Albersweiler
Erste „gated community“ der Südpfalz geplant
„Gated community“ – so etwas kennt man hierzulande nur aus Fernsehsendungen über US-Promis. Luxus-Wohnkomplexe, deren Bewohner hinter Zäunen vor der Außenwelt abgeschirmt sind. Eine kleine Welt für sich mit Grünanlagen und Geschäften, die nur mit Genehmigung betreten werden darf. Ein Areal, in dem sich die Oberschicht vorm Rest der Welt abschotten kann. In dem sie Ruhe, Privatsphäre und Sicherheit genießt. Und so etwas soll nun in einem Südpfälzer Dorf entstehen. Was hat es damit auf sich?
Die Firma Pfalz Wärme aus Neustadt hat Grundstücke rund um das Autohaus Weis in Albersweiler gekauft und will dort einen hochwertigen Wohnkomplex hochziehen – und später eine Kita und möglichst auch Gewerbe ansiedeln. Am Ortsrand zwischen Weinstraße und B10 soll ein umzäuntes Areal mit mehreren Gebäuden im römischen Stil für bis zu 100 Wohneinheiten und einer Parkanlage mit Teich entstehen. Dieser soll sich rund um die markante Freiheitsstatue erstrecken, die Autohaus-Besitzer Harald Weis mit seinem Team vor 18 Jahren als Symbol für freie Werkstätten errichtete. Ein Hauch von Amerika soll also durch die Südpfalz wehen – mit einem über den großen Teich geschwappten Lebenskonzept, versinnbildlicht in der Fackel-Göttin, deren Original im New Yorker Hafen steht. Passenderweise trägt das Bauprojekt den Namen „Residenz Liberty“.
Ersten Wohnungen bis Ende 2022 fertig
Man muss sich schon die Augen reiben, wenn man hört, was diese gerade vor anderthalb Jahren gegründete Firma plant, die bisher auf Heizungs- und Sanitärdienste fokussiert war. Nun hat sie sich ein erstes Bauträger-Projekt vorgenommen. Klotzen, nicht kleckern – ist das Motto. Rund 15 Millionen Euro will das Neustadter Unternehmen mit 17 Mitarbeitern investieren, wie Projektleiter Waldemar Nürnberg sagt. Im Juni sollen die Bagger für Erdarbeiten und die Erschließung anrücken. Im Juli soll die Bornheimer Speeter-Gruppe damit beginnen, der Rohbau für die ersten Gebäude zu errichten. So der ehrgeizige Plan des Unternehmens, das in den vergangenen anderthalb Jahren an dem Konzept gearbeitet hat. Dabei ist der Antrag noch nicht mal gestellt. Das habe man in zwei Wochen vor, sagt Nürnberg, der aber mit einer schnellen Genehmigung rechnet, da sich das Unternehmen an die Vorgaben des bestehenden Bebauungsplan halten werde. Bis Ende 2022 sollen die ersten 25 Wohnungen fertig sein. Parallel dazu soll der zweite Bauabschnitt mit weiteren 25 Wohnungen starten.
Bis 2026 seien zudem die Bauabschnitte drei und vier geplant, die weitere Wohnungen, eine Privat-Kita und eine Häuserzeile Richtung Weinstraße umfassen, die Gewerbeflächen für Einzelhandel, Café, Apotheke, Ärztehaus, Friseur, Bäckerei oder Büros beherbergen soll – diese jedoch öffentlich zugänglich. Diese Vision vermittelten Pfalz Wärme und das Neustadter Maklerbüro Sarah Will, das sich auf die Betreuung gehobener Immobilien spezialisiert hat und die Anlage vermarktet, in einem Gespräch mit der RHEINPFALZ am Dienstag. Die Pläne seien gemacht und durchgerechnet, die Grundstücke gesichert, sagte Nürnberg. Doch dann kommt alles anders.
