Südpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Mangel an Steinmetzen: Droht der Kollaps auf dem Friedhof?

 In Landau gibt es nur noch einen Steinmetzbetrieb mit Produktionsstätte – und Michael Graf kommt mit den Aufträgen kaum hinterh
In Landau gibt es nur noch einen Steinmetzbetrieb mit Produktionsstätte – und Michael Graf kommt mit den Aufträgen kaum hinterher.

„Ich beschrifte Grabsteine wie am Fließband.“ Das sagt Michael Graf über seine tägliche Arbeit. Es gibt immer mehr Bestattungen, aber kaum noch Steinmetze.

Wer gerade einen geliebten Menschen verloren hat, ist in Trauer. Während die Seele leidet, müssen die Hinterbliebenen parallel Bestattung, Nachlass und viele weitere bürokratische Aufgaben erledigen. In solch einer aufwühlenden Phase möchte man nicht auch noch hören, dass die Anfertigung des Grabsteins länger dauern wird. Doch in Zukunft werden sich Angehörige wohl immer öfter damit auseinandersetzen müssen, dass derlei Friedhofsarbeiten mit Wartezeiten verbunden sind. Denn der demografische Wandel schlägt im Bestattungswesen durch. Die Bevölkerung wird immer älter, es gibt deutlich mehr Trauerfälle als früher. Doch die Anzahl der Betriebe, die die Grabmale dafür herstellen, nimmt immer mehr ab. Gab es im Jahr 2014 noch 150 Steinmetzbetriebe im Gebiet der Handwerkskammer Pfalz, so sind es aktuell nur noch 125, wie die Kreishandwerkerschaft Südpfalz-Deutsche Weinstraße auf Anfrage mitteilt. Regionalere Zahlen kann diese nur für Firmen nennen, die der Innung angeschlossen sind. Dieser gehören in der Vorderpfalz aktuell 19 Betriebe an, in der Westpfalz 17, so Geschäftsführerin Gitta Altpeter. Vergleichszahlen zu früher lägen nicht vor. Offenkundig sei jedoch, dass auch im Handwerk der Trend zu Berufen der Technik- und Digitalbranche gehe.

Michael Graf wurde die Arbeit mit Stein in die Wiege gelegt. Seit fünf Generationen betreibt seine Familie einen Steinmetzbetrieb. Früher war er noch von vielen Kollegen umgeben. Über die Jahrzehnte habe einer nach dem anderen dicht gemacht – aus Alters- oder finanziellen Gründen. Mittlerweile sei er der einzig verbliebene Betrieb mit Produktionsstätte in Landau, erzählt der 53-Jährige. Und diesen stemmt er „zu dritt – ich und meine zwei Hände“, kommentiert er lakonisch. Also im Endeffekt alleine, zeitweise unterstützt von einer Aushilfskraft.

Die meisten wollen günstige Industrie-Grabsteine

Vor 23 Jahren habe er den elterlichen Betrieb übernommen, erzählt Graf, der Obermeister der Steinmetz- und Steinbildhauer-Innung Deutsche Weinstraße ist. Damals habe er auch noch Steinarbeiten an Alt- und Neubauten gemacht. Geblieben sei davon so gut wie nichts mehr. Maximal fünf bis zehn Prozent seiner Arbeitszeit könne er noch für Derartiges aufbringen, der Rest sei mit der Anfertigung von Grabmalen belegt. Und so gehe es den meisten seiner Kollegen, was auch die Kreishandwerkerschaft bestätigt. Zumal Steinmetzarbeiten an Gebäuden und Bildhauerei-Aufträge eine Frage des Geldes seien – Aufträge, die sich heute kaum noch Menschen leisteten. Diese Tendenz zeige sich auch bei den Grabmalen. „Früher hatte ich zehn große Aufträge im Monat, jetzt habe ich 100 kleine.“

Es gebe noch eine Handvoll Kunden, die individuelle letzte Ruhestätten aus Sandstein von ihm anfertigen ließen. Aber das Gros der Kunden bestelle aus Kostengründen Industriesteine, die er nur noch mit Schrift versehe. Die Steine kommen vorgefertigt aus Indien, Brasilien oder Südafrika. „Das war schon immer so“, stellt er klar. Nur hätten die Steinmetze früher einen großen Block geordert und diesen dann vor Ort selbst verarbeitet. „Aber das wäre heute unbezahlbar.“ Die meisten Menschen wollten oder könnten nicht die Mittel aufbringen, für ein kreatives Produkt doppelt so viel zu bezahlen. Oftmals bestehe seine Arbeit darin, Grabsteine wie am Fließband zu beschriften.

