Siebeldingen RHEINPFALZ Plus Artikel Revolution im Weinbau: Bessere Trauben durch Künstliche Intelligenz?

Anna Kicherer ist am Julius Kühn-Institut in Siebeldingen Expertin für Digitalisierung und Präzisionsweinbau.
Anna Kicherer ist am Julius Kühn-Institut in Siebeldingen Expertin für Digitalisierung und Präzisionsweinbau.

KI erobert den Weinbau. In einem kleinen Pfälzer Ort findet man Deutschlands führende Experten . Dort sieht man schon heute, was bald in jedem Wingert Realität sein könnte.

Im Weinberg zählen nach wie vor Erfahrung und Intuition – aber zunehmend auch Algorithmen. Während der praktische Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) im deutschen Weinbau noch am Anfang steht, macht die Forschung bereits große Fortschritte. Eine führende Rolle spielt dabei das Julius-Kühn-Institut (JKI) mit seinem Standort am Geilweilerhof in Siebeldingen. Hier arbeitet Anna Kicherer, Expertin für Digitalisierung und Präzisionsweinbau, an innovativen Methoden, um Rebstöcke mithilfe von KI besser zu verstehen. Sie weiß, dass KI in der Praxis bisher kaum angekommen sei, doch in der Forschungs- und Entwicklungsarbeit nehme sie bereits eine zentrale Rolle ein. Und „dies führt dann auch zeitversetzt zu einer Überführung in die Praxis“.

Datenqualität als Schlüssel

Dabei sieht die Expertin die Künstliche Intelligenz nicht als Ersatz menschlicher Arbeit, sondern als neues Werkzeug. Die Kulturführung im Weinbau sei hochkomplex, aber datenbasierte Entscheidungen, etwa zur Reife oder zum Pflanzenschutz, könnten die Winzer sinnvoll unterstützen.

Die KI arbeitet im Weinbau oft „versteckt“ im Hintergrund. Hier eine Phänotypisierungs- Plattform an einem Quad. Es ist eine Pla
Die KI arbeitet im Weinbau oft »versteckt« im Hintergrund. Hier eine Phänotypisierungs- Plattform an einem Quad. Es ist eine Plattform die uns zur Erfassung von Bildern dient, aus der dann Merkmale extrahiert werden.

Eine der größten Herausforderungen liegt in der Qualität der zugrunde liegenden Daten, denn eine KI ist nur so gut wie das, womit sie gefüttert wird. Am Geilweilerhof wird daher intensiv an der automatisierten Erfassung pflanzenbaulicher Merkmale gearbeitet. Bilddaten und Sensorik liefern Informationen über Beerenanzahl, Fruchtgröße oder Blühverlauf – und das zerstörungsfrei, also ohne die Rebe zu beschädigen. Maschinelles Lernen und industrielle Bildverarbeitung helfen den Algorithmen, Muster in den Aufnahmen zu erkennen und zuverlässig auszuwerten.

Vom Labor in den Weinberg

KI-Systeme wie Drohnen, Lasersensoren (LiDAR) und intelligente Pflanzenschutztechnik werden bereits seit etwa einem Jahrzehnt erprobt und finden nun auch den Weg in den Weinbau. Erste Anwendungen reichen von intelligenter Spritztechnik bis zu robotergestützten Pflegearbeiten im Weinberg. „Der Einsatz von KI ist nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich“, sagt Anna Kicherer. Oft arbeitet sie im Hintergrund – etwa bei der Auswertung von Sensordaten, aus denen dann konkrete Handlungsempfehlungen für Winzer abgeleitet werden.

Von der Forschung in den Markt

Auch in der Züchtung und im Marketing zeigt sich das Potenzial von KI. Sie ermöglicht präzisere Resistenztests, etwa gegen Pilzkrankheiten oder für klimaresiliente Sorten – sowohl im Labor als auch direkt im Feld. Im Vertrieb wird KI genutzt, um Kundendaten zu analysieren und gezielte Marketingkonzepte zu entwickeln. Das JKI beteiligt sich aktiv an der Entwicklung solcher Methoden.

International: Deutschland im Rückstand?

Trotz dieser Fortschritte sieht die KI-Expertin Nachholbedarf in Deutschland. Während die Forschung international konkurrenzfähig sei, hinke die praktische Umsetzung im Vergleich zu Ländern wie den USA, Australien oder Frankreich hinterher. Gründe dafür sind laut Kicherer vor allem die kleinteilige Struktur deutscher Weinbaubetriebe, begrenzte finanzielle Ressourcen und hohe Investitionskosten. „Aus Sicht von großen Herstellern aus der Landwirtschaft, die teilweise schon weiter sind, ist die Weinbranche oft zu klein, um hier einzusteigen und zu investieren“, sagt Anna Kicherer. Hinzu kommen laufende Kosten, etwa für Softwarelizenzen oder technische Wartung. Für viele kleinere Betriebe sei das derzeit nicht wirtschaftlich. Die Integration von KI sei daher langfristig zu sehen – als Entwicklung über Jahre hinweg.

Blick in die Zukunft

Trotz aller Hürden blickt Anna Kicherer optimistisch in die Zukunft. Die Werkzeuge, die man heute entwickele, könnten langfristig ganz neue Prozesse im Weinbau ermöglichen – etwa selektive Lese durch Vollernter oder robotergestützte Erntearbeiten. Auch tragbare Sensoren zur Reifebestimmung oder KI-basierte Ertragsprognosen seien bereits in der Entwicklung.

Die Vision scheint klar: Ein Weinbau, der durch Technologie effizienter, nachhaltiger und besser an den Klimawandel angepasst werden kann – ohne dabei das handwerkliche Können der Winzer aus den Augen zu verlieren.

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