Landau
Krematorium lädt zum Besuch ein
Aus Krematorium wird Memorarium. Beides kommt aus dem Lateinischen, aber der neue Name im Jubiläumsjahr setzt einen anderen Schwerpunkt: beim Erinnern. Im 25. Jahr seines Bestehens werden in dem Landauer Unternehmen nach wie vor Tote verbrannt, aber über diesen technischen Vorgang hinaus gewinnt die Form des Abschiednehmens mehr und mehr an Bedeutung. Unten im Gebäude in der Max-von-Laue-Straße in Landau dominiert die Technik, oben führt Geschäftsführer Joachim Reber durch gleichermaßen würdevoll wie freundlich und hoffnungsvoll gestaltete Räume, in denen Angehörige sich von der sterblichen Hülle eines geliebten Menschen verabschieden können.
Reber hat zwei Dutzend RHEINPFALZ-Leser durch das Haus geführt, das 1997 als erstes privatwirtschaftlich geführtes Krematorium Deutschlands – denn eigentlich ist dies eine hoheitliche Aufgabe – im Gewerbegebiet am neuen Messegelände errichtet worden ist. Auslöser war eine Neufassung des Bundesimmissionsschutzgesetzes. Das hat nicht nur damit aufgeräumt, dass Krematorien technisch wie Müllverbrennungsanlagen betrachtet wurden (Reber: „Das geht ethisch gar nicht.“). Es hat auch bessere Abluftfilter gefordert, die im alten Krematorium im denkmalgeschützen Bau auf dem Hauptfriedhof nicht unterzubringen waren.
Willensbekundung nötig
„Das muss doch flexibler gehen“, war damals Rebers Überzeugung. Denn zwischen Todesfall und Einäscherung verging oft viel Zeit, eine unerträgliche Leere, wie Reber sagt. heute sind Verstorbene „nicht länger als zwei Tage bei uns“, berichtet er – sofern alle erforderlichen Dokumente vorliegen. Dazu gehört auch eine Willensbekundung für eine Feuerbestattung. Im Idealfall treffen Menschen sie selbst zu ihren Lebzeiten, andernfalls übernehmen dies „Totenfürsorgeberechtigte“, zumeist Angehörige.
Anfangs war das Krematorium ein reiner Zweckbau, Besucher waren weder vorgesehen noch zunächst von der Stadt gewünscht. Doch die Bitten, Verstorbenen im Haus das letzte Geleit geben zu können, nahmen zu. Nach einer ersten, eher provisorischen Umgestaltung ist 2020/2021 eine umfangreiche Erweiterung erfolgt. In diesem Jahr wurde das Memorarium eingeweiht: freundliche Räume mit Platz für kleine und größere Trauergesellschaften, mit Farben, Blumenschmuck, Fotos, Licht- und Musiktechnik. Auf Wunsch könnten zur gemeinsamen Erinnerung sogar Filmaufnahmen gezeigt werden. Der Abschied „muss seinen Rahmen haben“, sagt Reber. Dem dient auch ein neu gestalteter Garten mit Trauerpfad und Brunnen.
Angehörige gewinnen Zeit
Ein Vorteil der Urnenbeisetzungen war während der schwierigen Corona-Zeit, als es sogar Beschränkungen der Teilnehmerzahl auf sehr kleine Gruppen gab, dass es in Deutschland zwar eine Bestattungsfrist von zehn Tagen gibt, aber Urnen länger stehenbleiben dürfen, sei es im Krematorium, sei es beim Bestatter. So konnten Angehörige warten, bis wieder Beisetzungen im größeren Kreis möglich waren. Es sei zwar nirgends im Gesetz geregelt, doch inzwischen gingen viele Aufsichtsbehörden dazu über, auf nicht mehr als sechs Monate zeit zwischen Einäscherung und d Urnenbeisetzung zu drängen, so Reber.
Er erläuterte auf einem Rundgang alle Schritte von der Anlieferung des Sargs durch den Bestatter bis zur Abholung der Urne. So werden alle Toten nochmals von Amtsärzten des Gesundheitsamts untersucht, um einen unnatürlichen Tod auszuschließen. Bei etwa 150 Einäscherungen pro Woche werde etwa drei bis viermal die Woche von diesen Amtsärzten die geplante Einäscherung angehalten, weil es irgendwelche Auffälligkeiten gibt. Dann muss die Kripo ermitteln und die Staatsanwaltschaft entscheiden, ob eine Obduktion erforderlich ist.
Schamottestein zur Identifikation
Die Sorge, ob am Ende wirklich die Asche des eigenen Angehörigen in der Urne landet, ist unbegründet. Reber zeigt einen runden Schamottestein mit eingeprägter Nummer und Kennung der Landauer Einrichtung. „Das ist der Personalausweis des Verstorbenen“. Er liegt auf dem Sarg, durchläuft mit ihm die Verbrennung und wird am Ende in die Urne gelegt. Wenn eines fernen Tages einmal jemand auf diesen Stein stoßen sollte, könnte man nachvollziehen, wessen Asche dort beigesetzt war.
Mit in die Urne kommen auch alle Metalle, die die Toten am oder im Körper trugen: Schmuck, Prothesen, Zahnfüllungen. Reber macht kein Geheimnis daraus, dass 2013 ein Mitarbeiter Zahngold aus der Asche entnommen hatte. Er wurde vor Gericht gestellt und gekündigt. Das sichergestellte Gold wurde der Stadt Landau zugesprochen und hat zur Finanzierung der neuen Sportanlage West beigetragen. Tatsächlich war es bis dahin zulässig, Metalle zu entfernen und zu verwerten, und auch das Krematorium hatte dies getan und den Erlös gespendet. Erst 2015 hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass alles, was auf dem Ofen kommt, auch zur Asche gehört. Eine Entnahme und Aushändigung an Erben wäre theoretisch möglich, aber Reber hält davon nichts. Heute wird alles videoüberwacht, und alles kommt in die Urne aus Blech oder Maisstärke (für Waldbestattungen), so wie ja auch im Sarg alle Metalle mit beigesetzt werden. Randnotiz: In Rheinland-Pfalz – es gibt kein bundeseinheitliches Bestattungsgesetz – gilt es laut Reber auch als Störung der Totenruhe, wenn Asche entnommen würde, um daraus beispielsweise einen Diamanten zu pressen. Auch beim Umgang mit Urne und Asche sind andere Staaten deutlich liberaler; das Aufbewahren der Urne daheim oder Verstreuen der Asche ist hierzulande nicht erlaubt.
Wohin mit der Abwärme?
Mit einer gewissen Sorge beobachtet Reber die Entwicklung auf dem Energiemarkt, auch wenn er langfristige Lieferverträge abgeschlossen hat. Die Öfen werden mit Gas vorgeheizt, wobei der Leichnam im heißen, mit Schamotte ausgekleideten Ofen durch den Sarg selbst verbrannt werde. Gas wird aber auch zur Nachverbrennung der Abgase benötigt, bei der Umweltgifte wie Dioxine und Furane zerstört werden. Da sei gerade entschieden worden, dass nicht mehr 850 Grad nötig seien, sondern 750 auch reichen, so Reber. Das spare enorm viel Gas. Er bedauert, dass es bisher trotz vieler Gespräche nicht gelungen sei, die Abwärme des Krematoriums zu nutzen.
Termin
Das Krematorium Landau hat am Samstag, 5. November, von 10 bis 17 Uhr Tag der offenen Tür.