Streitfall Sankt Martin darf nicht durch Bechhofen reiten – hätte man’s trotzdem erlauben sollen?
Pro: „Ein kleines bisschen Licht in diesen schwierigen Zeiten, das hätte allen gut getan. Reitern, Pferden, Kindern, Eltern, Großeltern“, findet RHEINPFALZ-Redakteur Andreas Sebald.
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind. Laut den ab Montag geltenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens dürften die beiden Figuren aus Goethes Ballade „Der Erlkönig“ auch durch Bechhofen reiten, Stichwort gleicher Hausstand.
Diese Regelung hätte auch bei den Plänen von Britta Grötsch für ihren in Bechhofen geplanten Martinsumzug unter besonderen Bedingungen gegriffen. Die Idee von Grötsch war einfach: Nicht die Kinder ziehen im Pulk durch Bechhofen, sondern Sankt Martin reitet durch die Straßen. Und zwar allein. Die Kinder bleiben in ihren Häusern, und winken dem vorbeiziehenden Reiter mit ihren Laternen zu. Abstand gewahrt, Kontakte vermieden, den Kindern eine Freude gemacht.
Sicher: Die Reittherapeutin hatte drei Sankt Martins organisiert, die wollten aber jeweils allein unterwegs sein, damit die Aktion nicht bis Mitternacht dauert. Kontakt hätte sie bei den Vorbereitungen nur zu ihrer Tochter (gleicher Hausstand) und zum Sohn einer Freundin gehabt (zweiter Hausstand). Also: (Fast) alles ähnlich wie beim Erlkönig.
Die Kommunen im Landkreis haben sich aber auf eine generelle Absage der Martinsumzüge geeinigt. Das mag für traditionelle Umzüge (Reiter vorneweg, Hunderte Menschen mit Laternen im Gefolge) vernünftig und richtig sein. Für die in Bechhofen geplante Aktion trifft es aber nicht zu, was sogar Verbandsbürgermeister Björn Bernhard indirekt einräumte, als er sagte, dass die Aktion „rein theoretisch“ hätte stattfinden können.
Grau ist aber alle Theorie. Fakt ist: Die Umzüge sind abgesagt. Ein Schlag für Britta Grötsch speziell und für kreative Ideen im Allgemeinen. Womöglich wollten die Verantwortlichen kein Risiko eingehen. Wer hätte den überprüft, ob die Menschen tatsächlich in ihren Häusern bleiben und alles so kontaktlos abläuft wie geplant? Gehen wir aber mal davon aus, dass die Menschen vernünftig gehandelt hätten und tatsächlich nur einsame Reiter durch Bechhofen gezogen wären (und dass das Wetter am 10. November mitgespielt hätte): Dann wäre mit dem Bechhofer Martinsritt eine gute Idee in eingeschränkten Zeiten vorbildlich und – ganz wichtig – Corona-konform umgesetzt worden. Womöglich hätten sich sogar in Nachbarorten noch kurzfristig Nachahmer gefunden. Wer weiß.
Fakt ist: Ein kleines bisschen Licht in diesen schwierigen Zeiten, das hätte allen gut getan. Reitern, Pferden, Kindern, Eltern, Großeltern. Über die Grenzen von Hausständen hinweg.
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Am 10. November leider niemand ...
Contra: Einen einzelnen Martinsritt zu erlauben – noch dazu im Heimatort des Verbandsbürgermeisters –, das wäre Willkür gewesen und hätte einen Beigeschmack gehabt, hält sein Kollege Thomas Büffel dagegen.
Es gibt im Pfälzischen diesen schönen Ausdruck: „Mim Arsch dehemm bleiwe.“ Darum geht es bei den Einschränkungen, die uns für November bevorstehen. Das Leben für vier Wochen zurückzufahren, damit sich das Virus nicht weiter so schnell verbreitet. Nun sollten die Bechhofer Kinder bei der geplanten Laternenwinkaktion ja tatsächlich daheim bleiben, das geb’ ich zu! Aber selbst wenn man das Ganze Drei-Menschen-in-roten-Mänteln-reiten-auf-Pferden-alleine-durch-die-Straßen-ohne-gegen-die-Corona-Auflagen-zu-verstoßen-und-Kinder-halten-ihre-Laternen-aus-dem-Fenster-Abend genannt hätte: Wenn am Vorabend des 11. November jemand durchs Dorf reitet, ist das ein Martins-Ritt. Und die, so hat der Kreis entscheiden, fallen aus. Um das Leben einen Monat zurückzufahren.
Dass darunter auch die Bechhofer Aktion fällt, das ist keine Willkür. Im Gegenteil: Das ist nur konsequent. Wie ernst könnte ich denn sonst das Ordnungsamt nehmen, wenn es eine für Mitte November angemeldete Aktion mit Sankt Martin, einem Pferd und Laternen erlaubt – noch dazu in dem Dorf, aus dem der Verbandsbürgermeister stammt! DAS wäre Willkür gewesen – mit Beigeschmack.
Es geht hier nicht darum, ob alle nun in Berlin beschlossenen Maßnahmen richtig und sinnvoll sind. Ich stimme auch nicht allem zu. Mir tun all die leid, die massiv darunter leiden werden (und das sind sicher nicht die Bechhofer Kinder). Und ich würde auch lieber weiterleben wie bisher. Aber die Einschränkungen sind jetzt erst mal beschlossen. Sie sind zudem einheitlich – was immer wieder eine Forderung war. Da ist es richtig, jetzt nicht auszuscheren, auch wenn das ein oder andere bei genauer Betrachtung eben doch möglich wäre.
Nun rufen tatsächlich Leute dazu auf, Verbandsbürgermeister Björn Bernhard bei der nächsten Wahl abzustrafen. Andere reden davon, man raube den Kindern das letzte bisschen Spaß. Also jetzt lassen wir bitte mal die Kirche im Dorf, ja? Die Laternenwink-Aktion war eine tolle Idee! Aber es ging darum, dass die Kinder ihre Laterne kurz aus dem Fenster halten, während Sankt Martin vorbeireitet. Unsere Kleinen werden es verkraften, wenn das ausfällt. Viel wichtiger ist doch für sie, dass sie nach wie vor ihre Freunde sehen können, Schulen und Kindergärten offen bleiben und sie auf den Spielplatz können. Damit das weiter möglich ist, dafür fahren wir jetzt einen Monat das Leben runter.
Ein Gedankenanstoß zum Schluss: Was ist denn die Botschaft von Sankt Martin, der seinen Mantel in klirrender Kälte mit einem Bettler teilt? Da verzichtet einer freiwillig auf etwas, um einem anderen in Not beizustehen. Freiwillig verzichten, anderen helfen – klingelt da etwas? Bleiben wir einen Monat „mim Arsch dehemm“! Wir werden’s überleben! Und andere dadurch auch!
Thomas Büffel