Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Brisant: Ein Buch über Juden in Landau benennt Täter

Ausschnitt des Buchcovers.
Ausschnitt des Buchcovers.

Ein spannendes und brisantes Sachbuch hat Marie-Luise Kreuter, Historikerin, über die Geschichte der Landauer Juden mit Unterstützung der Stadt vorgelegt. Ein Buch, das ungewollt in die aktuelle politische Debatte über Straßennamen und über Landauer Ehrenbürger eingreift, denn Kreuter nennt Täter beim Namen. Ehrenbürger schont sie dabei nicht.

„Die Namen der Opfer werden wie selbstverständlich immer genannt, die Namen der Täter aber oft geschwärzt.“ Das ist ein Fazit der promovierten Historikerin, die sich ihr Leben lang mit der Geschichte des Judentums und dem Antisemitismus beschäftigt hat. „Erst wenn auch die Namen der Täter bekannt sind, kann Aufarbeitung gelingen“, beschreibt Kreuter ihre Haltung.

Und Namen, bekannte und unbekannte, finden sich in diesem „erzählenden Sachbuch“, wie Kreuter ihr Werk beschreibt, zu Genüge. Die Autorin beschreibt sehr anschaulich, wie Menschen jüdischen Glaubens ab 1933 und verstärkt ab 1938 systematisch unter Druck gesetzt werden, ihr Eigentum zu einem „Spottpreis“ zu verkaufen.

Situation bagatellisiert

Konrad Geißelbrecht, Oberbauamtmann sowohl während des Nationalsozialismus als auch in der Nachkriegszeit im Dienst der Stadt und seit 1957 Landauer Ehrenbürger, wird in den 50er-Jahren vor der Restitutionskammer erklären, „dass angesichts der ,bekannten Vorgänge gegen die Juden’ das Angebot die Nachfrage nach solchen Objekten überstieg und so ein geringerer Preis als ,normenmäßig ermittelt wurde’“.

In der Nachkriegszeit verteidigt Geißelbrecht den „Verkauf“ jüdischen Eigentums und bagatellisiert die Situation der Juden, doch in der Zeit des Nationalsozialismus war Geißelbrecht Gutachter in vielen Arisierungsvorgängen und übte Druck auf die jüdischen Eigentümer aus. So stellt er im Oktober 1939 klar, dass „als Verkehrswert eines Grundstücks, das entjudet werden soll, regelmäßig nur der Ertragswert angesetzt werden kann“. Profitiert von diesem Gutachten haben Geißelbrechts Tochter Edith und ihr Mann Karl Fix, der Landauer Kaufmann Fritz Frühmesser und viele andere „arische“ Unternehmen.

Geschäftsleute profitieren

Spannend und anschaulich zugleich beschreibt Kreuter wie das Landauer Innenstadt schrittweise „judenfrei“ wird. Von dieser Strategie profitieren besonders die kleinen innerstädtischen Geschäftsleute. Die großen Landauer Unternehmer übernehmen dann die großen jüdischen Unternehmen, die durch das Industriegleis nördlich der Innenstadt verbunden sind.

Auch die Stadt selbst profitiert von der „Arisierung“, die nationalsozialistische Beschreibung einer kalten Enteignung. So kauft die Stadt dem Augenarzt Eugen Frank 1938 das anlässlich der „Volksempörung“ im November 1938 erheblich beschädigte Haus in der Martin-Luther-Straße 46 für 30.000 Reichsmark (RM) ab, überweist ihm aber nur 20.519 RM auf sein Sperrkonto bei der Deutschen Bank, weil sie Frank die Schäden in Rechnung stellt. Drei Jahre wird es von der SS genutzt, dann verkauft die Stadt 1941 das Haus für 34.000 RM an die Kreishandwerkerschaft, die es bis heute nutzt.

Die Nachfahren der Franks waren übrigens im November 2012 auf Deutschlandtour und haben in Landau Station gemacht. Im Herbst 2020 sind Schüler des Max-Slevogt-Gymnasiums Landau auf Spurensuche gegangen und haben die Geschichte der Franks recherchiert.

