Landau
Werden Fachärzte für Bereitschaftsdienst zwangsverpflichtet?
Es begann mit einem Zettel in der Tür: „Die Ärztliche Bereitschaftspraxis ist heute von 22 bis 4 Uhr nicht besetzt.“ Das war im Herbst vergangenen Jahres. Schon damals kam der Hinweis an die RHEINPFALZ auf die Personalmisere aus dem Praxisteam. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) wiegelte zu dem Zeitpunkt ab, dass nur die Empfangstheke der Praxis nicht besetzt, aber jederzeit ein Arzt im Hause sei. Als Rezeption musste der Pförtner des Landauer Vinzentius-Krankenhauses einspringen.
Nach dem RHEINPFALZ-Bericht meldete sich einer Gruppe von Medizinischen Fachangestellten bei der Redaktion, die an ihrem Arbeitgeber, der KV, kein gutes Haar ließen. Seitdem gab es eine Umstrukturierung der Ärztlichen Bereitschaftspraxen (ÄPB) im Land. Und aus der ÄPB in Landau hört man immer wieder von Ausfällen – inzwischen auch von kompletten Schließungen, bei denen kein Arzt mehr anzutreffen sei. Nun hat ein weiteres Schreiben die RHEINPFALZ erreicht.
„Risiken für Patienten und Ärzte“
Unterschrieben hat „eine besorgte Ärztin“. Die Frau berichtet, dass sie schon einige Jahre als Bereitschaftsärztin in Landau arbeite. Aufgrund eines Mangels an freiwilligen Ärzten seien inzwischen alle bei der KV organisierten niedergelassenen Ärzte „zwangsverpflichtet“. Das bedeute, dass auch Psychologen, Radiologen und andere Fachärzte als Allgemeinmediziner oder Internisten fachfremd eingesetzt werden. „Aus meiner Sicht, und auch gerade aus Sicht der entsprechenden Kolleginnen und Kollegen, birgt das große Risiken sowohl für die aus Sicht der KV RLP ja gut versorgten Patienten als auch für die Ärzte selbst.“
Die in einer Presseerklärung der KV zu lesende Aussage, dass die durch die Umstrukturierung freiwerdende ärztliche Arbeitszeit für Hausbesuche eingesetzt werde, sei ebenfalls falsch. Ein großer Teil der Bereitschaftspraxen im Land sei mittlerweile nicht mehr durchgängig geöffnet. Einen Hausbesuchsdienst gebe es nur noch in einer ÄPB je Bezirk. Soll heißen: Gab es früher einen Hausbesuchsdienst in Germersheim und einen weiteren in Landau, bestehe jetzt nur noch der in Landau. Die Folgen: längere Fahrtzeiten für den Arzt und längere Wartezeit für die Patienten. Die Ärztin spricht von Wegstrecken von bis zu 50 Kilometern.
Laut KV sind Aussagen nicht korrekt
„Hinzu kommt, dass es bei der sogenannten Notrufnummer 116117 teilweise zu sehr langen Wartezeiten kommt. Betont werden muss hier auch, dass dort kein ärztliches Fachpersonal sitzt, dass die Beschwerden der Anrufenden beurteilen kann.“ Zu allem Überfluss müsse der Arzt bei Hausbesuchen aufgrund des Mangels an Arzthelferinnen und Fahrern oft selbst fahren und alle administrativen Arbeiten erledigen. Dadurch, dass der Bereitschaftsarzt alleine unterwegs sei, sei er oder sie auch einem größeren Risiko für Gewalttaten ausgesetzt.
Die KV reagiert verschnupft. „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir nicht beabsichtigen, aufgrund jeder anonymen Eingabe die Notwendigkeit der Bereitschaftsdienstreform erneut zu erklären“, sagt Pressesprecherin Nadine Winter. „In dem Ihnen vorliegenden anonymen Brief sind zudem unrichtige Behauptungen enthalten.“ Psychologen seien weder zu Ärztlichen Bereitschaftsdiensten verpflichtet noch jemals zu solchen Diensten im Ärztlichen Bereitschaftsdienst eingesetzt worden. „Im Ärztlichen Bereitschaftsdienst werden ausschließlich Ärztinnen und Ärzte eingesetzt.“
KV wünscht sich offenen Dialog
Auch den Vorwurf, die Reform beruhe nur auf wirtschaftlichen Gesichtspunkten, bestreitet Winter. „Das entbehrt jeder Grundlage.“ Mit der Bereitschaftsdienstreform spare die KV keine finanziellen Mittel ein, sondern setze sie in zukunftsfähige Strukturen ein. „Zweitens werden die finanziellen Defizite des Bereitschaftsdienstes von den Vertragsärztinnen und -ärzten in Rheinland-Pfalz getragen.“ Eine Senkung oder Erhöhung dieser Umlagen werde beschlossen von der Vertreterversammlung der KV, einem von allen Vertragsärztinnen und -ärzten im Land gewählten Ärzteparlament.
Wenn bei solchen Punkten unwahre Behauptungen aufgestellt würden, stelle sich aus Sicht der KV die Frage, wie mit einem solchen anonymen Schreiben umgegangen werden sollte und was die tatsächliche Motivation des Absenders sei. Die KV stelle sich gerne jeder Diskussion, aber der Dialog sollte offen und auf der gebotenen Faktenbasis stattfinden.
Ziel: eine hochwertige ambulante medizinische Versorgung
Die Bewältigung der sich durch den Ärztemangel ergebenden Herausforderungen sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, „auch wenn verschiedene Interessensvertreterinnen und -vertreter ihre Verantwortung immer wieder alleine den Kassenärztlichen Vereinigungen übertragen möchten“. Die Kassenärztlichen Vereinigungen würden alles dafür unternehmen, um mit der kontinuierlich sinkenden zur Verfügung stehenden ärztlichen Arbeitszeit eine hochwertige ambulante medizinische Versorgung zu erhalten.
Auch die KV RLP müsse ungenutzte Dienstzeiten der niedergelassenen Ärzte abbauen und durch zentral gesteuerte Fahrdienste zukunftsfähige Bereitschaftsdienststrukturen schaffen. „Strukturen ändern sich – aber nicht über Nacht von einem Tag auf den nächsten“, erklärt die KV-Sprecherin. Die Reform des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes sei ein Prozess, der eine ständige Anpassung an die aktuellen Herausforderungen verlange.
„Akzeptanz in der Bevölkerung ist da“
„Die Bürger in Rheinland-Pfalz sind in unserer Wahrnehmung bereit, diesen notwendigen Weg mitzugehen“, teilt Winter mit und verweist dabei auf eine repräsentative Umfrage der Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen Forsa in Rheinland-Pfalz zur Akzeptanz und Wahrnehmung der Reform des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes und der Bekanntheit der Nummer 116117. „Die große Mehrheit sieht die Notwendigkeit und die positiven Effekte der Reform.“
Natürlich gebe es bei jeder Veränderung auch immer einzelne, persönliche Betroffenheiten und Befindlichkeiten. Aber anonyme, widerlegbare Behauptungen Einzelner seien wenig hilfreich, um eine Reform zu etablieren, die darauf ausgelegt sei, dass für jeden Menschen in Rheinland-Pfalz die medizinische Versorgung auch in Zukunft gesichert bleibe.