Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Bereitschaftspraxis weiter unterbesetzt

Der ärztliche Bereitschaftsdienst springt in die Bresche, wenn Hausarztpraxen geschlossen haben.
Der ärztliche Bereitschaftsdienst springt in die Bresche, wenn Hausarztpraxen geschlossen haben.

Erst fehlen die Arzthelferinnen, jetzt auch noch Ärzte – seit Monaten ist die Personalsituation in der Ärztlichen Bereitschaftspraxis im Landauer Vinzentius-Krankenhaus angespannt. Rezeption und Fahrdienst bleiben immer wieder unbesetzt. Schuld daran habe der Arbeitgeber selbst, sagen Mitarbeiter. Sie üben scharfe Kritik gegenüber der Kassenärtzlichen Vereinigung.

Fehlende Arzthelferinnen, unbesetzte Anmeldung – im Oktober berichtete die RHEINPFALZ über Personalprobleme bei der Landauer Bereitschaftspraxis, die im Vinzentius-Krankenhaus angesiedelt ist. Weil es nicht genügend Arzthelferinnen und Arzthelfer gibt, mussten Patienten sich in der Vergangenheit beim Klinikpförtner melden, der dann den zuständigen Bereitschaftsarzt informierte. Die Kassenärztliche Vereinigung Rheinland-Pfalz (KV), die für den Bereitschaftsdienst verantwortlich ist, argumentierte damals mit Fachkräftemangel. Jetzt melden sich Mitarbeiter zu Wort, die ihren Arbeitgeber heftig kritisieren und deshalb anonym bleiben wollen. Seit vielen Jahren arbeiten sie in der Bereitschaftspraxis – aus Leidenschaft, wie sie sagen. Es ist ein 450-Euro-Job, den sie neben ihrer Haupttätigkeit ausüben. Die Personalmisere, die immer wieder zur Schließung der Anmeldung führt, wundere sie nicht.

Wenig Lohn, mangelnde Wertschätzung

„Wir haben immer mal wieder neue Teammitglieder. Das sind gute, junge, motivierte Leute. Die halten es aber nicht lange aus“, so eine Arzthelferin. Ihr Kollege ergänzt: „Das liegt in erster Linie daran, das man von der KV keine Wertschätzung entgegen gebracht bekommt. Manche denken sich dann: Für das Geld kann ich auch im Rewe Regale einräumen, das ist stressfreier.“ 15 Mitarbeiter hätten in Landau in diesem Jahr schon geschmissen.

Trotz einer Erhöhung zum 1. November sei der Stundenlohn mau, finden die Kollegen. Der Fahrdienst verdiente bisher den Mindestlohn von 9,60 Euro je Stunde – jetzt sind es 10,80 Euro. Die Arzthelferinnen bekommen aktuell 12,50 Euro. Zum Vergleich: „Eine frisch ausgelernte Praxishilfe in einer normalen Praxis bekommt zwischen 12 und 15 Euro die Stunde. Die KV Bayern zahlt für medizinische Fachangestellte 16 Euro, die KV Baden-Württemberg 15 Euro plus Kilometergeld und Zuschläge“, so eine Mitarbeiterin. „Im Impfzentrum sind es sogar 50 Euro pro Stunde. Und für die Leute im Call Center 116117 gibt es in Rheinland-Pfalz zwischen 15 und 18 Euro. Deren Job ist natürlich auch wichtig, aber ich bin der Meinung, dass wir eine deutlich schwerere Arbeit machen“, betont die Angestellte. Denn: Oft genug kämen Notfälle in die Bereitschaftsklinik. Und wer sich vor Blut, Kot oder Urin ekelt, brauche hier gar nicht erst anfangen. Von der Auslastung ganz zu schweigen. Es sei keine Seltenheit, dass in einer Sieben-Stunden-Schicht 50 Patienten vorbeikommen, berichten die Mitarbeiter.

