Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Überfüllte Bereitschaftspaxis: Leiter appelliert an Patienten

Bis zu fünf Stunden Wartezeit gab es rund um die Weihnachtsfeiertage in der Ludwigshafener Bereitschaftspraxis in der Steiermark
Bis zu fünf Stunden Wartezeit gab es rund um die Weihnachtsfeiertage in der Ludwigshafener Bereitschaftspraxis in der Steiermarkstraße.

Überfüllte Bereitschaftspraxen an Weihnachten und zwischen den Jahren haben zu einer Debatte geführt, in der es jede Menge Schuldzuweisungen gibt. Wie er die Situation einschätzt und welches Patientenverhalten er erlebt, das hat Eva Briechle den Leiter der Ludwigshafener Bereitschaftspraxis, Karl Barwich, gefragt.

Herr Barwich, wie wird in Bereitschaftspraxen die Personalplanung für Zeitfenster wie jenes rund um Weihnachten gemacht, in denen etliche Hausarztpraxen auch geschlossen haben?
In den vergangenen Jahren hat es ja einigermaßen gut geklappt mit der Versorgung über die Weihnachtsfeiertage und auch zwischen den Jahren. Das heißt, daran haben wir uns bei der diesjährigen Bedarfsplanung orientiert, die wir schon im Oktober gemacht haben.

„Wir“ ist in diesem Fall wer? Das Team, das für die Ludwigshafener Bereitschaftspraxis mit ihrem Einzugsgebiet bis Bad Dürkheim, Grünstadt und Frankenthal zuständig ist?
Ja, im Grunde aber tatsächlich die ganze Kassenärztliche Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz mit ihren im Land verteilten Bereitschaftspraxen. Der Planung haben dabei hauptsächlich Erfahrungswerte zugrunde gelegen.

Und dann ist was genau schief gegangen?
Dann wurden wir mit einer enormen Erkältungs- und Grippewelle konfrontiert, die offensichtlich dafür gesorgt hat, dass unsere Planung nicht aufgegangen ist. Wir haben uns zwar bereits gedacht, dass es in diesem Jahr ein höheres Patientenaufkommen geben könnte, aber dass es solche Ausmaße annehmen würde, haben wir nicht vorausgesehen.

Wie viele Ärzte waren an Weihnachten und zwischen den Jahren in der Ludwigshafener Bereitschaftspraxis eingesetzt?
Es waren immer zwei Ärzte im Tagdienst und dann nahtlos zwei im Nachtdienst tätig. Zusätzlich war ein Kinderarzt von 9 Uhr bis 21 Uhr an den Feiertagen da.

Wie hat ihr Team den großen Andrang mit Wartezeiten bis zu fünf Stunden erlebt und bewältigt?
Es wurde weggeschrubbt und gerödelt wie bei den Brunnenputzern, um es mal ganz salopp zu sagen. Der Standort Ludwigshafen ist ja rund um die Uhr besetzt, da war – inklusive mancher Stoßzeiten – durchgängig sehr viel zu tun. Andere Praxen, wie zum Beispiel jene in Bad Dürkheim oder Speyer, die normalerweise nur bis 23 Uhr besetzt sind, konnten erst um 1 Uhr oder 2 Uhr Schluss machen.

Offensichtlich gab es etliche Patienten, die wegen einer Krankmeldung die Bereitschaftspraxen aufgesucht haben.
Ja, das waren in ganz Rheinland-Pfalz rund ein Drittel aller Patienten, bei uns in Ludwigshafen lag dieser Anteil bei etwa 36 Prozent.

Ihre Meinung dazu?
Manche hätten sich aus meiner Sicht auch beim Hausarzt telefonisch krankmelden können. Bei Infekten der oberen Atemwege ist das bis Ende März nach wie vor möglich – das geht auch bis zu drei Tage rückwirkend. Und dann gab es durchaus auch diejenigen, die ihre Urlaubstage sichern wollten. Die also unbedingt am ersten Tag der Erkrankung eine Krankmeldung haben wollten, weil sie jetzt wegen eines Infekts nicht arbeiten konnten. Meine Meinung in solchen Fällen: Dann muss man dafür eben auch anstehen.

