Kreis Südwestpfalz Fabrikdampf heizt Schwimmbad
Mit drei Millionen Euro verschlang der vierte und letzte Bauabschnitt die Hälfte der Gesamtkosten: Als „Nachhaltigkeitsprojekt“ bezeichnen die Verantwortlichen im Homburger Michelin-Reifenwerk ihre Konditherm-Anlage – ein System zur Wiederverwertung von heißem Dampf, der beim Herstellen von Lkw-Reifen entsteht. Seit diese Energie nicht mehr nutzlos aus dem Schornstein weicht, kann die Firma nun 70 Prozent ihres Strombedarfs aus eigener Produktion erzeugen.
Laut Michelin-Werksleiter Cyrille Beau gelingt dies nun im Zusammenspiel der neuen Konditherm-Anlage mit Sonnenkollektoren auf den Fabrikdächern und durch Umwandlung von Gas in Strom mithilfe eines Blockheizkraftwerks und einer Anlage zur Kraft-Wärme-Kopplung. „Indem bei Michelin der heiße Dampf aus der Reifen-Vulkanisation aufgefangen wird, kann das Unternehmen die gewonnene Energie jetzt selbst nutzen, aber auch ins Netz der Homburger Stadtwerke einleiten“, erläutert deren Sprecher Jürgen Schirra. Unter anderem habe man eine Fernwärmeleitung vor die Tore des Homburger Stadtteils Bruchhof verlegt, um das Ganzjahres-Schwimmbad Koi mit Heizenergie zu versorgen. Bei der offiziellen Inbetriebnahme der Anlage am Dienstagnachmittag sprach Cyrille Beau von einem Beitrag seiner Firma zur Energiewende. Und den leiste man nicht nur aus Umweltschutzgründen: „In Deutschland liegen die Stromkosten mehr als 50 Prozent über dem europäischen Durchschnitt. Da müssen wir unsere Energiekosten am Standort Homburg spürbar senken, um den Bestand des Werks dauerhaft sichern zu können.“ Gleichwohl bekenne man sich bei Michelin zu einer „sauberen und nachhaltigen Energieerzeugung“ – der Konzern habe sich vorgenommen, seinen „ökologischen Fußabdruck“ bis 2020 gegenüber dem Stand von 2005 um 52 Prozent zu senken. „Das ist heute so ein Termin, zu dem man eigentlich Donald Trump einladen sollte“, genehmigte sich Homburgs Oberbürgermeister Rüdiger Schneidewind (SPD) während der Eröffnungsfeier eine Spitze gegen die Klimapolitik des US-Präsidenten. Entwickelt wurde die Anlage von der Firma Esi aus dem bayerischen Hallbergmoos: Deren Geschäftsführer ist der in Neunkirchen geborene Ingenieur Georg Schu, der als Erfinder dieser Technologie gilt. Er legte dar, dass der Dampf aus der Reifenfertigung über Rohre und ein Gebläse abgesaugt und in einen Reaktor geführt werde. Dort kondensiere der Dampf zu warmem Wasser, „das man an den Verbraucher abgeben kann“. Schu: „Der Dampf, der im Werk als Kühlmittel dient, wird so zum Heizmittel.“ Stadtwerke-Prokurist Jörg Fritz: „Indem wir mit Partnern wie Michelin in solche Projekte investieren, tragen wir zur Sicherung des Industriestandorts Homburg bei. In Zeiten des harten Wettbewerbs bieten wir neue Ideen und Dienstleistungen an.“