Herxheim / Offenbach
Verheerender Windrad-Brand bei Kibo: Gefahr auch in Südpfalz?
Am Morgen des 2. Januar spielten sich auf dem Hungerberg zwischen Kirchheimbolanden und Gauersheim dramatische Szenen ab. Schon von Weitem waren die Flammen zu sehen, die vom Wind immer wieder angefacht wurden. In einem Windrad war Feuer ausgebrochen. Die Gondel in 140 Metern Höhe brannte lichterloh. Von dort breitete sich das Feuer auf die Nabe und die Rotorblätter aus. Schnell wurde klar, dass die Rettungskräfte noch nicht mal in die Nähe der Brandstelle kamen. Neben der enormen Hitzeentwicklung stürzten Trümmerteile herunter, zudem bestand die Gefahr von auslaufendem Öl und giftigen Gasen. Die Feuerwehr hatte keine Chance, die Flammen zu löschen, und entschied, die Windkraftanlage dem Feuer zu überlassen. Nach dem bisherigen Ermittlungsstand geht die Polizei davon aus, dass ein technischer Defekt den verheerenden Brand verursacht hat. Könnte sich ein solches Szenario auch in der Südpfalz abspielen?
Die Freifläche zwischen Offenbach und Herxheim ist ein gefragter Standort für Windenergie. 16 Windräder stehen dort bislang, die einzigen im Kreis Südliche Weinstraße. Aber es gibt bereits Pläne, in absehbarer Zeit noch weitere elf Anlagen zu errichten Die Pfalzwind AG hatte dort 2009 die ersten Anlagen des europäischen Marktführers Vestas in Betrieb genommen. 2017 gingen auf dem Gollenberg weitere Vesta-Windräder an den Start, die der Hamburger CEE Group gehören. Auch bei dem in Brand geratenen Windrad bei Kirchheimbolanden handelt es sich um eine Anlage jenes dänischen Herstellers. Im Windpark Offenbach II wurde auf den Anbieter General Elektric gesetzt. Die sechs Anlagen gehören mehrheitlich der Energie Südpfalz GmbH, einem Zusammenschluss regionaler Versorger. Schrillten nach dem Vorfall im Norden der Pfalz auch in Landau, Annweiler, Bad Bergzabern, Herxheim und Offenbach die Alarmglocken – also in jenen Kommunen, die an dem Windpark beteiligt sind?
Sicherheitskonzept erneut geprüft
Denn tatsächlich sei es schon vereinzelt zu kleineren technischen Defekten gekommen, wie Sprecherin Lena Wind auf Anfrage der RHEINPFALZ sagt. Zehn Jahre sind die Anlagen inzwischen alt. Sie würden über einen Vollwartungsvertrag mit dem Hersteller regelmäßig gewartet und überwacht, berichtet Sprecherin Lena Wind. Dazu gehöre eine regelmäßige Inspektion, eine permanente Fernüberwachung und der Austausch von Verschleißteilen. Die bisherigen Störungen an den Anlagen hätten zu kurzzeitigem Stillstand geführt, nicht zu Bränden. „Eine solche Gefahr wird für den Windpark als gering eingeschätzt“, so Lena Wind. Die bisherige Defekte seien immer umgehend behoben worden.
Trotzdem hat der Vorfall auf dem Hungerberg auch die Energie Südpfalz GmbH nicht kalt gelassen. „Nach dem Brand wurden die Sicherheitskonzepte unserer Anlagen noch einmal überprüft“, berichtet Sprecherin Wind. Da die Standards aber bereits hoch seien und kontinuierlich überwacht würden, „sehen wir keine Notwendigkeit für Anpassungen“. Sollte Feuer ausbrechen oder eine anderweitige Störung vorliegen, trete ein detaillierter Alarm- und Notfallplan in Kraft. Alle Schritte und Verantwortlichkeiten seien darin klar geregelt. Wie sehen diese aus? Und kann in einem Katastrophenfall wie bei Kirchheimbolanden für die Sicherheit der Bevölkerung gesorgt werden? Dort spielte sich das Unglück am Kopf des Windrads in rund 140 Meter Höhe ab. Doch die Auswirkungen reichten weit darüber hinaus.
