Südpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Invasive Kermesbeere treibt im Pfälzerwald ihr Unwesen

Die Schöne ist ein Biest: Kerstin Reddig, Britta Horn, Benjamin Seyfried und Simone Hoppelshäuser (von links) begutachten die si
Die Schöne ist ein Biest: Kerstin Reddig, Britta Horn, Benjamin Seyfried und Simone Hoppelshäuser (von links) begutachten die sich explosionsartig verbreitenden Bestände in der Nähe des Turnerheims.

Meterhohe Pflanzen mit purpur strahlenden Stängeln und schwarz glänzenden Beeren. Sind wir hier im Dschungel? Nein, mitten im Pfälzerwald. Die Kermesbeere ist auf dem Vormarsch. Zwar ist sie hübsch anzusehen, da hört der Spaß dann aber auch schon auf. Wie kann man dem giftigen Wildwuchs Einhalt gebieten?

Niedliche weiße Blüten, prächtige pinkfarbene Stängel, die meterhoch gen Himmel schießen, pralle, kolbenförmig aufgereihte Früchte. Sie ist schon ein echter Hingucker, die Amerikanische Kermesbeere. Wenn man bei einem Spaziergang im Pfälzerwald dann aber plötzlich vor einem ganzen Dschungel aus Kermesbeeren steht, wird einem schlagartig vor Augen geführt: Hier bahnt sich etwas unermüdlich seinen Weg, das da nicht hingehört.

Explosionsartig verbreiten sich die Gewächse, als ob ein Tropen-Urwald die heimischen Baumbestände verschlingen will. „Es spricht eigentlich alles dafür, dass sie keine Grenzen kennt. Sie hat den ersten wichtigen Schritt einer Invasion genommen.“ Das sagte Geoökologin Constanze Buhk bereits vor acht Jahren gegenüber dem „Deutschlandfunk“. Die Forscherin war damals noch an der Uni Landau tätig und untersuchte mit dem Team Pflanzenökologie invasive Neophyten in Rheinland-Pfalz.

Mittlerweile sprießen überall üppige Neubestände hervor. Zunächst wurde in unserer Region der Bienwald überrollt. Seit einigen Jahren macht die Kermesbeere auch dem Wald rund um Annweiler zu schaffen. Das weiß Naturfreundin Kerstin Reddig, die zusammen mit Simone Hoppelshäuser im Trifelsland in den Kampf gegen die Einwanderin zieht. Aber was macht die Schöne zum Biest für die heimische Flora? Die Pflanzen wachsen unglaublich schnell und weit in die Höhe, sie wuchern alles zu und nehmen damit heimischen Pflanzen Licht, Platz, Wasser und Nährstoffe zum Gedeihen weg, beschreibt Reddig das Problem bei einem Spaziergang zu solch einem „Hotspot“ in der Nähe des Annweilerer Turnerheims. „Willkommen im Kermesbeeren-Wald“, kommentiert sie zynisch das Meer aus roten Stängeln. „Und im Winter sieht es hier dann aus wie eine Marslandschaft.“ Junge Bäumchen hätten gegen die invasive Beere keine Chance.

Einwanderpflanze verdrängt heimische Arten

Ein weiteres Problem: Die Pflanze ist kein einfacher Gegner, sondern äußerst wehrhaft. Die Früchte und besonders die rübenartigen Wurzeln, die bis zu fünf Meter lang werden können, sind natürliche Chemiekeulen. In ihnen stecken Giftstoffe, weswegen man tunlichst darauf verzichten sollte, die hübschen Beeren zu naschen. Außerdem sondert die Pflanze so viele ihrer Abwehrsubstanzen an ihr Umfeld ab, dass sie alles um sich platt macht. „Die Kermesbeere hat sogar eine Notblüte und keine natürlichen Feinde“, unterstreicht Reddig.

Keine Feinde, dafür viele Freunde. Etwa Vögel, die sich die süßen Beeren gerne schmecken lassen und damit dafür sorgen, dass sich die Samen verbreiten. Auch die Maschinen des Forsts trügen die Samen munter durch den Wald, ergänzt Reddig, die noch auf eine dritte Verbreitungsquelle hinweist: den Menschen. Die Reise der Kermesbeere führte nämlich sozusagen vom Gartenmarkt in den Wald. Die farbenfrohe Kermesbeere findet sich als Zierpflanze in vielen Gärten. Von da büchste der ein oder andere Samen in die freie Natur aus – und die Invasion begann. Invasiv bedeutet, die Pflanzenart wurde eingeschleppt und gehört hier eigentlich gar nicht hin. Die Kermesbeere kommt ursprünglich aus Amerika und Asien, im hiesigen Raum besonders verbreitet ist die amerikanische Sorte, die als Schmankerl auch noch die giftigste ist. Im 17. Jahrhundert wurde sie nach Europa exportiert, in Gärten gepflegt und lange auch zum Färben etwa von Rotwein, Korbwaren oder Wolle genutzt. Seit rund 20 Jahren treibt sie in Südwestdeutschland als Wildwuchs ihr Unwesen.

