Wilgartswiesen RHEINPFALZ Plus Artikel Anwohner fordern Verkehrsberuhigung auf Ortsdurchfahrt

22 Anwohner der Hauptstraße haben sich zusammengeschlossen, um für eine Verkehrsberuhigung zu kämpfen. Hier stellvertretend von
22 Anwohner der Hauptstraße haben sich zusammengeschlossen, um für eine Verkehrsberuhigung zu kämpfen. Hier stellvertretend von links: Oliver Kirchner, Isabell Fabeck, Judith Kirchner, Melitta Fabeck und Holger Plottke.

Die Ortsdurchfahrt der B10-Anrainerkommune Wilgartswiesen ist ein Problemfall. Seit Jahren fordern die Anwohner, dass etwas getan wird, um den Verkehr auf der Hauptstraße zu beruhigen. Doch es tut sich nichts. Von der Gemeindespitze fühlen sie sich im Regen stehen gelassen. Kommt jetzt doch Bewegung in die Sache?

Sie müssen ihrem Ärger jetzt mal Luft machen. Seit fünf Jahren treten sie dafür ein, dass die Ortsdurchfahrt von Wilgartswiesen nicht mehr von Auto- und Lkw-Fahrern als Raserpiste missbraucht wird. Doch nichts habe sich seitdem getan. Die Anwohner der Hauptstraße sind sauer. Auf die Ortsspitze, bei der sie kein Gehör fänden und die sie immer wieder vertröste. Auf die verschiedenen Behörden, die sich die Zuständigkeit für die Straße hin- und herschöben. Im Gespräch mit der RHEINPFALZ klagen sie ihr Leid, reden sich in Rage. Nur eine unter ihnen ist ganz still. Erst nach einer Stunde erhebt Melitta Fabeck ihre Stimme.

„Meine Schwester hat ihr Kind auf der Hauptstraße durch einen Raser verloren“, erzählt die ältere Dame eine erschütternde Geschichte. Sieben Jahre alt sei der Junge gewesen, als er mit einem Freund auf dem Bürgersteig stand. Ein Autofahrer sei zu schnell durch den Ort geprescht, einem Gemüselieferanten ausgewichen, auf den Gehweg gekommen und habe dabei den Jungen erwischt. Ihre Schwester sei danach krank geworden und schon mit 45 Jahren gestorben. „Muss denn erst wieder so etwas Schlimmes passieren, bevor etwas an der Straße gemacht wird?“, stellt die Anwohnerin eine eindringliche Frage.

Anwohner: „Strecke lädt zum Rasen ein“

Als B10-Anrainergemeinde ist Wilgartswiesen einiges gewohnt. Doch der Verkehr rausche nicht nur nah am Ort vorbei, sondern auch durch ihn hindurch. Denn ab der Ortsmitte Richtung Hauenstein ist die Hauptstraße eine fast gerade, acht Meter breite Strecke, die geradezu zum Rasen einlade, finden die 22 Anwohner, die sich zusammengeschlossen haben.

Sie haben eine Liste mit Forderungen aufgestellt: Der beidseitige Fahrradbehelfsstreifen trage nicht dazu bei, das Tempo der Autofahrer zu drosseln. Zudem ergäben sich gefährliche Situationen für Radler, wenn Autofahrer im Begegnungsverkehr den Mindestabstand nicht mehr einhalten könnten. Stattdessen sollte lieber ein richtige Radweg gebaut werden, finden die Anwohner. Anstelle des Fahrradstreifens wünschen sie sich versetzt angeordnete Parkboxen. Nicht ohne Eigennutz, um so praktisch vor ihren Häusern parken zu können. Aber auch, weil sie davon ausgehen, dass das Verkehrstempo auf der Straße reduziert werden kann. Weiterhin sollen für Schulkinder Querungshilfen und eventuell auch ein Tempo-30-Abschnitt eingerichtet werden. Eine Sanierung der Fahrbahn und des Gehwegs sind weitere Themen der Anlieger. Ein Lkw-Transitverbot für die Ortsdurchfahrt bringen sie ebenso aufs Tapet. Haben diese Forderungen eine Chance auf Verwirklichung?

