Hochstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Angst besiegt, um Leben zu retten

Daniel Kern hat seine Angst vor Krankenhäusern überwunden, um einem unbekannten Mitmenschen zu helfen.
Daniel Kern hat seine Angst vor Krankenhäusern überwunden, um einem unbekannten Mitmenschen zu helfen.

Diagnose Blutkrebs: eine Hiobsbotschaft, die in Deutschland jährlich Tausende Menschen trifft. In etlichen Fällen beginnt dann das Warten und Hoffen, dass sich ein Stammzellenspender findet. Die Geschichte eines besonderen Eingriffs, der Spender und Empfänger hilft.

Als auf Daniel Kerns Telefon unerwartet eine südbayerische Vorwahl erscheint, spürt er sofort, worum es geht. Es ist Freitag, der 7. Januar. Das Jahr ist gerade eine Woche alt, die Welt debattiert über die Impfpflicht, die Inflation und den Jahrestag des Sturms auf das US-Amerikanische Kapitol.

Nahe der bayerischen Hauptstadt München spielt sich im Kleinen jedoch ein ganz anderes Drama ab. Als Kern abhebt, meldet sich am anderen Ende ein Arzt. Der klingt „ziemlich aufgelöst“, wie der 32-jährige Hochstädter sich heute erinnert. „Wie spontan sind Sie?“, fragt ihn der Mann am Telefon. Für Kern beginnt in diesem Moment eine mehrtägige Achterbahnfahrt der Gefühle: Auf den Tag genau eine Woche später lässt er sich unter Vollnarkose 1,1 Liter Knochenmarkblut aus dem Beckenkamm entnehmen. Seine Spende wird einem Blutkrebspatienten eine neue Chance auf Leben geben.

Das Leben wiegt mehr als die Angst

Heute ist der Eingriff drei Wochen her. Wenige Tage danach meldete sich Kerns Lebensgefährtin bei unserer Redaktion: Das Handeln Ihres Partners sei nicht nur wegen seiner Spontanität besonders aufopferungsvoll gewesen. Kern leide zudem unter „panischer Angst vor Krankenhäusern“ und habe deshalb „ohne persönliche Rücksicht“ entschieden. Als wir Kern später für ein Gespräch treffen, bestätigt er die Schilderungen. „Ich weiß, es klingt blöd. Aber wenn ich an Krankenhäuser denke, habe ich Angst, zu sterben“, erzählt er. Er sagt aber auch: „Es wäre nie in Frage gekommen, dass diese Angst über das Lebenretten geht.“

Der Zollbeamte erzählt sehr bereitwillig von seiner Erfahrung. Nicht wegen des Dankes oder der Anerkennung, wie er sagt. Sondern wegen einer Botschaft: Die Menschen sollen wissen, wie wichtig es ist, sich für eine Stammzellenspende typisieren zu lassen. „Stellen Sie sich vor: Wie viele Leben man retten könnte, wenn sich jeder beteiligen würde“, sagt er.

Ersatzspender in der Not

Im Sommer 2020 hat sich Kern über den baden-württembergischen Blut e.V., der Typisierungsaktionen organisiert, in der Datenbank der Aktion Knochenmarkspende Bayern (AKB) registrieren lassen, wie er erzählt. Die Stiftung AKB ist eine von insgesamt 26 Spenderdateien, die die Datenbank des Zentralen Knochenmarkspender-Registers Deutschland (ZKRD) füttern; mit 7,1 Millionen Registereinträgen ist die DKMS Stiftung die größte und bekannteste in Deutschland.

Die Abläufe bei der Vermittlung sind stets ähnlich. Eine Woche zwischen Anfrage und Spende, das sei nicht normal, berichtet Cornelia Kellermann von der AKB. Grund für den diesmal außergewöhnlichen Ablauf: Kern wurde als Ersatz kontaktiert. Der eigentliche Spender sei wegen einer Coronainfektion sehr knapp vor dem geplanten Eingriff ausgefallen, erinnert er sich. Der Empfänger sei bereits auf die Transplantation vorbereitet gewesen. Ein Ausfall in dieser Situation wäre nicht bloß völlig demoralisierend für den todkranken Patienten. Sondern „im schlimmsten Fall tödlich“, erklärt Kellermann.

Wie ein Sechser im Lotto

Ganz aus dem Nichts kam das Ganze für Kern dann aber doch nicht. Dass er als einer von drei potenziellen Spendern in Frage kommt, habe er bereits im Oktober 2021 erfahren, erzählt er. Allerdings: Drei Monate lang habe sich niemand mehr bei ihm gemeldet, daher sei er nicht mehr davon ausgegangen, als Spender gebraucht zu werden. „Noch am selben Morgen dachte ich zufällig: Das wird es wohl gewesen sein.“ Der Anruf wenige Stunden später traf ihn wie ein Schlag.

„Es war wie ein Sechser im Lotto“, sagt Kern. Nicht nur, dass er tatsächlich ein Leben retten könnte. Die nachfolgende Woche habe ihn auch persönlich vorangebracht, sei „wie eine Therapie“ für seine Ängste gewesen. „In den meisten Fällen werden Stammzellen nicht mehr aus dem Knochenmark entnommen, sondern medikamentös im Blut angereichert“, erklärt Kern. Weil es so schnell gehen musste, sei für die Anreicherung bei ihm nicht mehr genug Zeit gewesen. Also musste doch das Knochenmark herhalten. „Ich habe es mir viel schlimmer vorgestellt“, sagt er heute erleichtert. „Natürlich kann es immer Komplikationen geben, zum Beispiel bei der Wundheilung“, sagt er. Darüber habe man ihn von Beginn an sehr wohlwollend aufgeklärt. Die Wahrscheinlichkeit langfristiger Folgen sei aber verschwindend gering im Vergleich zur Wahrscheinlichkeit des Empfängers, an seiner Erkrankung zu versterben.

Hoffnung auf ein Treffen

Irgendwann würde Kern seinen genetischen Zwilling gerne persönlich treffen, erzählt er. Um den Krebspatienten ausreichend Ruhe für die Zeit der Genesung zu geben und deren Verlauf abzuwarten, dürfen sich Spender und Empfänger frühestens nach zwei Jahren kennenlernen – sofern beide das wollen. Auf die Frage, wie es für ihn wäre, wenn die Person sich verweigert, winkt Kern ab: Er erwarte keine Gegenleistung. Die vielen Geschichten zum Thema im Internet hätten ihn jedoch sehr gerührt. „Ich würde mich freuen, den Menschen irgendwann in den Arm nehmen zu können.“

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