Gewinnerin des Klimawandels

Mit zunehmendem Tempo. Denn während der fortschreitende Klimawandel für manch heimische Pflanze den Todesstoß bedeutet, ist er für die Kermesbeere eher ein Wohlfühlfaktor. Sie mag lichte Wälder. Wie die studentische Untersuchungen an der Uni Landau ergaben, konnte sich die Kermesbeere in Rheinland-Pfalz vor allem auf Windwurfflächen mit Borkenkäferbefall rasch ausbreiten. Mittlerweile rückt die genügsame Überlebenskünstlerin aber auch in ungestörte Waldbereiche vor. Und zwar schnell, eine kapitale Pflanze habe schon mal 35.000 Samen, ergänzt Reddig. Die Pflanze habe nicht viele Ansprüche, sandige und saure Böden wie hierzulande machen ihr nichts aus. Sie ist so robust, dass sie auch Dürre und Hitze wegsteckt.

„Viele Förster resignieren und sagen, wir müssen den Wald durchfaulen lassen“, weiß Reddig, die im Austausch mit dem Annweilerer Revierförster Harald Düx steht. Dieser sei beim Kampf gegen die Einwanderin mit an Bord. „Die Bestände wachsen so schnell. Der Forst kommt nicht nach, diese zu entfernen“, ist Reddig bewusst. Düx wolle vermehrt Walnussbäume pflanzen, die schnell beschatten und deren Gerbstoffe hoffentlich die Kermesbeere verdrängen. Auch das Forstamt Haardt in Landau hat in den vergangenen Jahren beobachtet, dass sich die Kermesbeere stark ausbreitet. Förster Siegfried Weiter rät jedoch dazu, die neuen Arten mit Gelassenheit zu betrachten. Es sei davon auszugehen, dass die Kermesbeere im Pfälzerwald heimische Pflanzen verdrängt: „Doch das ist in der Natur normal. Natur ist permanente Veränderung“, sagte er bereits vor zwei Jahren gegenüber der RHEINPFALZ. Er glaube nicht, dass die Förster das jetzige Bild der heimischen Wälder bewahren könnten, selbst wenn sie versuchten, Neophyten wie die Kermesbeere zu vernichten.

Helfer für Rausreiß-Aktion gesucht

Reddig appelliert trotzdem an alle Waldbesucher, etwas gegen die weitere Ausbreitung zu tun. Dafür hat sie ein Projekt gestartet. Rausreißen, was das Zeug hält. Aber nicht willkürlich. Sie stützt sich auch auf Erkenntnisse der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg, die seit 2015 im Waldschutzgebiet Schwetzinger Hardt Strategien zur Bekämpfung der Vorkommen erprobt. „Im Wellbachtal habe ich schon eine Fläche kermesbeerenfrei gekriegt“, berichtet sie. Anderthalb Jahre lang stattete sie dem Areal alle ein, zwei Wochen einen Besuch ab und entfernte die Pflanzen. Nun ist dort wieder Tabula rasa. So will sie mithilfe anderer auch an weiteren Stellen im Wald rund um Annweiler vorgehen. Und davon gibt es einige, etwa am Sommerfelsen, am Adelberg oder am Kaiser-Friedrich-Weg.

Wer sie unterstützen will, kann sich bei ihr melden und bekommt dann erklärt, wie die Pflanzen aussehen, um nicht die falschen zu erwischen, und wie sie am besten entfernt werden. Dann sollen den Helfern bestimmte Gebiete zugewiesen werden, für die sie sozusagen Paten wären. Wie der Abtransport der Gewächse aus dem Wald und danach das Verbrennung auf der Deponie geregelt wird, wollen Reddig und Stadtbürgermeister Benjamin Seyfried, der beim Ortstermin am Turnerheim auch dabei war, mit dem Forst klären. Die richtige Kampfphase beginnt dann sowieso erst im Frühjahr, wenn die Pflanzen noch jung und klein sind. Bis dahin soll der Einsatz organisiert werden. Schon mal wichtig zu wissen: Man kann die Pflanzen mit der Hand rausreißen, sollte sie aber nicht brechen beziehungsweise wenn, dann einen Mundschutz tragen, weil sie Aerosole versprühen, die belastend für das Atemsystem seien könnten, wie Reddig erklärt. Aerosole und Mundschutz, na, das kennen wir ja bereits von einem anderen unliebsamen Gast.

Termin

Die Stadt Annweiler veranstaltet gemeinsam mit Kerstin Reddig und Simone Hoppelshäuser am Samstag, 6. November, eine Aktionswanderung am Wingertsberg in Annweiler, bei dem auch Kermesbeeren ausgerissen werden sollen. Treffpunkt ist um 11 Uhr am Prof.-Naegle-Platz. Abschluss ist an der Jung-Pfalz-Hütte. Weitere Infos gibt’s per E-Mail-Anfrage an kerstin-reddig@t-online.de oder oliver@hoppelshaeuser.de.

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