Münchweiler Erinnerungen an pfälzisches US-Hospital: PX, Kaugummi und eine Klinik auf Schienen

Der Lazarettzug hatte sieben Waggons mit Betten. In einem Waggon befanden sich 42 Krankenbetten.
Der Lazarettzug hatte sieben Waggons mit Betten. In einem Waggon befanden sich 42 Krankenbetten.

Vor 70 Jahren, am 1. Oktober 1954, nahm das US-Army Hospital in Münchweiler seinen Betrieb auf. Bis zum Jahr 1974 war ein Lazarettzug auf dem Gelände stationiert. Das Hospital war lange Jahre ein großer Arbeitgeber im Dorf, die Amerikaner gehörten zum Ortsbild. Als 1992 die Aufgabe des Standortes bekannt wurde, war das ein Schock.

Die Geschichte des „225th Station Hospital Muenchweiler“, Germany, das im Volksmund „US-Army Hospital“ genannt wird, beginnt 1952 mit der Erschließung des Geländes. Am 1. Oktober 1954 nahm das Krankenhaus seinen Betrieb auf. Micky-Maus-Filme, Coca-Cola, Kaugummi, Dollars: Der Einfluss der US-Amerikaner auf das dörfliche Leben und den Sprachgebrauch machte sich schnell bemerkbar. Das US-Gelände wurde mit seinen fünf hohen Wohnblöcken zur „Skyline“ am pfälzischen Waldrand.

Es ist dem kürzlich gestorbenen Ortschronisten Werner Dillenkofer zu verdanken, dass die gesamte Entwicklung dieser US-Liegenschaft in Münchweiler in der zweiteiligen Ortschronik aufgearbeitet wurde. DIE RHEINPFALZ hatte damals die Geschichte des US-Krankenhauses in einer Serie „Rund ums Hospital“ aufgegriffen und mit Zeitzeugen und Angestellten im US-Hospital gesprochen.

John F. Kennedy als Passagier

Um das „Lazarett“ in Betrieb zu nehmen, musste eigens ein abzweigender Schienenstrang für einen Eisenbahnanschluss verlegt werden. Auf ihm fuhr der „31st Med Train“, ein 264 Meter langer Wagenzug, der im US-Hospital stationiert wurde. Es handelte sich um ein Krankenhaus auf Schienen, bestehend aus einer Dampflokomotive, sieben Lazarettwaggons mit je 42 Betten, einem Küchenwagen, einem Speiseraum, einem Personalwagen und einer Klimaanlage. Das US-Hospital war Heimatbahnhof für die zwei zweiteiligen Lazarett-Triebwagen (Baujahr 1956), in denen dreistöckige Krankenbetten zum Transport verletzter Soldaten eingebaut waren. 1974 wurde der Lazarettzug abgezogen. Die „Health Clinic“ auf Schienen war Geschichte. Der Gleisrückbau erfolgte im Februar 2007.

Der Lazarettzug, der bis in die 1970er Jahre im US-Hospital in Münchweiler stationiert war, war 264 Meter lang.
Der Lazarettzug, der bis in die 1970er Jahre im US-Hospital in Münchweiler stationiert war, war 264 Meter lang.

Wie Privatfotos und Recherchen von Klaus Cronauer belegten, fuhr in unregelmäßigen Abständen ein weiterer Zug ein: ein Salontriebwagen, genannt „General“. Nach Cronauers Recherchen soll als prominentester Gast John F. Kennedy einmal an Bord des „General“ gewesen sein, jedoch nicht auf einer Zugfahrt nach Münchweiler.

Skyline vor dem Pfälzerwald

Die Entscheidung im Jahr 1951, 50 Hektar teils noch privat landwirtschaftlich genutzter Fläche den US-Behörden zur Verfügung zu stellen, stieß nicht überall auf Zustimmung. Als angemessene Entschädigung gab es 80 Pfennig pro Quadratmeter. Angeblich seien auch höhere Beträge geflossen, aber Konkretes ist nicht bekannt. Der Wechselkurs für einen Dollar stand damals bei 4,20 Mark. Das war sehr viel Geld. Man lernte es im beschaulichen Münchweiler schnell, denn die US-Soldaten besuchten die örtlichen Gaststätten und ließen den Dollar rollen. Auch erkannte man bald, dass eine Vermietung an amerikanische Familien sich als lukrativ erwies. Die Soldaten ließen ihre Familien in die Pfalz nachkommen und suchten, weil die Wohnungen in den fünf Häuserblöcken nicht ausreichten, Wohnungen im Dorf. So entstanden deutsch-amerikanische Freundschaften, die teils bis heute bestehen.