Park mit Teich und Spielplatz
Denn vor Ort will man die Sache nicht so schnell angehen. Autohaus-Besitzer Harald Weis freut sich auf das Bauprojekt, schließlich herrsche in der boomenden Region Wohnungsnot. Er habe 4000 Quadratmeter hinter seinem Autohaus verkauft, berichtet er. Laut Pfalz Wärme wurden noch ein paar kleinere Grundstücke drum herum erworben, sodass dort die ersten zwei Wohnkomplexe entstehen können. Wenn diese errichtet sind, will er auch seine dahinter liegende knapp 15.000 Quadratmeter große Wiesenfläche veräußern. Diese will die Pfalz Wärme mit Teich, Spielplatz, Obstbäumen und Ruheplätzen zu einem Erholungsort für die Bewohner ausbauen.
„Aber alles weitere ist Zukunftsmusik, die erst geregelt werden muss“, sagt Weis zu den Kita- und Gewerbeflächenplänen. Pfalz Wärme hatte sich diese, wie beim Termin mit der RHEINPFALZ geäußert, als Fünf-Jahres-Ziel gesetzt. Doch Weis will sein Autohaus bestimmt noch zehn Jahre betreiben, wie er wissen lässt. Und dieses Gelände bräuchte das Neustadter Unternehmen für sein Konzept, ebenso wie benachbarte Grundstücke der Glasfirma Anton und seines Sohnes, erklärt Weis. Laut Nürnberg laufen dafür die Verhandlungen. Er gehe davon aus, die Areale in den nächsten zwei, drei Jahren erwerben zu können, sagte er noch am Mittwochnachmittag.
Zudem muss das Ganze mit der Gemeinde abgestimmt werden, der die Dimension des Projekts bisher nicht bekannt war. Nachdem durch die RHEINPFALZ-Nachfrage Vorbehalte laut wurden, reagierte Nürnberg mit der Aussage: „Wir stehen zu unseren Plänen. Aber ich will mit niemandem böses Blut. Und wenn der letzte Bauabschnitt nur ein Zukunftsmodell sein soll, akzeptiere ich das.“ Am Abend kam dann der offizielle Rückzieher per E-Mail. Der Abschnitt drei mit der Kita werde umgesetzt, sobald die derzeitige DHL-Lagerstation inklusive des Grundstücks der Firma Speeter gekauft sei, übermittelt Projektmanagerin Anna-Lena Lerch. Alles weitere, also die Gewerbe- und Gesundheitsflächen, sei für die Zukunft geplant. „Hier braucht es letzten Endes noch weitere Zustimmung von verschiedenen Seiten.“ Der Fokus liege nun auf den Bauabschnitten eins bis drei. Bauphase vier ist mittlerweile auch von der Homepage des Projekts getilgt.
Ortschef hält nichts von „gated community“
Denn Ortsbürgermeister Ernst Spieß hatte überrascht reagiert, als er von der RHEINPFALZ von Details der Pläne hörte. Vor rund zwei Monaten sei Pfalz Wärme auf die Ortsgemeinde zugekommen. „Solch ein Wohnungsbauprojekt ist positiv für die Gemeinde, und der Bedarf ist da“, findet er. Der Investor sei ihm vorher nicht bekannt gewesen, aber er denke schon, dass dieser das Projekt stemmen könne. Allerdings seien die Kita- und Gewerbeflächenpläne bisher nicht im Gemeinderat besprochen worden. Und da sehe er schon Abstimmungsbedarf, würden diese doch die Infrastruktur Albersweilers erheblich verändern.