„Kein menschlicher Arbeitgeber“

Ihr Unmut richtet sich aber nicht allein auf die schlechte Bezahlung: „Es geht auch um Wertschätzung. Wir haben in der ganzen Pandemie keinen Bonus von der KV bekommen, nicht einmal ein Wort des Dankes, dass wir in dieser schweren und für uns riskanten Zeit soviel Einsatz gezeigt haben“, sagt eine Arzthelferin. Die Arbeitskleidung werde nicht bezahlt. Um Dinge wie Mund-und-Nasenschutz müsse man sich selbst kümmern. Auch der Spukschutz an der Rezeption sei von einem Bereitschaftsarzt bezahlt worden. Das einzige, was die Mitarbeiter in dieser Zeit von der KV bekommen hätten, sei ein Passierschein gewesen, berichten die Angestellten. Auch für eine frühe Corona-Impfung ihrer Mitarbeiter habe sich die KV nicht eingesetzt. „Es ist kein menschlicher Arbeitgeber“, fasst einer seine Gefühle zusammen. „Man hat das Gefühl, da sitzen ein paar Halbgötter in Mainz, die von den Gegebenheiten an der Basis keine Ahnung haben. Die Realität ist gruselig.“

Mehrarbeit durch neue Arbeitsstrukturen

Auch von der Umstrukturierung Anfang November erwartet er nichts Gutes: Weil die Bereitschaftspraxen in Germersheim und Kandel ihre Öffnungszeiten angepasst haben, vergrößert sich Fahrtgebiet beträchtlich. „Wir haben pro Schicht einen Fahrer, der mit einem Arzt unterwegs ist. Unser Gebiet geht nun von Germersheim bis an die französische Grenze. Wenn mich da mehrere Leute kurz nacheinander anrufen, wird es Wartezeiten von vielen Stunden geben. Das wird nicht funktionieren“, erklärt der Mitarbeiter. Zur Verdoppelung des Einsatzgebietes komme noch zusätzliche Arbeit auf die Fahrer zu, die vertraglich nicht vereinbart sei – etwa Datenerfassung bei den Einsätzen, händisch und digital.

KV steht zu ihrem Konzept

Die KV erklärt das neue Konzept in einer Pressemeldung so: „Die in Ärztlichen Bereitschaftsdienstpraxen (ÄPB) freiwerdende ärztliche Arbeitszeit wird zukünftig vor allem im Hausbesuchsdienst eingesetzt. In jeder Region bleibt nachts mindestens eine ÄBP besetzt. In der Bereitschaftsdienstregion Südpfalz sind dies ab dem 2. November die ÄBP in Landau und Neustadt. Die ÄBP Germersheim, Kandel und Speyer bleiben bestehen, werden aber dem Bedarf entsprechend eingeschränkt besetzt. Ist der Besuch einer ÄBP erforderlich, erfolgt durch den Patientenservice 116117 eine Anmeldung in der nächsten besetzten ÄBP.“ Sprich: kürzere Öffnungszeiten in Germersheim, Kandel und Speyer. Wer ärztlichen Rat braucht, muss zunächst über die Hotline herausfinden, wo gerade ein Arzt anzutreffen ist. Und der Fahrdienst bleibt größtenteils an den Mitarbeitern in Landau und Neustadt hängen.

