Edesheim / Speyer RHEINPFALZ Plus Artikel Die Spiele von 1972: Freund des Olympiaprofessors erinnert sich

Karl Fücks mit Original-Eintrittskarten: Olympia 1972 leuchtete in bunten Farben und sollte die Spiele unterm Hakenkreuz 1936 in
Karl Fücks mit Original-Eintrittskarten: Olympia 1972 leuchtete in bunten Farben und sollte die Spiele unterm Hakenkreuz 1936 in Berlin vergessen machen.

Als leidenschaftlicher Bergsteiger wurde Karl Fücks 1972 vom Deutschen Alpenverein zu den Olympischen Spielen eingeladen. Sein Pfälzer Jugendfreund Norbert Müller war Protokollchef des Olympiadorfs und erlebte das Attentat hautnah mit. Fücks sorgte dafür, dass dessen Erinnerungen der Nachwelt erhalten bleiben. Darin wird so manches Brisantes offengelegt.

Dokumente, Zeitzeugenberichte, Foto- und Filmmaterial: Karl Fücks ist ein Sammler aus Leidenschaft. Ob zu NS-Zeit, Kirchen- oder Industriegeschichte und mehr – nichts entging seinem Forschergeist. Doch vor knapp zweieinhalb Jahren machte er einen Schnitt, übergab einen Großteil seiner Schätze dem Landauer Stadtarchiv. Auch das Landesarchiv in Speyer, die Archive des Sportbunds oder des Bischöflichen Ordinats konnten von seiner Sammlung zehren. Aber so ganz loslassen konnte der 77-Jährige noch nicht. Unter dem Dach seines Edesheimer Wohnhauses schlummern noch immer einige wertvolle Zeitdokumente – verbunden mit eigenen Erinnerungen.

So kommt es auch, dass die Olympischen Spiele vor 50 Jahren in München noch heute präsent im Hause Fücks sind. Etwa durch eine Olympische Fackel in Miniformat, Original-Eintrittskarten, Veranstaltungs- und Stadtpläne, Fotos und Filme – und vor allem das Andenken an die Freundschaft zu Norbert Müller, dem damaligen Protokollchef des Olympischen Dorfs, der wegen seiner vielfältigen Erforschung der Olympischen Spiele später als Olympiaprofessor bekannt wurde. Der Pfälzer Sporthistoriker starb im Februar. Drei Jahre zuvor schilderte er noch seinem Jugendfreund, wie er 1972 das Attentat auf die israelische Mannschaft hautnah erlebte. Auf der Homepage des Historischen Vereins Speyer ist das Video der Zeitzeugenbefragung für die Nachwelt festgehalten.

Durch Jugendfreund Zugang zum Olympiadorf

Als München Austragungsort der Olympischen Spiele war, zählte Karl Fücks gerade 27 Lenze, arbeitete als Maschinenbautechniker in Speyer und war begeisterter Freizeit-Leichtathlet und Bergsteiger. Als Mitglied des Deutschen Alpenvereins wurde er zu den Spielen eingeladen. „Wir wohnten in einer Schule, konnten dort essen und schlafen und tagsüber die Wettbewerbe und Veranstaltungen in München besuchen“, erinnert sich Fücks, der die erste Woche der Spiele als Gast miterleben durfte.

Am 2. September traf er dort auch seinen Sportkumpanen Norbert Müller, mit dem er einst selbstgebaute Hanteln aus betongefüllten Gurkenfässern in der gemeinsamen Speyerer „Muggibude“ stemmte und der ihm nun als Protokollchef des Olympiadorfs den Zugang zu dem abgesperrten Bereich ermöglichte. „Ich habe mit meiner Super-8-Kamera gefilmt.“ Eine Minigolfanlage und Tischtennisplatten sieht man auf den Aufnahmen zwischen den großen Beton-Wohnkomplexen. „Da war alles noch fröhlich und heiter“, erinnert sich Fücks. Nur drei Tage später sollte die Stimmung schlagartig kippen. Der Anschlag der palästinensischen Terrororganisation Schwarzer September auf die israelische Mannschaft, der mit einer Geiselnahme im Olympischen Dorf begann und mit einem Blutbad am Militärflugplatz Fürstenfeldbruck endete, ging ins kollektive Gedächtnis ein.

