Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Missbrauchsgutachten: Kardinal Wetter schwer belastet

März 2018: Kardinal Wetter (links) wird von Oberbürgermeister Thomas Hirsch mit einem nach ihm benannten Platz geehrt. Rechts De
März 2018: Kardinal Wetter (links) wird von Oberbürgermeister Thomas Hirsch mit einem nach ihm benannten Platz geehrt. Rechts Dekan Axel Brecht.

Nicht nur der zurückgetretene Papst Benedikt XVI. wird im Missbrauchsgutachten einer Münchener Anwaltskanzlei über das Bistum München und Freising schwer belastet, sondern auch ein Landauer Ehrenbürger. Friedrich Kardinal Wetter wird Fehlverhalten in 22 Fällen vorgeworfen. Sind seine Ehrungen noch tragbar?

Friedrich Kardinal Wetter ist ein hochangesehener Mann. Eine Auswahl der Titel und Ämter des 93-Jährigen: Professor für Fundamentaltheologie, Erzbischof, Ehrenbürger der Stadt Landau, Großes Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband. Aber: Wetters Ruf ist beschädigt, wenn nicht gar perdu. Die Münchener Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl belastet ihn in ihrem Missbrauchsgutachten für das Erzbistum München und Freising für die Jahre 1945 bis 2019 schwer.

Mehr zum Thema

Einer der vielen Tatorte des Missbrauchsskandals: Sankt Ägidius in Grafing bei München.
Kirche

RHEINPFALZ Plus Artikel
Missbrauch im Erzbistum München: „Bilanz des Schreckens“

Kardinal Wetter hatte das Münchner Erzbistum von 1982 bis 2007 geführt. Das Gutachten attestiert ihm Fehlverhalten in 21 Fällen. Berücksichtigt man die 25-jährige Amtszeit, kommt man auf fast ein Fehlverhalten in Zusammenhang mit Missbrauch pro Jahr. Wetter hat mit Ausnahme eines Falles jegliches Fehlverhalten bestritten. Vor 2010 sei nicht bekannt gewesen, welcher Schaden durch den Missbrauch den Opfern zugefügt werde, schreibe Wetter in seiner Einlassung. Gutachter Martin Pusch bezeichnet das Verhalten Wetters als „die Verdrängung eines mit Händen greifbaren Problems“. Heißt: Er soll weggeschaut haben. Und das hat möglicherweise nicht nur Konsequenzen für Wetters Ruf. Sondern auch für Ehrungen in seiner Geburtsstadt Landau.

Mehr zum Thema

Der Platz vor der Marienkirche vor der Einweihung.
Kommentar

RHEINPFALZ Plus Artikel
Vorwürfe gegen Kardinal Wetter: Fragwürdige Ehrungen

Studie des Bistums Speyer steht noch aus

2018 wurde der Platz vor der Marienkirche auf Anregung der von Dekan Axel Brecht geleiteten Gemeinde nach Wetter benannt. Bei der Einweihung bezeichnete Landaus Oberbürgermeister Thomas Hirsch Wetter als „außergewöhnliche Persönlichkeit“, die Stadt Landau könne stolz auf ihren Ehrenbürger sein. Nun, nach den Ergebnissen des Gutachtens, gehen Gemeinde- und Stadtoberhaupt auf Distanz.

Dekan Brecht, der angibt, das Gutachten noch nicht zu kennen, verweist darauf, dass das Bistum Speyer die Arbeit an einer eigenen Studie zu den Missbrauchsfällen in seinem Bereich im vergangenen Jahr begonnen hat. Wetter war von 1968 bis 1982 Bischof in Speyer. „Die geplante Studie schließt auch die Frage ein, wie die Verantwortungsträger auf Diözesanebene mit Hinweisen auf Missbrauchsfälle umgegangen sind. Im Licht der Studienergebnisse werden wir dann auch die notwendigen Konsequenzen beraten, vor allem auch im Blick auf Fragen der öffentlichen Erinnerungskultur.“

Gremien werden beraten

Deutlicher rückt Thomas Hirsch von Wetter ab. „Die belastenden Aussagen lassen vermuten, dass Konsequenzen folgen müssen“, sagt er. Ob und inwieweit Auswirkungen auf die Ehrungen folgen, werde die Stadt prüfen und in den Gremien beraten. Er sei erschüttert über die Ergebnisse des Gutachtens. „Die dargestellten Versäumnisse der Kirche beim Umgang mit sexuellem Missbrauch in der Vergangenheit machen einmal mehr sehr betroffen.“

Brecht erinnert daran, dass der Berliner Jesuitenpater Klaus Mertes den Missbrauch am Canisius-Kolleg durch Mitbrüder seines Ordens in Berlin im Jahr 2010 öffentlich gemacht hatte. „Damit wurde erstmals die Nebelwand vor den Spitzen der Eisberge gelichtet und das Schweigen gebrochen, mit dem sexualisierter Missbrauch in unserer Gesellschaft noch immer tabuisiert wird. Aufarbeitung durch unabhängige Gutachten und Prävention sind das Gebot der Stunde“, betont der Dekan.

x