Dass sich mit dem Bau der fünf hohen Wohnblöcke ein gänzlich anderes Panorama am direkt angrenzenden Pfälzerwald präsentierte, war zu erwarten. Da das Gesamtareal auf dem höchsten Dorfpunkt errichtet wurde, ragten die Blöcke heraus und es entstand die sogenannte Münchweilerer Skyline.

Zaunbau ermöglicht Bierverkauf

Natürlich bot solch eine große Einrichtung auch Arbeitsplätze für Einheimische. Unter anderem sprach die RHEINPFALZ damals in ihrer Serie „Rund ums Hospital“ mit Kurt Ehrhard. Seine Karriereleiter führte ihn bis zum Chef Post Exchange (PX) – dem Geschäft für amerikanische Militärangehörige. Ehrhard wusste, wie die Wohnungen der Amis eingerichtet waren: Küche, Bad, Wohn- und Schlafraum, zwei Kinderzimmer. Alle Wohnungen hatten einen Kühlschrank. Damals war das hierzulande Luxus. Viel luxuriöser waren aber die Waschmaschine und der Trockner als Standard. Davon konnten die Münchweilerer Frauen nur träumen.

Kurt Erhard, ein profunder Kenner der Geschichte des US-Hospitals, hat bei den Amerikanern Karriere gemacht.
Kurt Erhard, ein profunder Kenner der Geschichte des US-Hospitals, hat bei den Amerikanern Karriere gemacht.

Kurt Ehrhard berichtete, dass die Hospital-Area alkoholfrei war. Als eines Tages ein hoher Offizier bei ihm auftauchte und nach Bier fragte, kam Ehrhard ins Schwitzen. Aber nicht lange. Er schlug vor, einen abschließbaren Zaun zwischen PX und Hospital zu ziehen. Drei Tage später stand der Zaun und der Münchweilerer konnte Bier ordern und verkaufen. Das gesamte US-Hospitalgelände war mit einem Maschendrahtzaun umgeben und nach oben mit Stacheldraht gesichert. Es gab zwei bewachte Eingangstore, eines für die Einfahrt des Zuges und das zweite, das Haupttor, war über die Lazarettstraße zu erreichen.

Beliebte Kofferradios

Da Kurt Ehrhard PX leitete, wusste er genau, was im Angebot war: Zigaretten wie Pall Mall, Viceroy, Lucky Strike oder Chesterfield waren die Renner. Nicht weniger nachgefragt waren Coca-Cola, amerikanische Eiscreme, Kaugummi, Popcorn und Kartoffelchips. Der „Post Coordinator“, gleichzusetzen mit Kasernenmanager, durfte nicht an Deutsche verkaufen. Jedoch erinnerte er sich noch gut: Wer jemanden kannte, der jemanden kannte, dem war es möglich, an die beliebten Waren zu kommen.

Am beliebtesten waren jedoch die tragbaren Kofferradios. Die US-Soldaten stellten sie gerne bei ihren Spaziergängen im Ort auf ihren Schultern zur Schau. Die Radios waren natürlich mit entsprechender Lautstärke eingestellt. Das war ein Luxusgegenstand besonderer Art für all die jungen Münchweilerer. Daran zu kommen, war in den ersten Jahren nahezu unmöglich.

Probleme mit Mais und Süßkartoffeln

Im PX-Gebäude befanden sich auch eine Snackbar, ein Friseur, eine Wäscherei mit großen Waschmaschinen und Trocknern, eine Bilderannahme und eine Schneiderei; also eine Rundum-Versorgung für die Soldaten und deren Familien. „Ich habe hier die Welt kennengelernt“, sagte Ehrhard im Rückblick.

