Landau
Schüler kämpfen für Gleichstellung
Drei junge Damen und 15 Herren aus der ganzen Südpfalz hatten ihr Ziel erreicht. Der damalige Leiter der Berufsbildenden Schule Landau, Oberstudiendirektor Helmut Runck, und Klassenleiter Hugo Anthofer gratulierten dem ersten Jahrgang des 1968 erst neu gegründeten Wirtschaftsgymnasiums. Damals noch für wenige Jahre in der Roten Kaserne in Landau, bevor der Neubau in der August-Croissant-Straße bezogen wurde. Und was dabei besonders wichtig war, entscheidender vielleicht als die Noten auf den Zeugnissen der Abiturienten: Das Abschlusszeugnis verlieh ihnen die „Allgemeine Hochschulreife“. Alle Studiengänge waren jetzt möglich.
Das Abi am Wirtschaftsgymnasium war nicht mehr „fachgebunden“ und beschränkt auf das Studium wirtschaftswissenschaftlicher Fächer oder das Lehramt. Unter diesen Voraussetzungen nämlich war der erste Jahrgang 1968 an der „Dreijährigen Höheren Berufsfachschule“ im BBS-Verbund noch angetreten. Doch in diesen Jahren war vieles im Umbruch, viele „alten Zöpfe“ sollten abgeschnitten werden. Schließlich war das die Zeit der Studentenunruhen.
BWL oder Französisch?
Man vermutete „unter den Talaren noch den Muff von tausend Jahren“. Es brodelte aber nicht nur an den Universitäten, auch an den damals acht Wirtschaftsgymnasien des Landes Rheinland-Pfalz. Denn zwischenzeitlich, die erste sozialdemokratisch geführte Bundesregierung mit Willy Brandt als Bundeskanzler war ja 1969 angetreten, hatte sich auch einiges in der Bildungspolitik geändert.
Der „Deutsche Bildungsrat“ wurde ins Leben gerufen und ging wichtige Reformen an. Alle anderen Bundesländer waren dazu übergegangen, ihren Abiturienten der beruflichen Gymnasien die „Allgemeine Hochschulreife“ zu verleihen. Im Grunde genommen ging es schon damals – ähnlich wie noch heute – um die Gleichstellung von „beruflicher“ und „allgemeiner“ Bildung. Oder, ganz konkret am Beispiel der Wirtschaftsgymnasien, um die Frage, ob Fächer wie Betriebswirtschaftslehre oder Betriebliches Rechnungswesen so wertvoll im Bildungskanon sein können wie etwa die zweite Fremdsprache.
Prüfungsfächer waren damals Deutsch, Mathematik und Englisch als erste Fremdsprache. In vier Fächern gab es eine schriftliche Abiturprüfung, die Mainzer Studienstufe mit der Auswahl von Leistungskursen gab es ja erst ab 1975. Und das vierte Hauptfach am WG war eben nicht die zweite Fremdsprache, sondern ein berufsbezogenes Fach wie Betriebswirtschaftslehre oder Rechnungswesen. So kämpften die Schüler der Wirtschaftsgymnasien um eine Gleichstellung mit denen der übrigen Gymnasien, die sich auf lange Traditionen berufen konnten.
Das Land hinkt hinterher
„Es gärt an den Wirtschaftsgymnasien“ überschrieb DIE RHEINPFALZ eine größeren Beitrag auf ihrer Südwest-Seite am 5. November 1970 über die Forderungen der Wirtschaftsgymnasien. Die Schüler hatten Monate zuvor bereits auch Landtagsabgeordnete eingeschaltet, Herbert Waldenberger und Bertram Hartard (beide CDU) oder Helmut Adamzyck (SPD). Pfarrer Alois Ruffing, der übrigens Katholische Religion am WG unterrichtete, forderte bei einer Diskussionsveranstaltung im Juni 1970 im Pfarrheim Christ-König in Landau, dass „Rheinland-Pfalz nicht stets hinterherhinken darf“. Immer wieder trafen sich die Schülervertreter der acht Wirtschaftsgymnasien auch zu Konferenzen, wurden gar zu Gesprächen ins Mainzer Kultusministerium eingeladen.
Der damalige Kultusminister Bernhard Vogel und seine Hauptabteilungsleiterin Schule, Hanna-Renate Laurien (seine Nachfolgerin), hörten sich die Wünsche der Schülersprecher an. Es wurde beraten und verhandelt. Die Schüler forderten immer lauter eine Entscheidung. Ende Oktober 1970 war gar von einem landesweiten Streik als letztes Mittel im Streit um die Hochschulreife die Rede. Kultusminister Vogel hielt es lange für wichtig, eine zweite Fremdsprache (Französisch) in die Abschlussprüfung aufzunehmen. Das aber lehnten die Wirtschaftsgymnasiasten ab. Verständlich. Denn die meisten von ihnen hatten in den Klassenstufen fünf bis zehn an Realschulen oder in der Berufsfachschule (Handelsschule) nur Englisch.
Schließlich, nach vielen Gesprächen und wohlwollender Unterstützung auch durch Landtagsabgeordnete oder Lehrkräfte, gab es ein Einlenken in Mainz. Im November 1970 schlug der Kultusminister vor, „in Anbetracht der veränderten Situation der Wirtschaftsgymnasien auch dieser Schulart die allgemeine Hochschulreife zu erteilen“. Der Landtag stimmte zu. Das erlösende Schreiben kam im Januar 1971 rechtzeitig vor den entscheidenden Abiturprüfungen.
Der Autor
Der Autor, Fritz Hock (69), war selbst Schüler im ersten Jahrgang des Landauer Wirtschaftsgymnasiums. Er ist seit mehr als 50 Jahren freier Mitarbeiter der RHEINPFALZ. „fh“ war Lehrer und Schulleiter.