Kreis Germersheim
Kermesbeere: Waldkiller oder nur eine neue Pflanze?
Forstleute stehen ratlos vor Buchen, die bereits ihr Laub abgeworfen haben. „Völlig untypisch für die Jahreszeit, sie müssten jetzt die typische rot-braune Herbstfärbung der Blätter bekommen“, sagt Förster Johannes Becker vom Forstamt Bienwald. Er ist für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig und zeigt zwei Rätsel seines Waldes: Buchentrocknisschäden und Kermesbeere.
Früh das Laub abwerfende und (vielleicht) absterbende große Buchen sind jedoch kein lokales Problem. In Nordbayern rätseln ebenfalls Forstleute weshalb die Bäume eingehen. Dort ist jetzt ein Forschungsprojekt der Bayerischen Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft ins Leben gerufen und zunächst mit 100.000 Euro ausgestattet worden. Auf dessen Ergebnisse warten auch Becker und seine Kollegen sehnsüchtig. Ihre einzige, bisher unbestätigte Theorie: Es könnte mit verändertem Grundwasserspiegel nach Trockenperioden zu tun haben.
„Grundsätzlich ist es zwar schlimm“, meint Becker, „wenn alte Bäume absterben. Wenn genug junge nachwachsen, bleibt jedoch immerhin der Wald an sich erhalten.“ Und das ist die Überleitung zum nächsten Phänomen, der schnellen Ausbreitung der Amerikanischen Kermesbeere im Bienwald. Bereits 2013 hat die Landauer Geoökologin Constanze Buhk in einer Radiosendung des Deutschlandfunkes gewarnt „nach neueren Studien hätten selbst Buchen Schwierigkeiten, auf dem Boden, der von (Kermesbeeren) belastet ist, überhaupt keimen zu können. Das mache sie dann entsprechend so konkurrenzstark und damit gefährlich, weil sie dann wirklich alles platt machen könne“.
Seit 2001 verbreitet sich die Kermesbeere
Becker grenzt diese Aussage mit eigenen Beobachtungen etwas ein. „Wenn die Kermesbeeren im Herbst stehend abtrocknen, bleibt auf dem Boden Raum und Licht. Teilweise schaffen es Kiefer und andere Baumarten sich hier anzusamen. Es gilt deshalb, genau hinzuschauen und den nachwachsenden Wald, wo immer es geht, zu fördern. Dazu gehören auch das zusätzliche Pflanzen und die Pflege von jungen Bäumen“.
Etwa seit 2001 (nach Sturm Lothar) werde die Kermesbeere im Bienwald beobachtet, schildert der Förster den Beginn der Ausbreitung. Das sei in der Gegend von Berg gewesen. Heute kommt die Pflanze nahezu im gesamten Bienwald vor. „Sie bevorzugt lichte und auch sandige Flächen. Das können wir sicher sagen. Aber sonst gibt es fast nichts zu dieser Pflanze“, so Becker. „Wir müssen experimentieren und beobachten.“
Stabile Wälder halten auch Kermesbeere aus
Beobachtet hat Becker, dass an manchen Stellen die Überwucherung mit Kermesbeeren zurückgegangen ist. Warum? Keine Ahnung! Der Förster zieht aber den Schluss daraus, dass man auf keinen Fall mit radikalen Mitteln, etwa Unkrautvernichtern, an die Sache herangehen darf. „Wir beobachten einen Prozess, der möglicherweise auch zur Veränderung des Waldes im Klimawandel gehört“, ist Becker überzeugt. Deshalb sei es wichtig, für stabile, gesunde Wälder zu sorgen, die diesen Wandel schaffen können.
Wald braucht mehr Investitionen
Der Forst könne dazu mit nachhaltiger Waldwirtschaft beitragen. Benenne man aber alle Probleme von der Kermesbeere über die kanadische Goldrute, vorzeitig absterbende Bäume, Ahorn-Schwarzfleckenkrankheit bis hin zu Maikäfern und Borkenkäfern, werde augenfällig, dass dem Forst zunehmend Personal fehle, damit umzugehen. Da müssten beispielsweise kranke Bäume entnommen werden, damit sich Schädlinge nicht verbreiten, befallenes Holz muss aus dem Wald, junger Wald nachgezogen Flächen gemulcht werden. Dafür fehle aber hinten und vorne Personal, so Becker.
Im Zusammenhang mit dem deutschen Waldschadensbericht wurden bundesweit etwa 10.000 fehlende Forstleute benannt. Für das waldreiche Rheinland-Pfalz sind daraus etwa 1000 fehlende Stelle hochgerechnet worden. Becker fordert deshalb ein Umdenken. Die Holzvermarktung alleine könne eine Waldwirtschaft im Sinne des Klimaschutzes nicht finanzieren. Es müsste ein gesamtgesellschaftliches Umdenken geben, sinniert Becker, an dessen Ende in den Wald als CO2-Speicher, Luftverbesserer, Freizeitwert, Naturbereich und auch Holzproduzent investiert wird.
Zur Sache: Kermesbeere im Bienwald
Die Amerikanische Kermesbeere (Phytolacca americana) beschränkt sich bisher wohl auf die Regionen mit Weinbauklima im Südwesten, mit Schwerpunkt am Oberrhein. Bei Vögeln sind die süßen Kermesbeerenfrüchte sehr beliebt, sie sorgen daher auch für die Verbreitung der Samen. Die Pflanze enthält aber auch Giftstoffe, wobei die rübenartigen Wurzeln und die Samen die höchsten Giftgehalte aufweisen. Für Säugetiere sind sie aufgrund der Triterpensaponine (Phytolaccagenin) und Lectine gering giftig bis giftig. Wegen der Giftstoffe müssen nahrungsmitteltaugliche Produkte der Kermesbeeren behandelt oder entsprechend zubereitet werden. Die Beeren enthalten dunkelroten bis schwarzen Farbstoff, Betacyane (Phytolaccarot) ähnelt dem der Roten Bete. Kermesbeeren wurden früher zum Färben von Rotwein, Likör sowie Gebäck verwendet, wegen der stark abführenden Wirkung wurde dies jedoch verboten. Auch wurde der Farbstoff zum Einfärben von Korbwaren, Wolle, Seide, Leder und für Schminke verwendet.
Quelle: NABU, Wikipedia