Darum fehlte Jesus zwei Jahre der Arm

Wenn er dann mal Kunden mit nicht so dringenden Aufträgen vertröste, „dann liegt das nicht an Faulheit“, macht Graf deutlich. Aber es gebe nicht mehr viele Fachbetriebe auf dem Markt. „Und jeder, der einen guten haben will, muss warten.“ Denn die Auftragsbücher seien bei allen voll. Das sei auch der Hintergrund, „warum Jesus seit zwei Jahren der Arm fehlt“, wie die RHEINPFALZ im Dezember titelte. Die Stadt hatte ihn damit beauftragt, das beschädigte Hochkreuz auf dem Landauer Hauptfriedhof zu reparieren. Doch vor lauter Bestattungsaufträgen habe er dafür einfach keine Zeit gefunden. Als im Frühjahr schließlich die Situation des Steins kritischer wurde, habe er den Auftrag dazwischengeschoben. „Aber dafür musste ich dann andere warten lassen“, zeigt er auf, wie ihm die Hände gebunden seien.

Die wenigen Betriebe, die geblieben seien, kämen kaum noch mit den Aufträgen hinterher. „Man müsste heute schon bescheuert sein, um einen Steinmetzbetrieb in den Sand zu setzen“, bilanziert der Obermeister. Allerdings: „Ich bin 53 Jahre alt und damit einer der Jüngsten.“ Die meisten Inhaber gingen schon auf die Rente zu. „Wenn die aufhören, entstehen Lücken, die kann keiner schließen“, macht er auf die Brisanz der Lage aufmerksam. Denn Nachwuchs sei nicht in Sicht.

„Wir sind die Dinosaurier. Wir sterben aus“

Laut Grafs Informationen gibt es aktuell 30 Lehrlinge – in ganz Rheinland-Pfalz. Davon lernen 14 in der Südpfalz, teilt Altpeter mit. Und zwar verteilt auf alle drei Ausbildungsjahre. Zum Vergleich: In den Wachstumsgewerken Anlagemechanik und Kfz-Mechatronik lag die Lehrlingszahl allein des Abschlussjahrgangs 2024 bei 51 beziehungsweise 67. „Und dann sind noch die Fragen: Wer packt die Ausbildung überhaupt? Wer bleibt bei dem Gewerk und nimmt die Lehre nicht nur als Einstieg für ein Duales Studium oder eine künstlerische Karriere? Und wer macht von denen noch den Meister, um einen Betrieb übernehmen zu können?“, zählt Graf auf. „Das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Da kommt nichts mehr auf den Arbeitsmarkt“, zeichnet er ein Zukunftsbild, das ihm Sorgen bereitet.

Es fehle generell an Nachwuchs. Und wer wolle dann noch in einen Job, der finanziell wenig attraktiv sei und bei dem man im Regenwetter und bei Minusgraden draußen arbeiten müsse?, fragt Graf. Dafür müsse man schon geboren sein. „Wir sind die Dinosaurier. Wir werden aussterben.“ Aktuell sei es so, dass nur fachlich qualifizierte Firmen auf Friedhöfen bauliche Arbeiten erledigen dürften. Wenn sich die aktuelle Entwicklung zuspitze, müsse eventuell die Gesetzeslage geändert werden, mutmaßt Graf. Doch eine Zukunftsprognose will er nicht wagen: „Ich weiß nicht, wie das weitergehen soll.“ Das Problem sei schon länger bekannt, aber es werde ignoriert, ist seine Meinung. Er will noch so lange arbeiten, wie es seine Gesundheit zulässt. Einen Nachfolger für seine Firma hat er nicht in petto. Seine zwei Söhne wollen andere berufliche Laufbahnen einschlagen. Die seit fünf Generationen währende Steinmetztradition seiner Familie wird wohl mit ihm ein Ende finden.

Die meisten Kunden wollen preisweitere Industriesteine. Individuelle Grabmalgestaltung ist kaum noch gefragt.
Die meisten Kunden wollen preisweitere Industriesteine. Individuelle Grabmalgestaltung ist kaum noch gefragt.
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