Kreis Südwestpfalz
Sickinger Höhe: Bauern wollen mit grünen Kreuzen „zeigen, dass wir noch leben“
Man sieht sie auch auf der Sickinger Höhe: grüne Kreuze an den Feldrändern. Sie sind stiller Protest und Mahnung der Bauern. Die finden, dass die aktuelle Agrar- und Umweltpolitik ihre Arbeit massiv erschwere, gar unmöglich mache.
Martinshöhe/Wallhalben/Reifenberg/Zweibrücken/Pirmasens. Jürgen Vogelgesang, Vorsitzender des Kreisbauernverbands Kaiserslautern, will durch die Aktion mit Verbrauchern ins Gespräch kommen, um so der Entfremdung von der Landwirtschaft entgegenzuwirken. Mit den grünen Kreuzen weisen deutschlandweit Landwirte darauf hin, dass sie immer mehr unter Veränderungsdruck und Verboten litten. „Ich habe das Gefühl, die Politik und die Gesellschaft wollen uns kleine bäuerlichen Familienbetriebe nicht mehr“, sagt Jürgen Vogelgesang. Einerseits wolle Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner flächendeckend familiengeführte Betriebe, anderseits kürze das vom Bundeskabinett auf den Weg gebrachte Agrarpaket die Direktzahlungen an die Landwirte um 75 Millionen Euro. Laut der CDU-Politikerin heiße dies im Durchschnitt lediglich 4,50 Euro pro Hektar weniger. Vogelgesang ist aber überzeugt, dass die Einkommenskürzung gerade bei den kleinen und mittleren Betriebe zu enormen Belastungen führt. „Anders sähe es aus, wenn die Lebensmittel nicht verramscht würden, wenn die Landwirte den tatsächlichen Wert bezahlt bekämen“, so der Bauernvertreter. Dumpingpreise für Nahrungsmittel halte er für ethisch nicht vertretbar.
„Wie sieht es aus mit dem Einsatz von Glyphosat bei der Bahn?“
Mit dem Agrarpaket will die Bundesregierung auch den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln spürbar einschränken. So soll bis Ende 2023 das Totalherbizid Glyphosat verboten werden. Bereits ab 2020 ist angepeilt, den Einsatz des weltweit mit Abstand meist eingesetzten Pflanzenschutzmittels um 75 Prozent zu reduzieren. „Wie sieht es aus mit dem Einsatz von Glyphosat bei der Stadtbahn Mannheim und bei der Deutschen Bahn?“, fragt Vogelgesang. Laut eigenen Angaben ist die Bahn der größte Einzelabnehmer und versprühte zuletzt 57 Tonnen Glyphosat entlang der 63 000 Gleiskilometer.
Das Verbot dreier Neonicotinoide habe unter anderem bundesweit den Rapsanbau deutlich reduziert. Gerade das Rapsextraktionsschrot habe inzwischen importiertes Gen-Soja als Futtermittel weitgehend ersetzt. Vogelgesang: „Ab Anfang 2020 will das Molkereiunternehmen Hochwald komplett auf Gentechnik-freie Milch umstellen.“ Die rund 100 Millionen Euro, die jährlich im Rahmen des Aktionsprogramms Insektenschutz ausgegeben werden sollen, hält er für deutlich überzogen. Vogelgesang, der in Martinshöhe wohnt, zitiert den dortigen Bürgermeister Hartwig Schneider, der ironisch angemerkt habe: „Als Landwirt habe ich 40 Jahre versucht, meine Mitmenschen zu vergiften. Es ist mir nicht gelungen. Im Gegenteil: Sie sind immer älter geworden.“
Vogelgesang ärgert sich über „selbsternannte Klimaexperten“
Was Vogelgesang auch ärgert sind die vielen „selbsternannten Klimaexperten“. „Ich bin gern bereit zu erklären, dass ein Hektar des verpönten Maises den CO2-Ausstoß von 60 000 Kilometer Autofahrt oder von 50 bis 60 Menschen recycelt“, bietet er den Verbrauchern an. Auch möchte er die – aus seiner Sicht – Doppelmoral der Bundesregierung anhand des Freihandelsabkommens mit Südamerika und den Rindfleisch-Deal mit den USA zur Sprache bringen.
