Wilgartswiesen Naturschützer: Mit B10-Gewerbepark wird gezielt Lkw-Transitverkehr herbeigelockt
Das geplante Großprojekt an der B10 bei Wilgartswiesen treibt den hiesigen Naturschützern die Zornesröte ins Gesicht. Sollte das Konzept eines Landauer und Karlsruher Investorentrios Realität werden, wäre das ein „Frontalangriff auf die Ziele, die die Unesco mit der Einrichtung des Biosphärenreservats Pfälzerwald verfolgt und der Politik des Landes Rheinland-Pfalz anvertraut hat“, empört sich der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Südpfalz in einer Stellungnahme nach unserer Berichterstattung.
Der vierspurige Ausbau der B10 zwischen Wilgartswiesen und Hauenstein steht bevor. Und an den Flanken der Bundesstraße tut sich in diesem Zuge gerade so einiges. Das Interkommunale Gewerbegebiet Hauenstein-Wilgartswiesen füllt sich Stück für Stück mit Leben. Am westlichen Ende von Wilgartswiesen soll noch in diesem Jahr der Bau eines neuen Rastplatzes beginnen, der nachts rund 40 Lkw Platz bieten wird. Direkt daran anschließend will die Ortsgemeinde ein neues 35.000 Quadratmeter großes Gewerbegebiet erschließen, das auf knapp 29.000 Quadratmetern durch einen Tankhof, eine Systemgastronomie, ein Motel und einen Einkaufsmarkt belegt werden soll. Hinter jenem Vorhaben stehen der Landauer Tankstellenunternehmer Thomas Frühmesser, sein Kollege Andreas Hermann und Patrice Merz von Bankai Architekten aus Karlsruhe.
„Gier und Ignoranz“
Das Interkommunale Gewerbegebiet habe bereits einen Flächenfraß von über 11,1 Hektar verursacht. Die Lkw-Rastanlage nehme weitere 3,2 Hektar in Anspruch, der Wald sei bereits gerodet, führt Werner Schreiner an. Er ist Vorstandsmitglied der BI Queichtal, die sich nach dem RHEINPFALZ-Artikel ebenfalls zu Wort gemeldet hat. „Solche zügellosen Bauorgien locken natürlich Privatinvestoren an, die auch ein Stück vom Kuchen abhaben wollen“, entrüstet er sich darüber, dass nun weiteren 3,5 Hektar Waldbestand die Vernichtung drohe. Dies sei ein „brachialer Eingriff in Umwelt, Natur und Landschaft“, findet Schreiner, der der Kommunalpolitik Gewerbesteuergier und den Genehmigungsbehörden Ignoranz vorwirft.
Diese großflächige Rodung und Versiegelung im zentralen Bereich des Biosphärenreservats führe den Sinn und Zweck eines derartigen Schutzgebiets immer mehr ad absurdum und hinterlasse immer größere Zweifel an der Kompetenz des für die Überwachung zuständigen MAB-Nationalkomitees, so das BI-Vorstandsmitglied. Der geplante Landschaftsverbrauch bei Wilgartswiesen von 18 Hektar entspreche dem Platzbedarf von 45 Windrädern. Die Windkraftnutzung im Pfälzerwald hatte das Nationalkomitee für nicht mit dem Schutzstatus vereinbar erklärt, woraufhin die Landesregierung diese bisher ausschließt. Aber weitaus gravierendere Eingriffe wie Gewerbegebiete, Lkw-Rastplätze und Tankanlagen würden durchgewinkt, ist Schreiner verärgert.
„Transit-Achse wird auch umliegende Straßen überlasten“
„Wie glaubwürdig sind Leute, die gegen die ,Windindustrie’ im Pfälzerwald wettern, gleichzeitig aber die beginnende flächenhafte Industrialisierung eines Biosphärenreservats vorantreiben?“, fragt auch der BUND Südpfalz. Das Nachhaltigkeitsmodell des Biosphärenreservats aus wirtschaftendem Mensch und intakter Natur werde mit solchen Vorhaben ausgehebelt.
Und wenn dieses Projekt durchgehen sollte, könne die Politik den „autobahngleichen Ausbau der B10“ auch nicht mehr als „strukturpolitische Notwendigkeit für das Wohlergehen der Südwestpfalz“ erklären. Es zeige sich nun mit aller Deutlichkeit, dass unter Täuschung der Öffentlichkeit eigentlich eine Achse für den transeuropäischen Schwerverkehr zwischen Atlantik und Osteuropa gemeint und gewollt sei. Mit den Planungen bei Wilgartswiesen werde gezielt Verkehr herbeigelockt. „Ein Verkehr, der Pirmasens beliefern soll, braucht keinen Rastplatz mit Tankhof und Motel mitten im Pfälzerwald – ausgerechnet dort, wo die Verkehrszahlen keineswegs für Fernverkehr sprechen“, hält der BUND vor. Die Naturschützer fürchten, dass hier ein neuer, überdimensionierter Verkehrsstrang angebahnt werden solle. Sie prophezeien, dass in dessen Auswirkungsbereich neuer Verkehr verursacht werde, der das vorhandene Straßennetz – unter anderem die A65 und die B272 – überlasten werde, „und dann wieder den Ruf nach weiterem Straßenbau laut werden lässt“.
Schiebt Behörde Projekt noch den Riegel vor?
Der BUND mahnt noch einmal an, dass das MAB-Komitee bereits 2013 festgestellt habe, dass eine weitere Fragmentierung des Pfälzerwalds die Anerkennungskriterien als Biosphärenreservats infrage stelle. Das betreffe auch den Ausbau des B10. 2021 hat das Komitee erneut unterstrichen, dass es den Umfang zumindest einzelner Ausbauabschnitte mit großer Sorge betrachte. Die BI Queichtal hofft, dass die Struktur- und Genehmigungsdirektion Süd dem Vorhaben noch „den Riegel vorschiebt“. Das Konzept liegt dort gerade zur Genehmigung.
