Rodalben
Im Interview: Wolfgang Greß vom Senioren-Zentrum Edelberg über den Pflegealltag
Sie hatten beim Tag der Pflege einen Stand am Marienplatz aufgebaut. Welche Erfahrungen haben Sie dort gewonnen?
Wir wurden gesehen, wahrgenommen und auch kontaktiert. Die Pflegeberufe sind in den letzten beiden Jahren deutlich in den Fokus der Gesellschaft gerückt, spätestens seitdem sie – durch die Pandemie hervorgehoben – als systemrelevant gelten.
Kommen Sie in Ihrer Einrichtung mit der personellen Besetzung zurecht oder müssen Sie auf etwas verzichten?
Wir verfügen in unserer Einrichtung über 104 Pflege- und Betreuungsplätze, davon sind 98 Plätze belegt. Wie die meisten Pflegeeinrichtungen können wir den allgemeinen Anspruch hinsichtlich einer guten Pflege und Versorgung erfüllen. Dies gilt auch für die soziale Betreuung und Alltagsbegleitung. Dazu gehören Angebote für die Tagesgestaltung, ob in Gruppen oder auch individuell im Zimmer der Bewohner. Jetzt, im Sommer, haben wir unsere Terrasse im Innenhof wieder bestuhlt. Dieser Platz erweist sich als beliebter Treffpunkt bei den Senioren unseres Hauses.
Und was fehlt?
Schön wäre es, wenn wir Plätze zur Tagespflege sowie betreutes Wohnen anbieten könnten.
Beim Personal herrscht erfahrungsgemäß Fluktuation. Wenn Mitarbeiter abwandern, müssen Sie neue Pflegekräfte rekrutieren. Wie gelingt es dabei, sich gegenüber der Konkurrenz durchzusetzen?
Eine gewisse Fluktuation ist normal. Dafür gibt es eine Menge Gründe wie Eintritt in die Rente, Berufsausstieg wegen Erkrankung, Mutterschaft, Abwanderung in Berufszweige ohne Wochenend- und Feiertagsarbeit. Da es darüber hinaus ohnehin an Fachkräften mangelt, wird händeringend nach Pflegefachkräften und selbst nach Pflegehilfskräften gesucht. Also werben wir in Printmedien, im Internet, bei der Agentur für Arbeit und verweisen auf ansprechende Rahmenbedingungen. Dazu zählen Ausbildungsstellen zur Pflegefachkraft oder zum Altenpflegehelfer. Zuwendungen wie Gutscheine für besondere Leistungen, monatliche Aktionen wie das Mitarbeiterfrühstück oder „Pizza für alle“, vor allem aber angemessene Gehälter, die schon jetzt deutlich über dem Mindestlohn für Pflegefachkräfte liegen. Ja, es ist richtig: Sich gegen die Konkurrenz zu behaupten, das zählt zu den wichtigsten Aufgaben auf dem Arbeitsmarkt.
Welches sind Motive für junge Leute, in die Pflegeausbildung einzusteigen?
Die Pflegeberufe bieten bereits jetzt vergleichsweise gute Verdienstmöglichkeiten und Aufstiegschancen. Jungen Leuten, die vor der Berufswahl stehen, sei gesagt, dass es nur wenige Berufe gibt, die einem mit größter Wahrscheinlichkeit ein Leben lang den Gang zur Arbeitsagentur ersparen. Eine gute Pflegefachkraft braucht keine Arbeitslosigkeit zu fürchten. Wer gerne mit älteren Menschen zu tun hat, dem wird auch die Ausbildung gefallen. Gewöhnungsbedürftig sind Schicht- und Wochenenddienste, aber das trifft auf viele andere Berufe auch zu.
Zufriedenheit am Arbeitsplatz ist ausschlaggebend für das persönliche Wohlergehen und für den erfolgreichen Alltag. Wann ist Zufriedenheit im Pflegeberuf gewährleistet?
Ich halte es für einen wichtigen Lernprozess, beginnend bei der Ausbildung, die Sinne zu schärfen für die schönen Momente im Umgang mit den zu umsorgenden Senioren und auch den Kollegen, um daraus immer wieder Motivation zu schöpfen für die Aufgaben des Alltags. Wie im Privatleben stellt sich Zufriedenheit einmal mehr und einmal weniger ein, was mitunter an schwer zu beeinflussenden Faktoren liegt. Hilfreich wären auf jeden Fall bessere Personalschlüssel, eine verlässliche Dienstplanung und Wertschätzung der Leistung.
Sie sind jetzt seit vier Jahren Einrichtungsleiter in Rodalben. Wie lautet Ihr Zwischenfazit?
Unser Herrgott hat mich, einen gebürtigen Nordpfälzer, im März 2018 in die mir bis dahin unbekannten Gefilde nach Rodalben geschickt. Es ist wohl gelungen, den Ruf der Einrichtung zu verbessern, wenngleich weiterhin Luft nach oben bleibt. Die Arbeit macht Spaß, mir, meinen Mitarbeitern und dem ganzen Netzwerk. Wie schön ist es, wenn die Heimbewohnerin Monika Schilling, zumal als frühere Krankenschwester, bekundet: „Ich fühle mich hier nicht im Heim, ich habe ein zweites Zuhause gefunden.“ Statt eines Zwischenfazits ziehe ich heute schon fast ein Schlussfazit, denn voraussichtlich gehe ich nach 50 Arbeitsjahren im Herbst in den Ruhestand. Für mich will ich zum Abschied sagen können: Ich habe alles getan und gegeben, was ich konnte.