Stinkender Rauch, Warnung an Bevölkerung
Stinkender Rauch zog über weite Teile der Region. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, Fenster und Türen geschlossen zu halten. Auch Tage danach blieb die Brandstelle gefährlich und heiß. An die Bevölkerung wird dringend appelliert, sich dieser nicht zu nähern. Mehr als 70 Wehrleute hielt der Brand an jenem zweitem Tag des Jahres auf Trab. Die Pfalzwerke mussten neben dem betroffenen Windrad auch noch vier weitere vom Netz nehmen, die an derselben Leitung hingen. Auch an den Windparks zwischen Offenbach und Herxheim hängt viel. Allein die sechs Anlagen der Energie Südpfalz GmbH erzeugen durchschnittlich knapp 35 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr – damit können 10.000 Haushalte versorgt werden.
Würde an einem der Südpfälzer Windräder ein solches Feuer ausbrechen, würde der Brand auch bei uns einen ähnlichen Verlauf nehmen wie in Kirchheimbolanden, daraus macht der Brand- und Katastrophenschutzinspekteur des Kreises SÜW (BKI) keinen Hehl. „Letztlich können Windräder, die im oberen Bereich brennen, nicht gelöscht werden, sondern man lässt sie kontrolliert abbrennen“, sagt Jens Thiele auf Anfrage. Zum einen reichten die Drehleitern der Feuerwehr nur bis etwa 30 Meter. Die Haupttechnik des Windrads befindet sich über 100 Meter höher. Zum anderen sei ein gefahrenloser Aufstieg im Inneren des brennenden Windrads nicht möglich.
Windrad mit Hubschrauber löschen?
Könnte dem Brand mit Löschhubschraubern zu Leibe gerückt werden wie etwa bei Waldbränden? Doch auch hierfür sieht der BKI kaum Chancen. Ein nahes Darüberfliegen sei kaum möglich. Die Rotorblätter stellten eine Gefahr dar, erst recht, wenn diese anfangen würden, sich zu drehen. Zudem machten die geringen Abstände zu den anderen Windkraftanlagen den Anflug schwierig. Und nicht zuletzt könne mit Wasserbehältern, die unter den Helikoptern angebracht sind, das Löschwasser nur sehr oberflächlich und ungenau aufgebracht werden, erklärt Thiele. Für die gezielte Bekämpfung eines Windrad-Brandes fehle die nötige Eindringtiefe. „Mir ist kein Fall bekannt, bei dem ein Hubschrauber an einem Windrad im Einsatz war.“ Stattdessen sperre man großräumig ab. Das sei in der Regel auch problemlos möglich, da sich die Windräder außerhalb von Ortschaften befinden. Zudem werde bei Bedarf die Bevölkerung über Warnsysteme informiert.
Die konkreten Planungen für einen solchen Brandfall, Schulungen und Übungen seien Sache der Verbandsgemeinden. Diese seien für die Einsatzplanung und Brandbekämpfung in Windkraftanlagen zuständig, erklärt Kreissprecherin Marina Mandery. Auf Anfrage bei der VG Herxheim, welche Schritte dann eingeleitet würden, liefert diese allerdings keine Antwort, sondern verweist lediglich auf die Ausführungen des BKI, der hier die höchste Kompetenz innehabe.
Wer kommt für den Schaden auf?
Das Windrad auf dem Hungerberg soll nun komplett abgebaut und durch ein neues ersetzt werden. Der Betreiber spricht von einem Schaden von rund einer Million Euro. 35 Millionen Euro stecken in dem Windpark der Energie Südpfalz bei Offenbach. Diese ist aber für den Fall der Fälle gut versichert. „Alle vorhersehbaren Schäden, einschließlich solcher durch technische Defekte und Brände, sind durch Versicherungen und Verträge umfassend abgedeckt“, sagt Lena Wind.