Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Recherche zwischen den Gräbern

Carlotta Closhen, Lilly Kollmar und Sophie Koenig am Grab der Familie Frank.
Carlotta Closhen, Lilly Kollmar und Sophie Koenig am Grab der Familie Frank.

Am 9. November 1938 sind in Deutschland die Geschäfte jüdischer Mitbürger verwüstet worden und haben die Synagogen gebrannt. Auch in Landau. Drei Schülerinnen haben sich am Beispiel einer Familie auf Spurensuche begeben.

Ein Grabstein auf dem jüdischen Friedhof, Stolpersteine in der Innenstadt – das ist alles, was heute noch an die jüdische Arzt- und Lehrerfamilie Frank erinnert. Wie haben die Franks gelebt, was haben sie geleistet, wie sind sie gestorben?

Das gemeinsame Gedenken an die Opfer der Pogromnacht vom 9. November 1938 am Synagogen-Mahnmal in der Friedrich-Ebert-Straße muss in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie ausfallen. Doch Lilly Kollmar, Sophie König und Carlotta Closhen, Schülerinnen des Max-Slevogt-Gymnasiums (MSG), leisten auf ihre Art Erinnerungsarbeit. Sie haben in zahlreichen Archiven geforscht und die Geschichte jüdischer Ärzte aufgeschrieben, die in Landau praktiziert haben.

Antisemitismus nimmt zu

„Ich betrachte diese Biografiearbeit an der Schule auch als ein Zeichen, Tendenzen eines wieder stärker aufkommenden Antisemitismus abzuwehren und die Jugendlichen zu sensibilisieren“, sagt Dominique Ehrmantraut. Die Pfarrerin und Religionslehrerin hat die drei Mädchen motiviert, tief in die Familienbiografie der Franks (übrigens nicht verwandt mit Anne Frank, die ja auch Landauer Wurzeln hat) einzutauchen und akribisch alles aufzuzeichnen, was sie gefunden haben. Der Text, der so entstanden ist, sollte ursprünglich bei der Gedenkfeier am Jahrestag verlesen werden.

Die Beschäftigung mit der Geschichte und dem Schicksal der Juden liegt Dominique Ehrmantraut, die seit vielen Jahren Vorstandsmitglied des christlich-jüdischen Gesprächskreises ist, sehr am Herzen. 2018 hat auf ihren Vorschlag hin das MSG die Patenschaft für den jüdischen Friedhof in Landau übernommen. Jüngere Schüler pflegen seither die Gräber, die älteren begeben sich forschend auf die Spuren der ehemaligen jüdischen Bürger, die dort bestattet sind. 2019 hat sich die Arbeitsgruppe jüdischer Friedhof zum ersten Mal an der Gedenkfeier beteiligt, indem Schüler fünf Biografien vorgelesen haben.

Opfer der Spanischen Grippe?

Diesmal also geht es vor allem um Ärzte, die in Landau eine wesentliche Rolle gespielt haben. Da gibt es Jakob Dannheisser, einen bekannten Allgemeinarzt mit dem Titel Sanitätsrat, der vermutlich ab 1892 bis zu seinem Tod 1928 in der Judengasse und Westbahnstraße praktizierte. Seine Biografie und die seiner Vorfahren hat Dominique Ehrmantraut selbst aufgeschrieben. Von Zahnarzt Eugen Fried und Allgemeinarzt Wolf Frank gibt es nur Stammbäume und Kurzbiografien. Im Mittelpunkt der Forschungsarbeit aber steht die Arzt- und Lehrerfamilie Isaak Frank. Im Stadtarchiv, in Urkundenverzeichnissen und Büchern ist die Arbeitsgruppe fündig geworden.

Lilly Kollmar, Sophie König und Carlotta Closhen sind bis ins Jahr 1808 zurückgegangen, als Joseph Frank geboren wurde, Lehrer an einer israelitischen Schule in Marienthal. Er ist der Vater von Isaak Frank, geboren 1852, der den Beruf des Augenarztes erlernte, 1891 eine Praxis in Neustadt eröffnete und später nach Landau in die Kirchstraße, heute Martin-Luther-Straße 46, umzog. An dieser Stelle sind heute Stolpersteine verlegt, die an die Familie erinnern. Isaak Frank starb 1918 vermutlich an der spanischen Grippe und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Landau beerdigt.