Eine Gesellschaftsgeschichte

Kreuters Buch beginnt mit dem jüdischen Leben im Mittelalter und endet in der Jetztzeit. Es lässt sich auch als Sozial- und Gesellschaftsgeschichte der Stadt Landau lesen. Es endet mit detaillierten Berichten zu den Konflikten um die Errichtung des Synagogendenkmals, die Sanierung des Frank-Loebschen-Hauses, die Gedenktafel an der Mauer des Savoyen-Parks und die Verlegung der Stolpersteine. Bei der Schaffung des Synagogendenkmals spielt der ehemalige Kirchenpräsident Hans Stempel eine unrühmliche Rolle, als er eigenmächtig den mit der jüdischen Gemeinde abgestimmten Text, der an die Verbrechen des deutschen Volkes erinnern soll, durch ein Vers aus Psalm 52 ersetzen lässt.

Auf 845 Seiten erzählt Kreuter die Geschichte der Landauer Juden mit all„ ihren Höhen und Tiefen. Am Ende zitiert sie Oberbürgermeister Thomas Hirsch, der am 9. November 2017 forderte: „Wir müssen uns den geschichtlichen Tatsachen stellen. Damit Opfer Opfer und Täter Täter bleiben.“ Dieses Buch nennt die Täter bei ihrem Namen und macht sie erstmalig als Täter sichtbar.

200 Mappen

Die Idee zu dem Buch kam Marie-Luise Kreuter, als sie in Landau die Erinnerungskultur der Stadt kennenlernte. Sie lebt seit 2007 in Landau, nachdem sie zuvor sieben Jahre in Äthiopien war. Doch die gebürtige Hunsrückerin wollte in die Nähe ihrer Mutter ziehen, und weil sie in Äthiopien einige Pfälzer und deren Lebensart kennengelernt hatte, wurde Landau statt Berlin ihr neuer Lebensmittelpunkt.

Praktisch zeitgleich initiierten einige Landauer das Verlegen von „Stolpersteinen“ in Landau. Die Steine, eingelassen in den Bürgersteig, erinnern an die Menschen jüdischen Glaubens, die bis zu ihrer Vertreibung oder ihrer Vernichtung in dem jeweiligen Haus gelebt hatten. Kreuter, die längere Zeit im Berliner Zentrum für Antisemitismus geforscht hatte, begann, die Lebensgeschichten dieser Landauer Juden zusammenzutragen. Im Stadtarchiv fand sie über 200 Mappen. Jede Mappe steht für einen Landauer Juden. Darin finden sich amtliche Dokumente, Zeitungsartikel, handschriftliche Notizen und vieles mehr. Diese Erinnerungsstücke fügte Kreuter zu einem oftmals unfertigen „Lebensmosaik“ zusammen. Diese Lebensgeschichten werden beim Einlassen des Stolpersteines verlesen.

Während Kreuter diese einzelnen Lebensläufe erforschte, reifte in ihr über die Jahre die Idee, aus diesen Mosaikstücken eine Geschichte der Landauer Juden zu schreiben. Der damalige Oberbürgermeister Hans-Dieter Schlimmer, den sie darauf ansprach, war begeistert und überzeugte die Stiftung der Sparkasse Südliche Weinstraße, diese Arbeit finanziell zu fördern. Im September 2015 begann Kreuter ihre Arbeit. Im Frühjahr 2020 war sie beendet. Nun liegt das neue Buch vor.

Lesezeichen

Marie-Luise Kreuter: Juden in Landau – Landauer Juden – Zur Geschichte einer Minderheit und ihrer christlichen Nachbarn, Schriftenreihe zur Geschichte der Stadt Landau in der Pfalz, Band 13; Eigenverlag Archiv und Museum der Stadt Landau in der Pfalz, 2022 – erhältlich in jeder Buchhandlung oder direkt beim Stadtarchiv für 29,90 Euro.

Im November 2012 war die Familie Frank aus New Jersey zu Besuch in Landau. Unser Archivbild zeigt sie vor dem Haus ihres Vaters
Im November 2012 war die Familie Frank aus New Jersey zu Besuch in Landau. Unser Archivbild zeigt sie vor dem Haus ihres Vaters und Großvaters mit dem damaligen Oberbürgermeister Hans-Dieter Schlimmer (Dritter von links), Museumsleiterin Christine Kohl-Langer (links), dem Landauer Ehepaar Reitz und dem alten Schulfreund Hemlut Scherer. Als die Innenstadt »judenfrei« wurde, profitierte auch die Stadt von der Arisierung. Sie kaufte den Franks das Haus 1938 ab und später mit Gewinn an die Kreishandwerkerschaft weiter.
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