Und Thema „gated community“: Laut Immobilienmakler Dennis Will trägt diese zur Exklusivität und zum Sicherheitsgefühl bei. Auch im ländlichen Raum gebe es Einbrüche. Zudem soll die Parkanlage nur den Bewohnern vorbehalten sein. Der Concierge lässt also nur Anwohner und angemeldet Gäste durch die Schranke am Eingang. Der Ortsbürgermeister kann diesen Plänen nicht viel abgewinnen: „Die Pfälzer sind offene Menschen, und so sollte auch das Gelände offen bleiben.“
Mülllift und Smart-Home
Kann man überhaupt ein Wohngelände einfach so von der Außenwelt abschirmen? Laut Kreisverwaltung gibt es dazu weder im Bauplanungsrecht noch im Bauordnungsrecht gesetzliche Regelungen. „Es wäre zum aktuellen Kenntnisstand die erste ,gated community’ im Landkreis“, sagt Pressesprecherin Anna-Carina Hagenkötter auf Anfrage. In Deutschland existieren bereits ein paar geschlossene Wohnkomplexe, etwa die Arcadia-Wohnanlage in Potsdam oder der Barbarossapark in Aachen. Bisher sei dem Landkreis nicht bekannt gewesen, dass solch ein Bauprojekt in Albersweiler geplant ist, deswegen will er keine Bewertung dazu abgeben. Der Bebauungsplan „Kolchenbach“ der Gemeinde Albersweiler weise für weite Teile ein Mischgebiet aus, erklärt die Verwaltung. Hier sei Wohnen zulässig, aber auch Büros, Apotheken, Bäcker und ähnliches. Grundsätzlich könnten Wohngebäude innerhalb von Bebauungsplangebieten im Freistellungsverfahren gebaut werden. Und das hat Pfalz Wärme ja nach eigener Aussage bald vor.
Verbandsbürgermeister Christian Burkhart bestätigt, dass es in der vergangenen Woche ein informelles Gespräch mit dem Investor gab. Es sei dabei hauptsächlich um die Erschließung des Geländes gegangen. „Dass dort Luxuswohnungen beziehungsweise ein Wohnkomplex als ,gated community’ entstehen soll, wurde in der Form nicht kommuniziert“, hält er fest. Zudem ergänzt er, dass der dort gültige Bebauungsplan eine zweigeschossige Bauweise mit Schrägdach vorsieht. Das würde aber mit der Planung von Pfalz Wärme kollidieren, die dreigeschossige Häuser mit begrüntem Flachdach geplant haben.
Kann Investor Projekt stemmen?
Die geplante Wohnanlage verspricht ein hohes Niveau. Wohnungsgrößen zwischen 100 bis 140 Quadratmetern, energieeffiziente Bauweise, Tiefgaragen, großzügige Balkone, Barrierefreiheit, Mülllift und Smart-Home-Systeme. Sogar der auf dem Gelände stehende Strommast soll abgebaut und die Leitungen unterirdisch verlegt werden – einerseits weil er auf einem Bauplatz steht, andererseits damit er die Sicht nicht versperrt. Wie viel die Wohnungen kosten werden, dazu will der Investor noch keine Aussage treffen. „Wir schwanken auch gerade noch in der Ausführung zwischen hochwertig und Luxus, das macht dann schon 500 bis 600 Euro pro Quadratmeter aus“, sagt Nürnberg. Die Preise würde sich aber am ortsüblichen Durchschnitt für jene Qualität orientieren, ergänzt Will.
Aber kann sich eine noch junge Firma solch ein Großprojekt überhaupt leisten? Immerhin geht es um bis zu 15 Millionen Euro. Will erklärt, dass die Pfalz Wärme den Grundstückserwerb und die Planung aus eigener Tasche bezahlt habe. Mittlerweile seien zwei Großbanken auf der Projekt aufmerksam geworden, die an der Finanzierung interessiert seien. Man sei mit beiden in Gesprächen. Zudem übernähmen die Pfalz Wärme, die ja ein Heizungs- und Sanitärbetrieb ist, und deren Partnerunternehmen wie die Nürnberg Montage GmbH viele Arbeiten selbst, ergänzt Projektleiter Nürnberg, der in beiden Firmen tätig ist.