Contwig Granate stammt vom Einmarsch der Amerikaner – Vermutlich im März 1945 abgeschossen

In der Einsatzzentrale in der Turnhalle der VT Contwig liefen die Fäden zusammen. Hier trafen sich die Feuerwehrleute zur Lagebe
In der Einsatzzentrale in der Turnhalle der VT Contwig liefen die Fäden zusammen. Hier trafen sich die Feuerwehrleute zur Lagebesprechung, und hier war auch die Anlaufstelle für die übrigen Einsatzkräfte.

Einen solchen Einsatz hat es in den vergangenen Jahrzehnten in der Verbandsgemeinde Zweibrücken-Land nicht gegeben: Wegen einer Granate wird ein Teil von Contwig evakuiert und abgeriegelt. Etwa 800 Personen wohnen im Radius von 300 Metern um die Kläranlage. Die Polizei sperrt die Straße ab Niederauerbach, die Feuerwehr kontrolliert, dass alle Häuser leer sind. ASB und DRK kümmern sich um Helfer und Hilfsbedürftige.

Die am Donnerstagmittag in Contwig unschädlich gemachte Phosphorgranate ist ein Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg. Vermutlich wurde sie bei den Kämpfen am Westwall im März 1945 von einem Gewehr abgeschossen.

Phosphorgranaten sind kleiner als Phosphorbomben. Phosphorbomben wurden im Zweiten Weltkrieg von Flugzeugen aus abgeworfen. Sie beinhalten ein Gemisch aus weißem Phosphor und Kautschuk und wurden eingesetzt, um Städte in Brand zu setzen und Menschen zu töten. Der weiße Phosphor entzündet sich beim Aufprall auf den Boden allein durch den in der Luft enthaltenen Sauerstoff und brennt dann mit einer 1300 Grad heißen Flamme. Sie sollte mit Sand gelöscht werden. Wer mit Wasser löscht, der erstickt zwar das Feuer zunächst, es kann später aber wieder aufflammen.

Der in den Bomben enthaltene Kautschuk sollte dafür sorgen, dass der Phosphor auf Gegenständen, aber auch auf der menschlichen Haut haften bleibt und sich verteilt: ein unmenschlicher Kampfstoff. Die Opfer starben an Vergiftung oder Verbrennungen, oft erst nach fünf bis zehn Tagen. Die deutsche Luftwaffe bombardierte London mit Phosphorbomben, die britische Dresden und Hamburg.

Phosphorgranaten dienten im Zweiten Weltkrieg eher einem anderen Zweck: Wegen der starken Rauchentwicklung des weißen Phosphors wurden sie zur Vernebelung eingesetzt. Verteidiger einer Stellung setzten sie ein, um schnell große Nebelwände zu erzeugen, so dass der Angreifer das vor ihm liegende Gelände und die Abwehrstellungen nicht mehr sehen konnte. Angreifer setzten sie ein, um für die Verteidiger unsichtbar zu werden.

Laut Kampfmittelräumdienst handelte es sich in Contwig um eine US-amerikanische Granate. Es spricht also fast alles dafür, dass die gestern in Contwig gesprengte Phosphorgranate im März 1945 abgeschossen worden war. Am 19. März 1945 griff die 3. US-Infanteriedivision den Westwall bei Zweibrücken direkt an, nachdem sie zuvor Tag für Tag nach heftigen Gefechten Dorf für Dorf vorgerückt war. Die berüchtigte deutsche 17. SS-Panzergrenadierdivision Götz von Berlichingen, die in Frankreich schwere Kriegsverbrechen begangen hatte, verteidigte den Wall, der ein Eindringen des Feindes in das Deutsche Reich verhindern sollte. Nach fünftägigen, schweren, verlustreichen Kämpfen, die zu den heftigsten auf deutschem Boden an der Westfront zählten, überwanden die Amerikaner das Bollwerk am 20. März und marschierten dann in Zweibrücken ein. Die Stadt selbst fiel weitgehend kampflos.

Am späten Nachmittag des 21. März rückten die Amerikaner bis Contwig vor, trafen dort auf Widerstand der SS-Division und griffen um 21 Uhr den Nordosten des Dorfes an. Am nächsten Morgen war Contwig gefallen. Vermutlich hatten die angreifenden Amerikaner die Phosphorgranate abgeschossen, um den deutschen Soldaten die Sicht zu vernebeln. Sie war aber nicht explodiert und wurde deshalb erst jetzt, 75 Jahre nach den Kämpfen, entdeckt.

