Ludwigshafen
166 Deportationen an einem Tag: Stolperschwelle soll an Opfer der „Polenaktion“ erinnern
Auf dem Hans-Klüber-Platz, vor dem Haupteingang der Philharmonie, liegt seit Montag eine Stolperschwelle. Sie ist Teil des Stolpersteine-Projekts von Künstler Gunter Demnig, der seit den frühen 1990er-Jahren die messingfarbenen Gedenktafeln in das Straßenpflaster einlässt. Was als Kunstprojekt begann, ist über die Jahre zu einem Denkmal geworden, das mit mehr als 100.000 verlegten Steinen in knapp 1900 Kommunen über die Grenzen Europas hinausgeht.
Rund 17.000 Menschen wurden deportiert
Die neu verlegte Stolperschwelle erinnert an die Deportation von 166 deutsch-polnischen Jüdinnen und Juden Ende Oktober 1938 im Zuge der sogenannten „Polenaktion“. Nach der Annexion Österreichs im Frühjahr 1938 befürchtete das polnische Parlament eine massenhafte Rückkehr polnischer Staatsangehöriger, die bis dahin im Ausland gelebt hatten. Deshalb verabschiedete es ein Gesetz, welches es möglich machte, polnischen Bürgerinnen und Bürgern, die länger als fünf Jahre außerhalb Polens gelebt hatten, die Staatsbürgerschaft zu entziehen.
Darauf reagierte die nationalsozialistische Regierung mit der überstürzten Ausweisung aller Jüdinnen und Juden mit polnischem Pass. Rund 17.000 Menschen wurden innerhalb von 24 Stunden ihrem Leben entrissen, in Abschiebehaft gesteckt und dann in Sammeltransporten an die deutsch-polnische Grenze gebracht. Sie durften nur wenige ihrer Habseligkeiten mitnehmen und hatten keine Zeit, ihre Angelegenheiten zu Hause zu regeln. Viele Wohnungen wurden in ihrer Abwesenheit geplündert. Die meisten der Deportierten überlebten die Zeit nach dem Einfall der Wehrmacht in Polen am 1. September 1939 nicht.
Die Erinnerung soll wachgehalten werden
Der Standort der Stolperschwelle sei aufgrund der Nähe zum früheren Marktplatz der Stadt gewählt worden, wo sich das wirtschaftliche Leben vieler ostjüdischer Familien in Ludwigshafen abgespielt hatte, erklärt Monika Kleinschnitger vom Verein „Ludwigshafen setzt Stolpersteine“. Auch die ostjüdische Synagoge habe sich hier befunden. Diese ist während der Pogrome im November 1938 niedergebrannt worden. „Wir wollen die Erinnerung an die Verfolgten wachhalten und ihre Geschichten und Schicksale erzählen“, so Kleinschnitger.
Auch OB Klaus Blettner (CDU) nimmt teil und spricht sich für mehr Verantwortungsbewusstsein innerhalb der Gesellschaft aus: „Rassismus endet nicht im Wort, sondern in Taten. Erinnerung allein genügt nicht; aus dem Gedenken erwächst Verantwortung.“
Stolperstein-Verlegungen bringen Familien zusammen
Im Anschluss stellen Studierende der Universität Mannheim einige der Menschen vor, die 1938 aus Ludwigshafen deportiert wurden. Mithilfe von Erlebnisberichten beschreiben sie die unmenschliche Behandlung, die den Jüdinnen und Juden von den Beamten entgegengebracht wurde und die unwürdige Unterbringung in Abschiebehaft und den Auffanglagern an der Grenze, die für so viele Menschen nicht vorbereitet waren.
Oft seien es die Angehörigen derer, die die Shoah überlebten und es ins Ausland schafften, die Stolpersteinverlegungen initiierten, so Kleinschnitger. Sie kämen mit einem Namen oder Datum auf Vereine wie „Ludwigshafen setzt Stolpersteine“ zu, und dann gehe die Recherche los. „Stolpersteine und –schwellen sind sehr wichtig für die Angehörigen und ihre Familien“, erklärt Kleinschnitger. „Oft erleben wir im Zusammenhang mit dem Verlegen der Steine ganze Familienzusammenführungen. Sie kommen aus den USA, Großbritannien oder Israel angereist und treffen sich dann hier zum ersten Mal. Das ist immer etwas ganz Besonderes.“
Termin
Am Donnerstag, 12. März, um 18.30 Uhr, stellen Studierende der Universität Mannheim die Ergebnisse des Projektseminars zum Thema „Aus der Mitte der Stadt gerissen – Gedenken an die Opfer der Polenaktion 1938“ vor. Treffpunkt ist das Stadtarchiv Ludwigshafen, Rottstraße 17.