Es gab auch Kritik seitens der Kassenärztlichen Vereinigung, dass die Patienten teils mit einem Krankheitsbild in die Bereitschaftspraxen kamen, bei dem gar keine Eile geboten war. Wie nehmen Sie das wahr?
Ich beobachte schon seit mehreren Jahren den Trend, dass bei den Patienten immer mehr die Eigenverantwortung flöten geht. In manchen Bevölkerungsschichten schlussfolgert man gar nicht mehr: Ich hab ein bisschen Husten, ein bisschen Schnupfen, aber kein hohes Fieber – ich leg mich mal ins Bett, trinke Salbeitee und schaue wie es sich die nächsten Tage entwickeln. Da herrscht eher die Anspruchshaltung, zu jeder Zeit und wegen jeder noch so beliebigen Erkrankung einen Arzt sehen zu müssen.

Sind wir also an dem Punkt, an dem man auch in Rheinland-Pfalz sogenannte Portalpraxen in den Krankenhäusern einrichten sollte? Diese wären der Notaufnahme und der Bereitschaftspraxis vorgeschaltet, Patienten würden dort über einen zentralen Empfang zum richtigen Behandlungsort weitergeleitet.
In diesem Zusammenhang war unter Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bereits eine Änderung geplant, die dann aber nicht umgesetzt wurde. Die Kassenärztliche Vereinigung wartet an diesem Punkt sozusagen immer noch auf die Politik. Es laufen aber schon Modellversuche, zum Beispiel in Mainz, wo erprobt wird, ob ein solches „Ein-Tresen-Modell“ gut funktioniert.

Würden Sie persönlich solche Portalpraxen als sinnvoll erachten?
Ja, und ein Stück weit handhaben wir das telefonisch ja auch schon so. Über die Telefonnummer 116117 des ärztlichen Bereitschaftsdiensts versuchen wir ja bereits zu entscheiden: Ist das ein Notfall, der den Rettungsdienst erfordert, eher ein Fall für die Bereitschaftspraxis oder kann der Patient am nächsten Tag zum Hausarzt gehen? Aber das funktioniert einfach noch nicht so gut.

Vielen Menschen fehlt an dieser Stelle glaube ich aber auch der Überblick. Die setzen sich dann ins Auto und fahren einfach zur nächstmöglichen Anlaufstelle, oder nicht?
Genau. Manche, die zu uns in die Bereitschaftspraxis kommen, denken, dass sie sich in der Notaufnahme befinden. Da wird dann gefragt: „Wieso wird jetzt kein Blut abgenommen? Das war doch letzte Woche in der Notaufnahme schon so.“ Oder: „Warum machen Sie keinen Ultraschall, das hab ich das letzte Mal in der Notaufnahme auch bekommen.“

Geben Sie uns bitte mal ein Beispiel für eine absolut unnötige Inanspruchnahme der ärztlichen Bereitschaftspraxis.
Neulich kam jemand abends um kurz vor 22 Uhr und wollte ein Rezept für Pantoprazol, das gegen Magen- und Sodbrennen eingesetzt wird. Das gibt es aber ohne Rezept auch einfach in der Apotheke zu kaufen. Ein größeres Kostenbewusstsein bei den Patienten ist deshalb absolut wünschenswert. Die Ausstellung eines Rezepts für Pantoprazol in einer Bereitschaftspraxis verursacht 60 Euro Kosten für die Krankenkasse.

Worauf würden Sie als Leiter der Bereitschaftspraxis gerne noch hinweisen?
Dass viele Ärzte in ihren eigenen Praxen am Limit arbeiten und es deshalb nicht so einfach ist, immer wieder Mediziner zu finden, die auch noch freiwillig die Bereitschaftsdienste übernehmen. Zudem hat die Bürokratie in den letzten 20 Jahren wahnsinnig zugenommen: Wir als Ärzte verbringen nur noch 60 bis 70 Prozent am Patienten, der Rest ist Verwaltungsarbeit und Dokumentationspflicht.

Zur Person

Karl Barwich ist 42 Jahre alt und praktiziert als Hals-Nasen-Ohrenarzt in Frankenthal. Seit Anfang des Jahres 2022 leitet er die direkt neben dem St. Marienkrankenhaus liegende Ludwigshafener Bereitschaftspraxis in der Steiermarkstraße 12a.

Karl Barwich
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