen das Wort. Riehle sprach von einem „richtigen Zeichen in bewegten Zeiten, da sich queere Menschen wieder mehr Anfeindungen ausgesetzt sehen“. Vieles, was sich derzeit abspiele, habe er so nicht mehr für möglich gehalten, befand Riehle. Moderiert wurde das Rahmenprogramm der Vernissage von der städtischen LSBTI-Beauftragten Margret Göth.
Von der Vorbereitung bis zur Realisierung der Schau im Jahr 2023 im Deutschen Bundestag gingen zwölf Jahre ins Land, ehe die ersten Besucher die Wanderausstellung in Augenschein nehmen konnten. Das geschah, nachdem beim Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag am 27. Januar desselben Jahres zum ersten Mal die queeren Opfer der NS-Zeit im Fokus gestanden hatten. Mit den mithilfe von fünf „Inseln“ präsentierten Informationen wollen die Verantwortlichen das Thema „Ausgrenzung und Verfolgung der Menschen“ einem breiten Publikum zugänglich machen.
Wege der Selbstbehauptung
Dabei geht es auch um die Darstellung ambivalenter Lebensgeschichten im Kontext der Zeit von 1933 bis 1945. Diese werden auf Stellwänden mit Fotografien, Dokumenten, Grafiken und Zitaten nachgezeichnet. Darunter befindet sich Material, das bisher noch nicht in der Öffentlichkeit gezeigt wurde. Den Machern war es auch wichtig, Wege der Selbstbehauptung in einer unmenschlichen Lebenswirklichkeit zu erzählen.
„Das Gezeigte soll zum Nachdenken über das Unrecht anregen, das den Betroffenen auch in Mannheim widerfahren ist“, machte Helmut Metzner deutlich. Er verwies auf einen Bestandteil der Ausstellung, der der Diskriminierung auch nach 1945 gewidmet ist. Letzteres ist im Zusammenhang mit der Weiterverwendung des Paragrafen 175 sowohl im Strafrecht der Bundesrepublik als auch der DDR zu betrachten. Das Vorgehen seitens der Behörden habe einer queeren Emanzipation noch lange Zeit im Weg gestanden, so Metzner. „Erst im Jahr 1994 wurde dieser Paragraf endgültig abgeschafft.“
Bemerkenswerte Geschichten
Die Ausstellung klärt an ihren Stationen über solche „Fangnetze“ des Rechts, die Ausprägungen von Willkür und Terror sowie die Folgen bis hin zur Ermordung von queeren Menschen in den Konzentrationslagern der Nazis auf. Gezeigt werden aber auch bemerkenswerte Geschichten von Selbstbehauptung und Eigensinn, die Menschen das Überleben in einer feindseligen Umgebung ermöglicht haben.
Eine Überlebensstrategie war die „Maskierung“ der sexuellen Identität, indem Betroffene öffentlich eindeutig heterosexuelle Signale aussendeten. Zu diesen Methoden gehörten Schutzehen, die queere Menschen mit Freundinnen oder Freunden eingingen, die auf diese Weise helfen wollten. Andere, die sich dem Verfolgungsdruck entziehen mochten, gingen den Weg in die Emigration.
Außergewöhnlich und bisweilen verstörend sind Biografien, die queere Menschen auch als Täter im Getriebe des Naziregimes offenbaren. Unter ihnen Angehörige von SA, SS und anderen Organisationen. Allein wegen solch wenig bekannter Facetten lohnt ein Besuch der Ausstellung, die bis 27. März kostenlos im Foyer der Abendakademie zu sehen ist und von ergänzenden Veranstaltungen in Mannheim begleitet wird.