Edenkoben / Offenbach
Waldboden im Pferdestall: Einstreu mit vielen Vorteilen
Kennen Sie die Werbung? Ricola Kräuterbonbons. „Wer hat’s erfunden? – Die Schweizer.“ So ähnlich war es auch bei einem anderen Produkt, das mit ebenso viel natürlicher Potenz daherkommt. Aufgeschnappt hat die Idee Holz-Logistik-Unternehmer Gustav Kühner bei einem Kundenbesuch in der Schweiz. Zurück in der Südpfalz entwickelte er daraus zusammen mit Pferdeexperte Bernd Hörner etwas, das in dieser Qualität einmalig auf dem Markt sei und mittlerweile sogar Profisportler aufhorchen lasse. Die Rede ist von einem Einstreu, das aus den Elementen des Waldes zusammengesetzt ist. Überwiegend Holz, Rinde und Nadeln von heimischen Nadelbäumen ist darin.
„Das ist ein wahnsinniger Duft. Ich dachte, ich stehe mitten im Wald“, erinnert sich Kühner an seine erste Berührung mit dem Streu aus Waldboden vor vier Jahren. Ein Aha-Erlebnis für den Unternehmer, der eigentlich sonst nichts mit Pferden zu tun hat. Dafür weiß er durch seine Annweilerer und Edenkobener Firma Span-Service, wie man an Holz kommt und es verarbeitet. Wie es der Zufall will, kam kurze Zeit später Bernd Hörner auf ihn zu, der im Pferdesport aktiv ist und in der Offenbacher Neumühle eine Reithalle betrieb. Anderthalb Jahre tüftelten die beiden an der richtigen Rezeptur. Kühner lieferte das Material, Hörner testete in den Pferdeboxen verschiedene Mischverhältnisse und Anwendungen aus.
Ätherische Öle neutralisieren Urin-Geruch
Normalerweise nutzen Reiter Stroh oder Hobelspäne als Einstreu. Zusammen mit den Hinterlassenschaften der Pferde muss es immer wieder nach einer kurzen Weile entsorgt werden. Strohmist ist in Norddeutschland bei Pilzfarmen gefragt, Spanmist wird meist an die Landwirtschaft abgegeben. „Aber die Landwirtschaft nimmt Pferdemist nicht gerne an, weil er schwer abbaubar ist und den Boden sauer macht“, erklärt Kühner.
Das Waldboden-Einstreu bringt dagegen eine Reihe von Vorteilen mit. „Die ätherischen Öle darin bauen den Ammoniak im Urin der Pferde besser ab und neutralisieren den Geruch“, erklärt Kühner. Zudem wirke das Streu durch die enthaltenen Harze antibakteriell, was gut für die Hufe sei. Tests der Landwirtschaftlichen Untersuchungs- und Forschungsanstalt in Speyer hätten zudem ergeben, dass das Streu fast pH-neutral und sehr bodenverträglich sei. Man könne es nach Gebrauch als Düngerersatz auf dem Feld ausbringen.
„Waldgold“ verspricht 80 Prozent weniger Stallarbeit
So oft wie bei normalem Streu wird das aber gar nicht nötig. Die Hersteller versprechen bis zu 80 Prozent weniger Stallarbeit. Ein halbes Jahr könne man „Waldgold“ in der Box lassen, mancher Reiter habe es ein ganzes Jahr genutzt, berichtet Hörner. Das hänge auch vom Pferd ab. Denn bei diesem Streu muss der Pferdebesitzer nicht täglich Großreinemachen, sondern lediglich die Pferdeäpfel entfernen. Das sehr trockene und damit saugfähige Einstreu nimmt den Urin auf, neutralisiert ihn und trocknet wieder schnell, wie die beiden erklären. Da ist nur ab und zu Materialverteilen angesagt, wenn sich ein Pferd beispielsweise immer nur eine Ecke fürs kleine Geschäft heraussucht.
