Landau
Kinder- und Jugendfarm braucht Hilfe
Es regnet. Doch das Wetter ist den Mädchen und Jungen auf der Kinder- und Jugendfarm egal. Mit der passenden Kleidung lässt es sich dort wunderbar im Regen matschen. Ein Dreikäsehoch hat aus der sandigen Pampe eine Burg gebaut und schmückt sie mit Steinen. Andere Kinder rennen über die Wiese, hüpfen in jede Pfütze und lachen vergnügt, wenn das Wasser unter ihren Gummistiefeln spritzt.
Einmal in der Woche, dienstags von 15 bis 18 Uhr, hat die Kinder- und Jugendfarm in der Eutzingerstraße für Familien geöffnet. Auf dem pädagogisch betreuten Aktivspielplatz am Fuße des Ebenbergs können Kinder zu jeder Jahreszeit Erfahrungen mit der Natur machen: Im Garten wird gesät und geerntet, regelmäßig wird ein Lagerfeuer entfacht und spielerisch wird der Umgang mit Geräten und Werkzeug geübt. Zum Beispiel im Hüttendorf, wo ständig gebaut wird.
Der Erfolg wird zum Problem
An manchen Dienstagen sind auch Tiere zu besuch – Ponys, Lamas oder Kaninchen. Reichlich Platz zum Toben, Klettern und Verstecken bietet das riesige Gelände allemal. Das Konzept hinter der vereinsgeführten Farm: Die Gründer wollen Stadtkindern das freie Spiel in der Natur ermöglichen und sie für die Tier- und Pflanzenwelt sensibilisieren. Und das kommt an.
Auch bei Schulklassen und Kitas sind die Angebote gefragt. Im Grünen Klassenzimmer, einer Draußen-Schule mit vielen Kursen zur Umweltbildung, lernen Schüler und Kitakinder dienstags und mittwochs. „Uns erreichen sehr viele Anfragen. Von Lehrern, die einen Wandertag zu uns planen, oder Eltern, die den Geburtstag ihres Kindes bei uns feiern möchten“, berichtet Dagmar Flörchinger, Initiatorin und Vereinsvorsitzende. „Wir werden immer bekannter, auch über Landau hinaus. Die Besucherzahlen steigen stetig.“ An manchen Dienstagen begrüße ihr Team bis zu 65 Kinder und 25 Erwachsene während des offenen Betriebs. „Das ist wunderbar. Aber auch ein Problem“, sagt die Pädagogin und fügt hinzu: „Wir Ehrenamtlichen können das allein nicht mehr stemmen. Wir brauchen zusätzliche Helfer. Die Farm ist wie ein Kleinbetrieb. Um unser Angebot weiterhin aufrecht erhalten zu können, brauchen wir hauptamtliche Mitarbeiter.“
Stadt am Zug
Mit diesem Hilferuf hat Flörchinger, die in der Vergangenheit schon öfter auf das Problem aufmerksam machte, sich nun an die Stadt gewandt. Denn: In vielen anderen Städten werden Jugendfarmen für ihre offene Jugendarbeit finanziell bezuschusst. Sie zählen zu den städtischen Einrichtungen, sind als Jugendzentren etabliert. Genau das wünscht sie sich auch für ihren Verein, den sie 2012 zusammen mit anderen Landauern ins Leben gerufen hat. „Oft muss ich Anfragen von Einrichtungen oder Familien ablehnen, weil uns schlichtweg die Kapazitäten fehlen“, sagt Flörchinger. „Was wir dringend brauchen, sind zwei feste pädagogische Stellen, um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden.“ Einen entsprechenden Antrag hat sie bei der Stadtverwaltung gestellt. Sie wünscht sich, dass ihr Anliegen bei den kommenden Haushaltsberatungen berücksichtigt wird. Bislang finanziert sich der Verein ausschließlich über Mitgliedsbeiträge, Kursgebühren und Spenden. Letztere sind laut Flörchinger zwar ein Zubrot, das die Kinder- und Jugendfarm dringend braucht, das eigentliche Problem aber lösen sie nicht. Hier sei die Stadt am Zug.
Hirsch: Land lässt Städten zu wenig Luft
Oberbürgermeister Thomas Hirsch (CDU) aber tritt auf die Euphoriebremse. „Die Haushaltsberatungen 2022 werden erneut sehr schwierig“, sagt er. „Es gibt Kostensteigerungen in allen Bereichen und die Einnahmen liegen noch nicht wieder auf Vor-Pandemie-Niveau.“ Und mit Blick auf die jüngsten Diskussionen um freiwillige Leistungen im sozialen Bereich – Stichwort „Landau-Pass“ – bekräftigt der Stadtchef, dass die aufsichtsbehördlichen Vorgaben nur wenig Spielraum zuließen. Landau fehle – wie vielen anderen rheinland-pfälzischen Städten auch – schlichtweg das Geld. Hirsch lobt das Engagement des Vereins, der 2018 mit dem Ehrenamtspreis der Stadt Landau ausgezeichnet wurde. Als Jugenddezernent wisse er um die Bedeutung der Farm. Solche außerschulischen Lernorte, darunter auch die Zooschule oder Waldwerkstatt, seien sehr wertvoll für die Kinder- und Jugendarbeit in der Stadt, betont er. Deswegen seine Forderung als Oberbürgermeister und als stellvertretender Vorsitzender des rheinland-pfälzischen Städtetags: „Die Städte brauchen finanziell Luft für soziale Aufgaben und vor allem die Möglichkeit, Jugendförderung zu finanzieren.“ Dies setze aber eine insgesamt angemessene Finanzausstattung der Kommunen voraus, erklärt Hirsch, die in Rheinland-Pfalz noch immer nicht gegeben sei. Statt Hoffnung zu machen, bedenkt er die Jugendfarm mit einer Spende in Höhe von 3000 Euro aus der Sparkassenstiftung.
Werden Angebote gestrichen?
Flörchinger bleibt dennoch optimistisch. Sie hofft auf Stimmen in der Stadt, die sich für ihren Verein einsetzen. „Was wir machen, wird gesehen und gewürdigt. Aber es darf nicht nur beim Lob bleiben. Unsere Kinder müssen uns mehr Wert sein als Worte“, betont sie. „Es wäre schön, wenn die Stadt den nächsten Schritt wagt und mit uns diese Ehe eingeht.“ Denn das Potenzial der Jugendfarm sei längst nicht ausgeschöpft. Beispielsweise würde die Pädagogin das Gelände gern an zwei Nachmittagen in der Woche für Familien öffnen. Vorstellbar wäre auch ein zusätzlicher Nachmittag nur für Kinder und mehr Angebote für Schulklassen. „Die Jugendfarm hat Hort-Charakter, das Gelände wäre dafür optimal“, sagt Flörchinger. Ideen hat sie jedenfalls viele. Auch eigene Tiere wünscht sich die Landauerin schon lange. Aber anstatt das Projekt Kinder- und Jugendfarm weiter vorantreiben zu können, müsse sie darüber nachdenken, Angebote zu streichen. „Das wäre der schlimmste Fall, den ich gerne verhindern würde“, sagt Flörchinger.