Ob die Landwirte nun auch ins Friedhofsgeschäft einsteigen wollen, sei er nach dem Aufstellen eines Kreuzes bei seinem neuen Stall mehrmals gefragt worden, sagt Frank Schäfer aus Wallhalben schmunzelnd. „Ich kenne keine Branche, die so nachhaltig wirtschaftet wie die Landwirtschaft“, stellt der engagierte Maschinenringler heraus. Wer glaube, die Bauern wollten mit Gewalt ihre Lebensgrundlage kaputt machen, dem müsse man die Kompetenz für Landwirtschaft absprechen. Der Bullenmäster: „Landwirte denken in Generationen.“ Schäfer empört sich darüber, dass die Rahmenbedingungen zum Beispiel für Stallbauten ständig geändert würden. „Fehlende Planungssicherheit in vielen Bereichen sind Hängepartien, die einen zermürben“, so der Landwirt. Angesichts der jüngsten Landtagswahlen und der Umfragen sei die Bundesregierung offenbar in maßlosen Aktionsmus verfallen.
„Kein hormonverseuchtes Fleisch aus Übersee“
Einer der ersten Landwirte, der die von Internetbloggern wie dem als „Bauer Willi“ bekannten Landwirt Willi Kremer-Schillings angeregten Aktion aufgriff, war Christian Kau vom Stockbornerhof bei Reifenberg. Spontan zimmerte der Milchviehhalter fünf Kreuze, die er bei Battweiler, Contwig, Maßweiler, Rieschweiler und Reifenberg aufstellte. „Damit will ich zeigen, dass wir noch leben und kämpfen werden“, gibt der Lohnunternehmer trotzig kund. „Wir brauchen kein hormonverseuchtes Fleisch aus Übersee. Ich lasse mir nicht die Kompetenz absprechen, hochwertige Nahrungsmittel vor Ort erzeugen zu können.“
Uwe Bißbort, langjähriger Kreisvorsitzender des Kreisbauernverbands Südwestpfalz, wettert gegen die Einführung eines staatlichen Tierwohl-Labels zur Kennzeichnung von Lebensmitteln tierischer Herkunft im Agrarpaket und die verschärfte Düngungregulierung. „Düngung nach guter fachlicher Praxis ja – Düngung auf Basis von Ignoranz und fachlicher Inkompetenz nein“, meint der Schweinehalter. Die Verschärfung der Düngeregeln sehe unter anderem eine Verringerung der Düngung bei einer Hangneigung ab fünf Prozent vor, um ein Abschwemmen in oberirdische Gewässer zu verhindern. Bißbort: „95 Prozent der Flächen in der Südwestpfalz sind hängig. Fast alle Landwirte sind somit betroffen.“ Er fordert eine stärkere Differenzierung der Düngungsvorgaben. Die Produktion werde – auch wegen des letzte Woche beschlossenen Klimapakets – künftig deutlich teurer. „Zum Beispiel wird die Investition in professionelle Ausbringungstechnik für Gülle den Strukturwandel nicht verlangsamen“, sagt er klipp und klar.
Uwe Bißbort: Mit dem Leiden Christi nicht vergleichbar
Die Familie Bißbort sieht das Aufstellen der grünen Kreuze allerdings „skeptisch“ und nennt es „grenzwertig“. Das Kreuz als ein Hauptsinnzeichen des Christentum sehe er als Gläubiger nicht in erster Linie als Zeichen des Todes, sondern als Zeichen des Sieges über den Tod an, so der Windsberger. Und das Leiden Christi am Kreuz sei nicht mit dem Leiden der Landwirte zu vergleichen. Er werde kein grünes Kreuz an einem Acker oder einer Wiese aufstellen.
Die Farbe der Kreuze ist grün. Grün gilt allgemein als Farbe der Hoffnung. Die überwiegend klassisch arbeitenden Landwirte haben das Gefühl, dass die Gesellschaft sie als Buhmänner betrachtet und sich von Populisten treiben lässt. Das, so hoffen sie, soll sich ändern. Ihr Wunsch: Am Erntedanktag sollen die Verbraucher über den Wert der heimischen Nahrungsmittel und über ihr Konsumverhalten nachdenken. Noch ist das Agrarpaket nicht durch den Bundestag. Morgen treffen sich Landwirte zu einer Kundgebung in Mainz, wo zeitgleich die Agrarminister tagen. Bißbort: „Jeder Landwirt, dem es möglich ist, sollte daran teilnehmen.“