Hauenstein / Südwestpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Heimatgeschichte: Als der B10-Neubau noch ein Rekord war

 Erster Ausbau der B10: Vor 65 Jahren begann der Ausbau mit der Verlegung der alten Bundesstraße bei Hauenstein.
Erster Ausbau der B10: Vor 65 Jahren begann der Ausbau mit der Verlegung der alten Bundesstraße bei Hauenstein.

Die B 10 ist ein Dauerthema. Vor allem die Frage, wann es mit dem vierspurigen Ausbau ab Hinterweidenthal weitergeht, beschäftigt die Südwestpfalz. Vor 65 Jahren ging manches schneller. Der Blick auf einen Baurekord.

Jahrzehnte, bevor die Bundesstraße 10 zwischen Pirmasens und Landau zu einem baupolitischen Dauerbrenner wurde, geschah im Jahre 1955 im Raum Hauenstein die erste infrastrukturelle Großtat auf dem gesamten Abschnitt zwischen West- und Südpfalz. Die etwas vergilbte Niederschrift von Oberregierungs- und Baurat Boegl vom Straßenbauamt Speyer mit dem Aktenzeichen I/657-03 tat amtlich kund und zu wissen, dass am 12. Dezember 1955 um 11 Uhr die Neubaustrecke nördlich der Bahnstrecke „für den Verkehr freigegeben werden konnte“. Damals ein großes Ereignis.

Schwieriges Unterfangen in felsigem Gelände

Aber die Recherche über die erste B10-Neubaumaßnahme auf der rund 50 Kilometer langen Strecke nach dem Zweiten Weltkrieg brachte noch eine ganz besondere Leistung ans Tageslicht: Die 2,2 Kilometer lange Strecke, die zu großen Teilen in felsiges Gelände gebaut wurde, ist in einer kaum zu glaubenden Rekordzeit von sechs Monaten reiner Bauzeit fertig gestellt worden. Da fragt man sich in der Tat nach 65 Jahren, wie dies mit einem relativ bescheidenen Maschinenpark der Nachkriegszeit möglich sein konnte.

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Viele Unfälle führen zum B10-Neubau

Im Archiv findet sich dazu ein anderes Originaldokument des damals federführenden Straßenbauamtes Speyer, datiert vom 8. März 1955: „Das Straßenbauamt Speyer ist nunmehr beauftragt, die Ausschreibung für die Verlegung der B10 nördlich des Bahnhofes Hauenstein in die Wege zu leiten, da mit der Baudurchführung in Kürze gerechnet werden kann.“ Am 2. Juni 1955 begann mit dem Anrücken der Räumungsfahrzeuge die eigentliche Bauzeit, sechs Monate später war alles fertig.

Wenn man bedenkt, dass die „neue B10“ besonders auch im westlichen Abschnitt an der heutigen „Felsennase“ bei Hauenstein von 20.000 Kubikmeter Fels befreit werden musste, erscheint die kurze Zeit von der Ausschreibung bis zur feierlichen Indienststellung kurz vor Weihnachten 1955 ein echtes Meisterwerk des Straßenbaus. Die Archivunterlagen ergeben, dass an der Neubaustelle die zwei Baufirmen Oltsch u.Co und Strabag Bau AG „mit modernstem Großbaugerät“ den Zeitplan korrekt eingehalten haben und am Abnahmetag selbst „die Bankette, die Stützmauern, die Verkehrszeichen und alle Nebenanlagen (Durchlässe usw.) in einem verkehrssicheren Zustand hergestellt worden sind“.

Zahlreiche Unfälle führen zur Bauentscheidung

Nach mehreren tödlichen Unfällen handelten die Verantwortlichen zehn Jahre nach Kriegsende „bei immer größer werdendem Personen- und Lastverkehr“ auf diesem gefährlichen Abschnitt schnell. Vom „Schwemmwasser“ in der Nähe des ehemaligen schienengleichen Bahnübergangs und gegenüber der Felsennase bis zur gefährlichen scharfen Links-Rechts-Kurve an der Bahnunterführung am „Jakobsgalgen“ bei Kilometer 44,45 – die alten Hauensteiner nannten diesen Bereich nach der uralten Richtstätte „Am Galgen“ – war im beginnenden Wirtschaftswunder-Verkehr höchste Eile geboten, zumal es fast täglich zu Unfällen kam.

Großes Interesse an „Bagger-Ungetümen“

Erwähnenswert über die erste Nachkriegs-Neubaustrecke der B10 ist auch noch das große Interesse der Hauensteiner Bevölkerung in diesen sechs Monaten Bauzeit. Vor allem die Rentner und die Schulbuben gingen täglich an den „Galgen“ und staunten über die für die damalige Zeit bemerkenswerten „Bagger-Ungetüme“, wie in einer Zeitungsmeldung zu lesen ist. Eine weitere Zeitungsnotiz vor 65 Jahren ist ebenfalls interessant: „Durch die vollständige Verlegung der Bundesstraße, nicht wie ursprünglich vorgesehen war, nur Kurvenbegradigung an der Brücke, wurde Hauenstein mit seinen Straßen nicht in Mitleidenschaft gezogen, weil der Verkehr immer im alten Straßenzug möglich war“. Und ganz zum Schluss: „Die Kosten betrugen etwas über eine Million Mark“, aus heutiger Sicht ein Schnäppchen.

Das alte B10-Stück „vom Kehr bis zum Übergang“, das sich jahrhundertelang südlich der 1875 erbauten Bahnstrecke entlangschlängelte, wird auch die kommenden Zeiten mit seinem Namen „Alte B 10“ überdauern und die Nachwelt daran erinnern, dass hier vor 65 Jahren die erste Pioniertat zur heutigen vierspurigen B10 in Richtung Rheinschiene erfolgt ist.

Die Gemeinde Hauenstein nutzte schließlich in den neunziger Jahren mit sehr hohen staatlichen Zuschüssen die zwei Kilometer lange „Alte B10“, um sie zu einem Industriegebiet mit vielen neuen Arbeitsplätzen umzubauen. Am Beginn der alten Bundesstraße befindet sich zudem die Schuhmeile.

Straßenbau im Jahr 1955: Gearbeitet wurde mit den damals modernsten Baumaschinen.
Straßenbau im Jahr 1955: Gearbeitet wurde mit den damals modernsten Baumaschinen.
 Am historischen Bahnübergang am „Woardbrunnen“ in der Nähe der Felsennase bei Hauenstein. Unser Foto lässt den gefährlichen Bah
Am historischen Bahnübergang am »Woardbrunnen« in der Nähe der Felsennase bei Hauenstein. Unser Foto lässt den gefährlichen Bahnübergang nur noch erahnen. Der Mann auf dem Foto (um 1991) ist der verstorbene ehemalige französische Fremdarbeiter Hubert Guéniot bei seinem letzten Besuch in Hauenstein. Er wollte nochmals den alten Übergang sehen, wo er selbst bei Schanzarbeiten mit seinen 20 französischen Kollegen und deutschen »Schanzern« in den letzten Kriegstagen fast zu Tode gekommen wäre.
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