Den Vornamen Benjamin abgelegt

Zwei seiner Söhne haben ebenfalls in Landau als Ärzte gearbeitet: Joseph war Zahnarzt, Eugen Benjamin Augenarzt. Im Ersten Weltkrieg, so die Biografie, war es üblich, dass alle Ärzte zum Militärdienst verpflichtet wurden. Juden dienten oft als Feld- oder Lazarettärzte, da ihre Religion ihnen den Kampf an der Front verbot. Eugen Frank war von 1914 bis 1918 als Augenarzt im bayerischen Reservelazarett in Landau beschäftigt. Er legte in dieser Zeit seinen zweiten Vornamen Benjamin ab, weil dieser klar auf jüdische Wurzeln verwies und der Antisemitismus zunehmend zum Problem wurde. Ab 1920 führte er die Praxis seines Vaters weiter.

Joseph Frank war als Arzt an der Front aktiv. Mit Frau und Kind floh er 1934 nach Marseille, Mutter und Sohn überlebten die Nazi-Verfolgung im französischen Untergrund. 1947 emigrierten sie in die Vereinigten Staaten. Über das weitere Schicksal von Joseph Frank ist nichts bekannt.

Ausreise nach Kuba verweigert

Dokumentiert ist jedoch das Schicksal von Eugen Frank und seiner Frau Else. Die Arbeitsgruppe fand heraus, dass das Ehepaar 1939 nach Mannheim umzog und vergeblich versuchte, Einreisevisa für die USA und Mexiko zu erhalten. In der Hoffnung, dennoch der Verfolgung zu entkommen, emigrierten die beiden nach Belgien, wo sie eine Einreiseerlaubnis nach Kuba bekamen. Jedoch wurde ihnen die Ausreise verweigert. Eugen und Else Frank wurden im SS-Sammellager Caserne Dossin im nordbelgischen Mechelen interniert und schließlich nach Auschwitz deportiert. 1942 wurden die beiden „für tot erklärt“, wie es in dem Text der Schülerinnen heißt. Sie wurden also im KZ ermordet.

Zu den Überlebenden zählte der Sohn des Ehepaars, Heinz Joachim Frank. Ihm gelang es, um die Jahreswende 1941/42 von Lissabon aus mit dem berühmten Flüchtlingsschiff Serpa Pinto nach New York überzusetzen. Dort leistete Henry J. Frank, wie er sich inzwischen nannte, Militärdienst, er studierte Medizin und arbeitete bis 2011 als Augenarzt.

Ein Beitrag für Toleranz

Seine Wurzeln hat Henry Frank wohl nie vergessen. Er ließ einige Jahre vor seinem Tod 2012 das Grab seiner Vorfahren auf dem Landauer Friedhof wiederherstellen. In deutscher und hebräischer Schrift ist dort zu lesen: „Du schufst ein Denkmal Dir in Tat und Wort, im Segen blüht’s in vieler Herzen fort.“

Das Leben von Juden im 20. Jahrhundert interessiere sie, sagt die 16-jährige Lilly Kollmar, eine der Autorinnen der biografischen Aufzeichnungen: „Die Menschen und ihre Geschichte sollen nicht vergessen werden.“ Ein Beitrag gegen Hass und Antisemitismus? „Ein kleiner Beitrag, eine Arbeit für Toleranz“, meint die Schülerin, „aber es muss viel mehr gemacht werden.“ Wichtig sei es, ein Gespür für andere Religionen zu entwickeln: „Je mehr man kennt, desto weniger muss man Angst davor haben.“

Der Grabstein im Detail.
Der Grabstein im Detail.
Sanitätsrat Jakob Dannheisser war ein weiterer Azt jüdischen Glaubens in Landau.
Sanitätsrat Jakob Dannheisser war ein weiterer Azt jüdischen Glaubens in Landau.
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