Am Telefon: die israelische Ministerpräsidentin

Norbert Müller habe sich im Dorf beispielsweise darum gekümmert, wie die Sportler in den Häusern untergebracht waren und dass sie die richtige Kleidung trugen, berichtet Fücks. Und er sei auch für die Hostessen zuständig gewesen – unter anderem für eine gewisse Silvia Sommerlath, die spätere Königin von Schweden, die bei den Spielen Kronprinz Carl Gustaf kennenlernte. Auch Fücks hatte eine royale Begegnung: Bei einem Reitwettbewerb entdeckte er Prinz Philip und schoss ein Foto des britischen Monarchen aus nächster Nähe.

Doch am Morgen des 5. September legte sich ein Schatten über die heiteren Spiele. Sein Freund Norbert Müller sei in der Nacht geweckt worden, berichtet der Edesheimer. Ein Kollege habe angerufen und gesagt, dass etwas Schlimmes passiert sei. Der damals 25-jährige Protokollchef sei sofort in sein Büro gegangen, wo bereits das Telefon geklingelt habe. Am anderen Ende der Leitung: Golda Meir, die damalige Ministerpräsidentin Israels. Sie habe Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher sprechen wollen und gesagt, dass ihr Land bereits eine Mannschaft zusammengestellt habe, um die israelischen Geiseln zu befreien, sagt er zu der oft genannten Behauptung über jene Spezialeinheit, für die es in den offiziellen Protokollen keine Bestätigung gibt. „Aus verfassungsrechtlicher Sicht war es nicht möglich, dass eine fremde Armee auf deutschem Boden agiert“, sagt Fücks. Müller habe später Genscher getroffen, der ihm gesagt habe, dass er das Angebot ablehnen müsse.

Scharfschützen als Sportler getarnt

Sein Freund sei es auch gewesen, der die Scharfschützen, die eine Befreiungsaktion für die Geiseln planten, mit zur Sportfirma Puma nahm, zu der er gute Verbindungen hatte, nachdem er mit Unverständnis gesehen hatte, dass sich diese in Uniform im Olympischen Dorf postierten. „Er hat sie dann in Trainingsanzüge gesteckt, damit sie nicht als Sicherheitskräfte erkennbar sind.“ Film- und Fotoaufnahmen von deutschen Polizisten in Sportkleidung mit Maschinenpistolen zeugen noch heute davon. Die Live-Übertragung hatte letztendlich aber dafür gesorgt, dass die Stürmung des Gebäudes scheiterte. Die Attentäter hatten alles am Fernseher verfolgt, niemand hatte daran gedacht, ihnen den Strom abzustellen. „Heute weiß man, dass die Sicherheitskräfte damals der Situation nicht gewachsen waren. Die haben nur Fehler gemacht, bis zu dem Drama auf dem Flughafen mit den vielen Toten“, bilanziert Fücks.

Am Tag des Unglücks war er schon aus der Olympiastadt abgereist. Im Fernsehen sah er das Geschehen mit an. „Es war schrecklich.“ Sorge um seinen Freund Norbert Müller habe er aber nicht gehabt. „Ich war damals Extrembergsteiger, ein Jahr später habe ich eine Expedition auf einen 7000er-Berg in Afghanistan geleitet. Wenn man so etwas macht, hat man vor nichts Angst. Was kommt, das kommt“, sagt er.

„The games must go on“

Für Nachhall habe bei ihm der Satz des IOC-Präsidenten Avery Brundage am Tag nach dem Attentat gesorgt: „The games must go on.“ Diese Meinung teile auch er: „Man darf sich selbst durch so dramatische Ereignisse die Spiele nicht verderben lassen. Man sollte weiter danach streben, dass sich die Sportler der Welt treffen und die Menschen friedlich zusammenkommen“, liegt ihm das völkerverbindende Element von Olympia besonders am Herzen.

1968 fotografierte Fücks den Bau des Olympiastadions.
1968 fotografierte Fücks den Bau des Olympiastadions.
Der britische Monarch Prinz Philip bei einem Reitwettbewerb.
Der britische Monarch Prinz Philip bei einem Reitwettbewerb.
Minigolf und Tischtennis im Olympischen Dorf.
Minigolf und Tischtennis im Olympischen Dorf.
x