Contwig
Sprengstoffexperte über die Phosphorgranate: „Man konnte schon riechen, dass die undicht war“
Das Gefährliche ist nicht die Sprengkraft der 30 Zentimeter langen Phosphorgranate, sondern der Dampf, erklärt Thomas Guindeuil vom Kampfmittelräumdienst. Zusammen mit drei Kollegen aus Worms und Koblenz hat er die Granate aus dem Zweiten Weltkrieg kontrolliert in einer Plastiktonne voll Wasser gesprengt. Der erste Knall ist die Sprengladung, die die Experten angebracht hatten, um den Mantel der Granate aufzubrechen. Der zweite Knall war die Granate selbst. Der Rauch, der dann aufstieg, war der Grund, warum die Contwiger am Mittag Türen und Fenster geschlossen halten sollten: Das Phosphor reagiert mit dem Sauerstoff in der Luft und bildet giftige Dämpfe. Wer die Dämpfe einatmet, kann sich die Lunge verätzen.
Bei 1000 Metern Abstand wäre ganz Contwig leer
Die Sprengkraft der Granate an sich, die sei dagegen eher gering, erzählt Thomas Guindeuil nach dem erfolgreichen Einsatz. Deshalb, und weil die Granate nach dem Fund noch verlegt und sicher gelagert werden konnte, reichte es, bei der Evakuierung den Mindestabstand von 300 Metern einzuhalten. Hätte sie noch offen in der Tränkgasse gelegen, wären auch die 500 Meter nicht genug gewesen, die bei der Entschärfung der Fliegerbombe hinter der Zweibrücker Festhalle vor einem Jahr angeordnet waren. Denn da wurde entschärft, hier wurde gesprengt. Das hätte bedeutet: im Radius von 1000 Metern evakuieren. Ganz Contwig – alle Straßen, das Altersheim, die Gesamtschule, drei Kindergärten, die Einkaufsmärkte und andere Geschäfte.
Dass die Granate nach dem Fund am Dienstagmorgen in Sand gepackt und luftdicht in einem Stahlbehälter an der Kläranlage gelagert werden konnte, war deshalb ein Glücksfall. Auch weil es Zeit schaffte, den Einsatz vorzubereiten. Die haben die Einsatzkräfte genutzt – vom Ordnungsamt über Feuerwehr und Polizei bis zum Roten Kreuz und dem ASB. Am Donnerstag läuft alles Hand in Hand, ruhig, professionell, hervorragend organisiert und koordiniert. 160 Leute sind laut Medienbeauftragten Holger Hell im Einsatz.
Auch die Contwiger verhalten sich vorbildlich: In Zweibrücken vor einem Jahr verzögerte sich die Entschärfung um Stunden, weil manche sich weigerten, ihre Häuser zu verlassen. In Contwig läuft dagegen alles rund. „Es fühlt sich gespenstisch an, alles leer und ruhig“, beschreibt Oliver Lehner von der Feuerwehr die Situation in der Zweibrücker Straße. Da ist es noch nicht mal 11 Uhr, die Zeit, zu der die Evakuierung abgeschlossen sein soll. Polizei und Ordnungsamt müssen niemanden aus der Wohnung holen.
Bärmann: Bei alten Leuten kommen Erinnerungen hoch
Auch Contwigs Bürgermeister Karlheinz Bärmann hat keine Beschwerden gehört. Er weiß, dass die Situation vor allem für ältere Leute schwierig ist, die den Krieg und die Evakuierung selbst noch mitbekommen haben: Bei ihnen kommen die Erinnerungen hoch. Bärmann war Bauleiter bei Wolf und Sofsky, und er hat vor knapp 30 Jahren geholfen, das Werk am Zweibrücker Flugplatz zu bauen, das heute Tadano gehört. Da sei man alle zwei Wochen auf eine Bombe gestoßen.
Dass der Untergrund auf Munitionsreste untersucht wird, das ist mittlerweile beim Straßenbau Vorschrift. Das geschah auch in der Tränkgasse. Aber die Granate lag unter einem Metallrohr, weshalb sie bei der Suche mit einem Metalldetektor nicht erkannt wurde. Gefunden hat sie am Dienstag Baggerfahrer Ralf Rabung aus Schmitshausen – der 2009 einmal Wettkönig bei „Wetten, dass...?“ war, als er mit dem Bagger Basketbälle in einen Korb warf. Er ist seit 18 Jahren Baggerfahrer, aber es sei das erste Mal gewesen, dass er Munition fand. Nur durch sein Fingerspitzengefühl sei die Granate ganz geblieben, sagte er am Donnerstagmorgen im Scherz.
„Man konnte schon riechen, dass die undicht war“
Wobei die ganze Sache tatsächlich nicht ungefährlich war: „Man konnte schon riechen, dass die undicht war“, sagt Experte Thomas Guindeuil. Deshalb habe man die Granate auch nicht weiter weg transportiert als bis zur Kläranlage: „Die war nicht mehr transportsicher.“ Nachdem die Granate gesprengt ist, warten er und seine drei Kollegen, bis sich der Rauch verzogen hat und die Phosphorreste im Hof der Kläranlage verbrannt sind.
Dann geben sie Entwarnung. Die Feuerwehr räumt die Absperrungen in Contwig beiseite, der Luftraum wird wieder freigegeben, ebenso die Bahnstrecke. Die Polizei wartet noch ein paar Minuten, hebt dann die Sperrung an der Dorndorfkreuzung in Niederauerbach auf. Die Feuerwehrleute aus 14 Dörfern der Verbandsgemeinde fahren zurück in die Einsatzzentrale an der VT-Turnhalle. Und Werner Semar, der Leiter des Ordnungsamtes fasst den Morgen in einem Satz zusammen, der es genau trifft: „Es hat alles wunderbar geklappt.“