Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Neubau gegenüber Polizei: Innovative Wohnform verärgert Nachbarn

Es geht um dieses L-förmige Grundstück an Paul-von-Denis-Straße (rechts) und Mozartstraße (unten).
Es geht um dieses L-förmige Grundstück an Paul-von-Denis-Straße (rechts) und Mozartstraße (unten).

Bei einem ehrgeizigen Bauvorhaben in der Paul-von-Denis-Straße gibt es Ärger: Der Bauherr will sich von Vorgaben im Bebauungsplan befreien lassen. Doch Nachbarn klagen, dass dies voll zu ihren Lasten gehen würde.

Auf dem ehemaligen Frühmesser-Areal ist ein langgestreckter, viergeschossiger Bau mit 76 Wohnungen (davon 40 geförderte Sozialwohnungen) und zehn Gewerbeeinheiten für Büros und Gastronomie geplant. Das Besondere daran: Das Projekt mit dem Namen Fitter-Campus soll es den Bewohnern leicht machen, Sport in ihren Alltag zu integrieren, um die Gesundheit zu fördern. So zeigen beispielsweise die Zeichnungen der GJL Architekten aus Karlsruhe eine Kletterwand an der Fassade, und auf dem Dach soll beispielsweise eine Sportanlage mit einer 320 Meter langen Laufbahn und „Chillelementen“ entstehen.

Dafür muss die ebenfalls vorgesehene Fotovoltaikanlage auf einer Pergola montiert werden, wodurch die Höhenvorgabe im Bebauungsplan überschritten wird. Dasselbe gilt für zwei Aufzüge, mit denen man aufs Dach kommt. Und dann soll auch das Staffelgeschoss (Penthouse) nicht ringsum um einen Meter zurückgesetzt werden, wie es im B-Plan eigentlich vorgesehen ist.

Hauptknackpunkt ist die Sporthalle

Im Westen und Norden ragt der geplante Neubau mit Loggien und Teilflächen aus dem Baufenster heraus, also aus dem Grundstücksteil, der bebaut werden darf, ebenso an der nordöstlichen Ecke und insbesondere im Bereich einer geplanten tiefergelegten Sporthalle mit drei Wohnetagen obenauf. Die ist als zweiter Neubau auf jenem Grundstücksteil an der Mozartstraße geplant, wo laut Bebauungsplan eigentlich nur ein kleinerer Neubau von etwa derselben Größe wie ein benachbartes Einfamilienhaus errichtet werden soll.

Die Bauabteilung der Verwaltung ist von dem Projekt, das Bauherr Fritz Grünewalt als „Gesundheitsimmobilie“ bezeichnet, offenbar sehr angetan. In der Vorlage für den Bauausschuss wird es als „Musterbeispiel für nachhaltiges urbanes Wohnen“ bezeichnet, weil es ökologisch sei und den Bewohnern eine Vielzahl niedrigschwelliger Bewegungs- und Sportangebote ermögliche und die „moderne Mobilität“ konsequent fördere. So sind unmittelbar vor den einzelnen Wohnungen Fahrradgaragen in einer Art Wandschrank geplant, und zusätzlich zu Treppenhäusern eine gewendelte Fahrradrampe in alle Stockwerke. Allerdings sind auch durchaus noch eine Tiefgarage mit 123 Stellplätzen sowie 23 ebenerdige Parkplätze vorgesehen.

Das Bauamt ist begeistert

Die Verwaltungsvorlage für Bauausschuss und Stadtrat hat nicht viel mit Behördendeutsch zu tun, sondern schwärmt regelrecht von „smarten Alltagsangeboten“, einem „Community-Gefühl“ und einer Fitness-App als Unterstützung der sportlichen Aktivitäten. Sie lobt, dass das Konzept den „gewandelten sozialen Wirklichkeiten mit Homeoffice und Kleinstfamilien“ durch „im Gebäude angebotene Co-Working-Spaces, Gastro- und Sportangebote Rechnung“ trage. So könne „die Arbeitszeit in unmittelbarer Wohnungsnähe, aber trotzdem davon getrennt realisiert werden, was eine gesunde Unterscheidung zwischen Privatleben und Arbeit ermöglicht sowie es unnötig macht, ein Arbeitszimmer in der Wohnung vorzuhalten.“ Es handele sich um einen „urbanen und innovativen Raum zum Leben und Arbeiten“ und um einen „Campus“, auf dem der Bauherr „konkrete Umsetzungsvorschläge für die Bedürfnisse einer nachhaltigen, urbanen Gesellschaft“ machen und „mit einem Labor auf dem Gelände das Wissen sammeln und bündeln und bundesweiten Projekten als Beispiel dienen“ wolle. Der Bauausschuss zeigte sich denn auch recht angetan von den Plänen.