Es ist großes Glück, dass niemand sie in all den Jahren gefunden und angefasst hat. Spielende Kinder, ein Arbeiter mit dem Pickel, ein Bauer mit dem Pflug: Hätte jemand die Granate erwischt, dann hätte unsägliches Leid die Folge sein können. In den ersten Jahren nach dem Ende des Kriegs verloren – gerade in der Pfalz und im Saargebiet – einige Kinder, Jugendliche und Erwachsene Gliedmaßen, weil sie beim Spielen oder beim Arbeiten auf Granaten oder Munition stießen.

Kurz nach 12 Uhr knallte es zweimal. Der erste Knall war die Sprengladung, die die Experten angebracht hatten, um den Mantel der
Kurz nach 12 Uhr knallte es zweimal. Der erste Knall war die Sprengladung, die die Experten angebracht hatten, um den Mantel der Granate aufzubrechen. Der zweite Knall war die Granate selbst. Der Rauch, der dann aufstieg, war der Grund, warum die Contwiger am Mittag Türen und Fenster geschlossen halten sollten: Das Phosphor reagiert mit der Luftfeuchtigkeit und bildet Salzsäure. Wer die Dämpfe einatmet, kann sich die Lunge verätzen. Die Sprengkraft der Granate an sich, die sei dagegen eher gering, erzählt Thomas Guindeuil, der Sprengstoffexperte vom Kampfmittelräumdienst, nach dem erfolgreichen Einsatz.
 Sprengstoffexperte Thomas Guindeuil sprengte die Granate zusammen mit drei Kollegen.
Sprengstoffexperte Thomas Guindeuil sprengte die Granate zusammen mit drei Kollegen.
Alles, was von der Sprengung übrig blieb, war die blaue Plastiktonne, in der die Granate unter Wasser gesprengt wurde. Der Kampf
Alles, was von der Sprengung übrig blieb, war die blaue Plastiktonne, in der die Granate unter Wasser gesprengt wurde. Der Kampfmittelräumdienst wartete danach noch, bis die Phosphorreste abgebrannt waren.
Im Einsatz waren die Feuerwehren von Althornbach, Battweiler, Contwig, Dellfeld, Dietrichingen, Großbundenbach, Großsteinhausen,
Im Einsatz waren die Feuerwehren von Althornbach, Battweiler, Contwig, Dellfeld, Dietrichingen, Großbundenbach, Großsteinhausen, Hornbach, Käshofen, Kleinbundenbach, Mauschbach, Rosenkopf, Walshausen und Wiesbach – aus 14 der 17 Orte der Verbandsgemeinde. Dass nicht alle dabei waren, liegt laut dem Medienbeauftragten Holger Hell daran, dass auch noch Wehren in ihren eigentlichen Dörfern bleiben müssen, falls sie dort zur gleichen Zeit gebraucht werden.
Der Blick vom Hahnberg aus auf die Kläranlage. Dort war die Granate zwei Tage in einem mit Sand gefüllten Behälter luftdicht gel
Der Blick vom Hahnberg aus auf die Kläranlage. Dort war die Granate zwei Tage in einem mit Sand gefüllten Behälter luftdicht gelagert. Gefunden wurde sie eine Straße weiter in der Tränkgasse. Dass man sie noch das kurze Stück transportieren konnte, war Glück: Hätte sie offen liegend am Fundort gesprengt werden müssen, wäre ganz Contwig evakuiert worden – inklusive Altersheim, Gesamtschule, Kindergärten und Einkaufsmärkten.
Die Feuerwehr riegelte den 300-Meter-Bereich um die Granate ab und stellte sicher, dass die Häuser leer waren. Probleme gab es k
Die Feuerwehr riegelte den 300-Meter-Bereich um die Granate ab und stellte sicher, dass die Häuser leer waren. Probleme gab es keine – anders als vor einem Jahr in Zweibrücken, als eine Bombe erst mit Stunden Verspätung entschärft werden konnte, weil manche Leute sich weigerten, ihre Wohnungen zu verlassen.
Christine Probst, Ludwig Probst und (hinten) Volker Geminn gehörten zu den zehn Personen, die die Zeit in der Notunterkunft in d
Christine Probst, Ludwig Probst und (hinten) Volker Geminn gehörten zu den zehn Personen, die die Zeit in der Notunterkunft in der Stambacher Turnhalle überbrückten. Sie wohnen in der Bogenstraße, die gerade noch so in der Evakuierungszone lag. »Das Haus nebendran ist nicht mehr drin«, erzählte Ludwig Probst.
Ralf Rabung aus Schmitshausen hat die Granate gefunden. Viele erinnern sich: Er war 2009 Wettkönig bei „Wetten, dass...?“ – mit
Ralf Rabung aus Schmitshausen hat die Granate gefunden. Viele erinnern sich: Er war 2009 Wettkönig bei »Wetten, dass...?« – mit einer Baggerwette.
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