Keine Gefahr durch Unterversorgung

Für Rainer Saurwein, Pressesprecher der KV Rheinland-Pfalz, sind die Neuerungen ein Gewinn: „Mit der Reform des Bereitschaftsdienstes der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz sind nicht nur Optimierungen im Ärztlichen Bereitschaftsdienst für die Bürgerinnen und Bürger, sondern auch die Erhöhung der Vergütungen für diensthabende Ärztinnen und Ärzte, Medizinische Fachangestellte und Fahrerinnen und Fahrer verbunden.“ Eben die genannten Erhöhungen um 1,40 und 1,70 Euro. Die Anzahl der Teams im Aufsuchenden Ärztlichen Bereitschaftsdienst, also die mobilen Ärzte und ihre Fahrer, würden dem Bedarf entsprechend angepasst, so Saurwein. Eine Gefahr durch Unterversorgung sieht der Pressesprecher nicht. Patienten in Lebensgefahr seien ohnehin ein Fall für den Notdienst. „Wenn der Patientenservice 116117 nach der Ersteinschätzung ohne unmittelbare Behandlung gravierende gesundheitliche Folgen befürchtet, ist der Patient an den Rettungsdienst zu übergeben. Gemäß Rettungsdienstgesetz Rheinland-Pfalz und Landesrettungsdienstplan Rheinland-Pfalz ist der Rettungsdienst zuständig bei Lebensgefahr, schweren Unfällen, unerträglichen Schmerzen und, wenn ohne sofortige Behandlung gesundheitliche Folgeschäden zu befürchten sind.“ Für alle anderen gesundheitlichen Probleme gebe es den Ärztlichen Bereitschaftsdienst als Ersatz für die hausärztliche Betreuung außerhalb der regulären Sprechzeiten. Wie beim Hausarzt, der einen Hausbesuch häufig erst nach der Sprechstunde, also gegebenenfalls einige Stunden nach dem Anruf in der Hausarztpraxis einplant, seien auch im Ärztlichen Bereitschaftsdienst Wartezeiten nicht auszuschließen und nicht mit gesundheitlichen Gefahren verbunden.

Schutzausrüstung durch KV erfolgt

Und wie reagiert die KV auf den Vorwurf der Mitarbeiter, die die Wertschätzung ihres Arbeitgebers vermissen? Saurwein versichert, die KV Rheinland-Pfalz habe „allen Ärztlichen Bereitschaftspraxen Schutzausrüstung zur Verfügung gestellt. Auch den Mitarbeiterinnen aller Ärztlichen Bereitschaftspraxen wurden Corona-Schutzimpfungen angeboten.“ Das will eine Landauer Arzthelferin aber so nicht stehen lassen: „Zur Anfangszeit der Impfungen wurde das von der KV erstmal abgelehnt, das Impfangebot kam erst viel später, da hatten die meisten von uns schon ihre erste Impfung. Schutzkleidung wurde nur bedingt gestellt, vieles wurde von Ärzten und uns selbst besorgt. “

Ärztemangel mit Folgen

Die Ausfälle im Bereitschaftsdienst würden außerdem zunehmen. Inzwischen fehlten auch Ärzte, heißt es. „Heute waren seit 19 Uhr keine MFA's da, dazu nur ein Arzt und der geht um 21 Uhr. Dann ist die Bereitschaftsdienstzentrale zu“, erklärt eine Mitarbeiterin. „Gestern waren ab 21 Uhr nur ein Arzt statt zwei da und ab 22 Uhr keine MFA.“ Im vorhergehenden Bericht der RHEINPFALZ hatte die KV betont, dass zu den Öffnungszeiten der Bereitschaftspraxis immer ein Arzt anzutreffen war – auch wenn die Anmeldung nicht besetzt war. Diese Garantie ist nun laut den Mitarbeitern nicht mehr gegeben. Schuld daran: eine weitere Änderung im Zuge der Reform: „Seit November werden alle niedergelassenen Ärzte, egal welche Fachrichtung, zwangseingesetzt. Einige kommen nicht oder haben das irgendwie nicht auf dem Schirm, weil sie es nicht gewohnt sind. Wenn der Dienst durch die eingeteilten Ärzte nicht besetzt wird und sie keinen Ersatz finden, müssen sie eine Strafe von 1000 Euro bezahlen“, so eine medizinische Fachangestellte. „Es werden also jetzt zum Beispiel praktizierende Psychiater oder Urologen als Allgemeinmediziner eingeteilt. Es gibt viele Ärzte, die damit überfordert sind.“ Zu dieser neuesten Entwicklung hat die KV sich bislang noch nicht gegenüber der RHEINPFALZ geäußert.

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