„Nachbarschutz mehr als erfüllt“

Bauamtsleiter Christoph Kamplade spricht von nur geringfügigen Überschreitungen der Baulinien und -höhen, sagt aber auch, dass er natürlich auch den Nachbarn verpflichtet sei. Er hält die Sporthalle für den kniffligsten Teil des Projekts. Ziel müsse es daher sein, wie beim Nachbarprojekt eines anderen Bauherrn unmittelbar nördlich an der Paul-von-Denis-Straße die Nachbarn „mitzunehmen und ihnen ihre Ängste zu nehmen“. Alles in allem, so Kamplade, sei der Nachbarschutz durch mehr als ausreichende Abstandsflächen erfüllt, „aber die Morgensonne wird nicht mehr in die Gärten scheinen“. Er will aber noch darauf hinwirken, dass Penthäuser zurückgesetzt werden, damit die Nachbarn nicht den Blicken von oben ausgesetzt sind.

Bauherr Grünewalt weist auf etliche Probleme auf und mit dem Grundstück hin, wie beispielsweise Altlasten. Deshalb müsse er sehen, dass sich das sehr schwierige und sehr teure Gesamtprojekt am Ende noch rechne. Er plane mit Verkaufspreisen von 3800 bis 4900 Euro pro Quadratmeter. Die Penthäuser einfach nach innen zu verschieben, werde jedenfalls nicht einfach so wie auf dem Zeichenbrett gehen.

Nachbarn fühlen sich ignoriert

Schlecht von der Stadt informiert fühlt sich Gerald Mathes, einer der Nachbarn aus der Franz-Schubert-Straße. Er befürchtet, dass der Neubauriegel den Luftaustausch blockiert und dass es durch die vielfachen Sportangebote zu erheblichem Lärm auch in den Abendstunden kommen werde. Er hält daher den Standort für nicht geeignet. Mathes warnt, dass nicht ökonomische Überlegungen den Ausschlag geben dürften und mahnt die Fürsorgepflicht der Stadt für alle ihre Bürger an.

Von einem Vertrauensbruch seitens der Stadt spricht Maren Deusch, Anliegerin der Mozartstraße und unmittelbare Nachbarin der geplanten Sporthalle. Sie hat zusammen mit 36 weiteren Anliegern einen siebenseitigen Offenen Brief an Verwaltung und Stadträte geschrieben. Im Kern halten es die Nachbarn für nicht hinnehmbar, dass die Stadt zwar selbst vor erst sieben Jahren einen Bebauungsplan aufgestellt hat, sich nun aber offenbar nicht daran halten wolle. So würde insbesondere die Sporthalle anstelle einer im Plan vorgesehenen Stadtvilla das Baufenster um volle 17 Meter und die Solaranlage auf dem Dach des Hauptgebäudes die Höhenvorgabe um mehr als drei Meter überschreiten – und das, während ihnen selbst mit der Gestaltungssatzung für die Innenstadt sogar Vorgaben bis hin zur Gestaltung von Gartenzäunen gemacht worden seien.

Laute Feiern auf dem Dach?

Sie rechnen auch damit, dass es nicht bei einer Sportnutzung der Dächer bleiben werde, sondern dort gefeiert wird, was zu Konflikten mit der Nachbarschaft führen werde. Ganz abwegig ist der Gedanke nicht, da die Architekturzeichnungen auch Lounge-Ecken auf dem Dach zeigen, die als Freiluft-Homeoffice genutzt werden können, aber sich ebenso gut zum gemütlichen Beisammensitzen eignen. Lärm und Verkehr sind auch in diesem Brief weitere Bedenken. Im Übrigen sei die Südstadt bestens versorgt mit Sport- und Freizeitmöglichkeiten; weitere seien nicht erforderlich. Dem Investor werfen die Unterzeichner vor, dass er mit ihnen nie das Gespräch gesucht habe, obwohl er das laut Landesbauordnung tun müsse, wenn er Abweichungen vom Bebauungsplan wolle.

Unterdessen hat die FDP-Stadtratsfraktion gehandelt und den Bauherrn und die Nachbarschaft zu einem von Carsten Triebel, dem Vorsitzenden des FDP-Stadtverbands Landau, moderierten Gespräch zusammengebracht. Ziel sei es, innovative Wohn- und Nutzungskonzepte mit den berechtigten Interessen von Anwohnern in Einklang zu bringen. Weitere Gespräche seien nötig, ein Folgetermin im Januar schon vereinbart.

 

Info

Das Projekt in der Paul-von-Denis-Straße/Ecke Mozartstraße wird auf den Internetseiten www.fitter-living.com vorgestellt.

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