Kreis Südwestpfalz „Saukalt“
Der Griff ins Tiefkühlfach des Supermarkts ist längst zur Selbstverständlichkeit geworden. Wer macht sich schon Gedanken darüber, wie viel Aufwand notwendig ist, um Pizza & Co. auf dem Weg zum Kunden nicht auftauen zu lassen. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Wasgau-Logistikzentrum in Pirmasens-Winzeln.
„Welche Größe haben Sie denn?“ Ralf König ist Hausmeister in diesem gigantischen Gebäude und kümmert sich auch um die Schutzkleidung. Um die Ausrüstung, die mich hier hoffentlich überleben lässt. Ich murmle etwas von „ziemlich klein“, und König reicht mir Latzhose, Jacke, Stiefel und Mütze. Alles vom Wärmsten. Handschuhe gibt es auch noch, aber mit denen lassen sich die Knöpfe am Fotoapparat nicht bedienen. Ich hoffe, meine vorsorglich mitgebrachten Standard-Fingerhandschuhe lassen mich nicht im Stich. 25 Grad minus. Das ist die Zahl, die mir seit Tagen nicht aus dem Kopf geht. Es gibt kein besseres Adjektiv als „saukalt“ für diese Temperatur. Mehr als 3000 Quadratmeter groß ist die Wasgau-Tiefkühlzone, in der tonnenweise all das lagert, was morgens kommissioniert und dann an die Märkte ausgefahren wird. Und da hinein will ich jetzt. Mittlerweile sind alle Reiß- und Klettverschlüsse meines Profi-Kälteschutzes zu, es kann losgehen. Vladimir Werwein werde ich bei seiner Arbeit im Lager über die Schulter schauen. Es dauert noch einen Moment, bis er kommt, und so erlebe ich intensiv die Wirkung des Anzuges, der mich aussehen lässt wie das Michelin-Männchen. Binnen zwei Minuten bin ich im eigenen Saft gegart. Vor der Kälte brauche ich offensichtlich keine Angst zu haben, modernste Textiltechnik kümmert sich um mich. Dann kommt Vladimir, 31, geboren in Kasachstan. Kasachstan? Da ist es doch im Winter auch ganz schön frisch, oder? Vladimir lacht. „Wir haben manchmal minus 40 Grad.“ Was zieht man denn da an, will ich wissen. „Zwiebel“, meint der Wasgau-Kommissionierer mit dem coolen Job lässig. Soll heißen, Kleidung nach dem Zwiebelprinzip, also ganz viele Schichten übereinander. „Bei minus 39 Grad gibt es schulfrei“, sagt er noch und dann betreten wir den Schleusenbereich. „Langsam durch die Nase atmen“, rät er mir. Beim Atmen durch den Mund zieht sich nämlich die Lunge plötzlich zusammen und man japst nach Luft, lasse ich mir erklären. Jetzt geht das Tor zum Tiefkühllager auf, und ich bin am kältesten Punkt meines bisherigen Lebens angelangt. Es fühlt sich besser an als erwartet. Kein bisschen unangenehm. Nur als ich zu Vladimir aufs Kommissionier-Wägelchen steige und wir losbrausen, spüre ich den Fahrtwind im Gesicht. Es ist eine trockene Kälte, und deshalb macht es auch meinem Begleiter nichts aus, hier zu arbeiten. Seit zehn Jahren ist er Wasgau-Mitarbeiter, seit fünf Jahren Tiefkühl-Kommissionierer. Sein Bruder arbeitet auch hier, als Staplerfahrer. Auf dem Display des Wagens steht, was zu laden ist. Tiefkühlpizza, Speiseeis, Torten, Pommes, Rahmspinat und Schellfischfilets steuert er zielsicher an, schnappt sich die „Collies“ genannten Pakete, in denen jeweils mehrere Exemplare eines Artikels zusammengefasst sind. 1000 bis 1500 solcher Collies hievt hier jeder der sechs Kommissionierer täglich aus dem Regal, das sind acht bis zehn Tonnen. Kalt wird einem da wirklich nicht, und auch ich fühle mich nach einer Viertelstunde immer noch bestens aufgehoben in meinem Kälteanzug. „Festhalten, es geht in den nächsten Gang“, kündigt Vladimir an und legt den Wagen in eine letzte Kurve. Und dann ist diese Ladung fertig, schnell noch etwas Trockeneis dazwischen und parken. Auf dem Display steht auch schon der nächste Auftrag, doch jetzt gibt’s erst mal eine Aufwärmpause. Das bedeutet für mich Feierabend. Wieder raus in die Frischeabteilung mit ihren kuscheligen acht Grad plus. Dort erzählt mir Vladimir bei einer Tasse Kaffee von Leuten, die auch schon umgekippt sind – der Kreislauf eben. Besonders im Sommer sei es wichtig, sich wieder ganz langsam an die Hitze zu gewöhnen. Schließlich ist es dann draußen 55 Grad wärmer als bei den Tiefkühl-Pommes, das haut den stärksten Kerl um. Warum reichen eigentlich nicht minus 18 Grad? So wie in der Tiefkühltruhe zuhause? Die Antwort gibt Logistikleiter Lorenz Kretz: „Wenn der Strom ausfällt, haben wir so noch vier Stunden, bis die Temperatur auf minus 18 Grad gestiegen ist. Das ist die Grenze, über der wir Produkte wie Speiseeis nicht mehr verkaufen können.“ Die Mitarbeiter im Tiefkühlbereich seien im übrigen besonders stolz auf ihren Job, erzählt Kretz. „Die müssen ihre Arbeit eigenverantwortlich machen, es kann dort kein Vorgesetzter dabei sein. Und dass wir ihnen so vertrauen, macht sie stolz.“ So stolz, dass Ältere, die nicht mehr bei diesen Temperaturen arbeiten dürfen und in die wärmere Zone versetzt werden, schon mal sauer sind. Ich bin nicht sauer, aus meiner Montur herauszukommen. Mittlerweile habe ich bestimmt einen Liter aus mir heraus- und in den Thermoanzug hineingeschwitzt. Hausmeister König lässt ihn reinigen. Und ich gehe wieder raus in die Sonne. Drinnen schnappt sich Vladimir wahrscheinlich gerade den Rahmspinat.