Chefkoch Benjamin Strickland (rechts) verliebte sich in die Münchweilerin Thekla Halbgewachs.
Chefkoch Benjamin Strickland (rechts) verliebte sich in die Münchweilerin Thekla Halbgewachs.

Der gelernte Koch Benjamin Strickland aus Miami kam 1954 nach Münchweiler. Der Sergeant mit zuletzt vier Streifen wurde im US-Hospital „Head-Cook“, also Chefkoch. Hier lernte er die Münchweilerin Thekla Halbgewachs kennen. Strickland und Halbgewachs heirateten 1955. Die familiären Beziehungen bestehen bis heute; auf beiden Seiten des großen Teiches. Auch Benny, wie er überall genannt wurde, fühlte sich wohl im kleinen Dorf. Er erinnerte sich, dass die Deutschen in seiner Küche Probleme mit Mais hatten: „Das fressen bei uns nur die Kühe“, habe es geheißen. Auch mit „Sweet Potatoes“, Süßkartoffeln, wussten die „Krauts“, wie die Deutschen umgangssprachlich bezeichnet wurden, nichts anzufangen. Am Tag der offenen Tür oder bei der deutsch-amerikanischen Freundschaftswoche wurde die Küche für alle Interessierten geöffnet. Erstmals einen gemeinsamen großen Picknicktag erlebten die Münchweilerer am 4. Juli 1958 anlässlich des Unabhängigkeitstages der Amerikaner.

Erste Kontakte mit Santa Claus

Sehr begehrt waren die Einladungen für die Kinder zu den Weihnachtsfeiern mit Bescherung ins Hospital. Alle Kinder wurden beschenkt; sie machten erste Bekanntschaft mit Santa Claus, dem amerikanischen Nikolaus, und es gab neben Knabbereien das beliebte amerikanische Eis und Coca-Cola. Im Gegenzug luden Münchweilerer Bürger die Soldaten etwa zu Weihnachten nach Hause ein. So sollte ihnen die deutsche Gemütlichkeit und die deutsche Hausmannskost nähergebracht werden. Ehrhard erinnert sich, dass er zwei US-Soldaten an Weihnachten zuhause beköstigte. Sie seien so zufrieden und satt gewesen, dass sie auf seinem Sofa eingeschlafen seien.

Erwähnenswert ist noch das tollste Erlebnis von Johann Cronauer. Er war „Fireman“, Feuerwehrmann, bei den Amerikanern. Hier wurde alljährlich ein europaweiter Wettbewerb unter Feuerwehrteams ausgetragen. Die Teams waren gemischt besetzt, also mit amerikanischer Feuerwehr und deutscher Bundeswehr. Johann Cronauer war Fahrer des Teams für die gemischte Feuerwehrgruppe. Cronauer und seine Fireman-Freunde holten den Titel „Year-Round Efficiency Contest Division II“. Somit waren sie damals die Besten in Europa. Überhaupt, so berichtet Cronauer, sei der Stellenwert eines Feuerwehrmannes bei den Amerikanern sehr hoch.

Schweres Gerät für lau

Auch nicht vergessen werden sollte die große Hilfsbereitschaft der Amerikaner im Dorf. Etwa zur Geländeebnung, unter anderem für den FCM-Fußballplatz, beim Industriegebiet, beim Schützenverein und beim Schulhausneubau. Die großen Planierraupen der amerikanischen Streitkräfte leisteten konstruktive Arbeitseinsätze – und das kostenlos.

Im August 1992 wurde bekanntgegeben, dass das US-Hospital geschlossen wird. Davon direkt betroffen waren 100 Arbeitsplätze im Dorf. DIE RHEINPFALZ informierte am 24. April 1993: „Das 84. Munitionsversorgungs-Bataillon der US-Armee gibt seinen Standort in Münchweiler auf: mit dem Einzug der Fahne und dem Verhüllen der Fahne. Die gebildeten deutsch-amerikanischen Freundschaften hinterließen bei den Gästen einen nachhaltigen Eindruck: wonderful people of Muenchweiler.“

Info

Wie es auf dem Areal in Münchweiler weiter ging: Konversion nach Abriss des US-Hospitals: Nur Kirchturm bleibt als Erinnerung

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