Die Marke „Waldgold“ haben sich die beiden vor Kurzem eintragen lassen, da sich unter dem Label Waldboden-Einstreu viele Produkte auf dem Markt tummeln. Aber die meisten seien zu feucht oder voll undefinierbarem Grünschnitt. Viele wollten eben auf den Zug aufspringen. „Ein Kunde hat mir gegenüber mal zugegeben, dass er so etwas gekauft hat, weil es günstiger war. Aber er war total unglücklich, hat alles entsorgt und wollte wieder von uns versorgt werden“, berichtet Hörner. Für eine Pferdebox braucht man etwa eine Palette Einstreu. Darauf passen 51 Packungen mit jeweils knapp zwölf Kilogramm. „Wir haben gedacht, dass ja viele Frauen Pferde haben, und wollten handliche Packungen anbieten“, erklärt Kühner. Zudem seien diese gut stapelbar für Paletten. Das ist wichtig für den Transport. Denn mittlerweile gibt es nicht nur Verteilzentren in ganz Deutschland, sondern auch Abnehmer im Elsass, in Österreich, in Luxemburg, in Polen, Kroatien – und in der Schweiz. 310 Euro plus Frachtkosten gibt die Firma als Preisempfehlung an die Großhändler pro Palette an. Aber das sei letztlich deren Ermessen. „In der Schweiz bezahlt man das Doppelte dafür“, weiß Kühner.
Neue Pellets aus biogenen Reststoffen und Pferdeäpfeln
Im Gut Neumühle in Offenbach und bei Span Service in Edenkoben können sich Pferdebesitzer das Einstreu aber auch gleich lose auf dem Anhänger mitnehmen. Das machen aus der Region zum Beispiel die bekannten Reitställe Dreihof und Hahnenbacher Hof. Auch auf der Equitana Essen, der Weltmesse des Pferdesports, und auf dem Mannheimer Maimarkt ist „Waldgold“ vertreten. Nach 2,5 Jahren auf dem Markt würden nun schon über 100 Paletten pro Jahr verkauft. Tendenz stark steigend, freut sich Hörner, da die Reiterszene gut vernetzt sei und sich herumspreche, was das Material könne.
Mit dem Mannheimer Reitstadion MVV plant Kühner übrigens noch eine weitere Zusammenarbeit. In seiner Niederlassung in Edenkoben lässt er nach Ostern neue Silos errichten und ein Produktionswerk umbauen. Wofür? Bisher hat Span Service Pellets für den Hausgebrauch hergestellt, aber die Industrie hat großen Bedarf nach Energie. Deswegen will er jetzt Industriepellets produzieren, und zwar aus regionalen „biogenen Reststoffen“. „Wir haben also nicht vor, den Pfälzerwald abzuholzen“, stellt er gleich mal schmunzelnd klar, „sondern nehmen dafür etwa Straßenrandgrün, Schalen aus Getreidemühlen, Grünschnitt aus Parks und so weiter.“ Eben das, was sonst entsorgt würde. Resteverwertung mit Energiewert. Eine Gärtnerei etwa brauche 200.000 bis 800.000 Euro für Brennstoff pro Saison. Mit den Pellets wäre das für weniger als den halben Preis möglich, rechnet er vor.
Nürnberger Tiergarten nutzt Einstreu für Tapire
Und welche Rolle spielen dabei die Pferdeäpfel? Der beigemischte Mist verringere bei der Verbrennung den Ausstoß der Stickoxide. Das sei so ähnlich wie mit Ad Blue bei Diesel. Die Idee basiert übrigens auf einer Forschungsarbeit der Uni Saarbrücken, die auf der Suche nach einem passenden Rohstofflieferanten bei Kühner an die Tür geklopft hatte. Er lieferte Holz, die Studenten Erkenntnisse. „Und wenn man sieht, es ist Bedarf am Markt, es gibt Chancen und wir haben eine gute Idee, da muss man das einfach machen“, begründet er seine Sieben-Millionen-Euro-Investition für den neuen Betriebszweig, der im Frühjahr 2023 die Produktion aufnehmen soll. „Bis Winter wollen wir lieferfähig sein.“
Schon früher an den Start gehen werden die neuen Produktlinien von „Waldgold“. Das Streu eignet sich nämlich nicht nur für Pferde, sondern auch für Geflügel und Kleintiere wie Kaninchen, Hamster, Katzen oder Reptilien. Das Material ist dasselbe, nur die Verpackungsgröße und die Beschriftung eine andere. „Im Nürnberger Tiergarten testen sie es gerade mit Tapiren und Nashörnern“, berichtet Hörner stolz.