Polizei: „Kein weiterer Handlungsbedarf“

Die Statistiken der Polizei bestätigen nicht gerade die Wahrnehmung der Anwohner. Diese bezeichnet die Verkehrssituation auf der Hauptstraße als „eher unauffällig“. In den vergangenen fünf Jahren habe es dort zwölf Unfälle gegeben, in einem Fall sei eine Person leicht verletzt worden. Überhöhte Geschwindigkeit sei bei keinem Unfall die Ursache gewesen, informiert Axel Schery von der Polizeiinspektion Dahn auf Anfrage. Seit vergangenem Jahr wurde – auch wegen des Drängens der Anwohner – dreimal das Tempo auf der Strecke kontrolliert, einmal morgens, einmal nachts und einmal nachmittags. Bei einem Durchlauf von 80 bis 130 Fahrzeugen seien zwischen drei und acht Fahrer festgehalten worden, die zu schnell unterwegs waren. Die Höchstgeschwindigkeit habe zwischen 61 und 65 Stundenkilometern gelegen. So besteht laut Schery „aus polizeilicher Sicht kein weiterer Handlungsbedarf“.

Trotzdem haben die Behörden das Thema auf dem Schirm. Die Hauptstraße sei schon seit Längerem ein Thema, weiß Richard Lutz, Leiter des Landesbetriebs Mobilität (LBM) in Kaiserslautern, zu berichten. Bei zahlreichen Ortsterminen seien die verschiedenen Punkte von Verkehrsberuhigung über Parksituation bis Fahrbahnzustand besprochen worden. Vor der letzten Kommunalwahl habe die Ortsgemeinde eine Machbarkeitsstudie für mögliche Verbesserungen in Auftrag gegeben. Anfang Juli hätten sich alle Beteiligten – neben LBM und Ortsgemeinde sind auch Verbandsgemeinde und Kreis mit in der Zuständigkeit – beraten und einen Plan festgelegt, was nun auf der Strecke passieren soll.

LBM: „Kreisel und Querungshilfen geplant“

Laut Lutz wird die westliche Ortsdurchfahrt überplant, um den Verkehr sicherer zu machen und das Tempo zu drosseln. An der Kreuzung Hauptstraße/Tiergartenstraße/Kreisstraße nach Hauenstein soll ein Kreisel entstehen. Für Radfahrer ist dort eine Querungshilfe vorgesehen. Die Bushaltestellen werden modernisiert und barrierefrei. Bei der heutigen Busbucht ist eine weitere Mittelinsel für Fußgänger vorgesehen. Die seitlichen Schutzstreifen für Radfahrer bleiben. Wann es in die Umsetzung gehe, hänge vom Fortgang der Planung ab, macht Lutz deutlich. Und die Federführung dafür habe derzeit die Ortsgemeinde, hält der LBM fest.

Weil der LBM aktuell keine Kapazitäten für die Planung habe, solle dies die Ortsgemeinde zunächst übernehmen, sagt dazu Ortsbürgermeister Manfred Schoch. Ansonsten macht er um alle Verantwortung in der Sache einen weiten Bogen. Die Ortsgemeinde habe lediglich die Zuständigkeit für die Gehwege, und die sollen saniert und durchgängig auf 1,20 bis 1,50 Meter gebracht werden, um die Straße optisch zu verschmälern, kündigt er an. Für die Umsetzung des Gesamtkonzepts auf den ersten 100 Metern ab dem Ortsausgang rechnet Schoch mit zwei Jahren. Danach sei ein weiterer Bauabschnitt geplant, weil man den Grundstückseigentümern nicht zu viel auf einmal zumuten könne. Die Gehwege werden über wiederkehrende Beiträge und einen Gemeindeanteil finanziert.

Kritik: Entscheidungen hinter verschlossenen Türen

Die Anwohner ärgert, dass vieles hinter verschlossenen Türen stattfinde und sie nicht in den Prozess einbezogen würden. So hat es im Oktober einen Ortstermin mit LBM, Polizei, Kreis, Verbandsgemeinde und dem Ortschef gegeben. Dabei sei als Ergebnis festgehalten worden, dass der Fahrradschutzstreifen entfernt wird und stattdessen Parkbuchten markiert werden, wenn die Ortsgemeinde dem zustimme, wie die Verbandsgemeinde den Anwohnern auf Anfrage mitteilte und gegenüber der RHEINPFALZ bestätigt. Dies ist der Wunsch der Anrainer, doch heute ist davon keine Rede mehr.

Laut Verbandsgemeinde sollte der Ortsgemeinderat über diese Lösung in einer der nächsten Sitzungen beraten. Doch eine öffentliche Diskussion im Rat hat es dazu nicht gegeben, wie Ortsbürgermeister Schoch zugibt. Vielmehr habe er sich gemeinsam mit seinen Beigeordneten darauf verständigt, dass der Radstreifen bleiben soll, weil er stark frequentiert werde. Der Bau eines eigenen Radwegs wurde wegen zu großen Aufwands und zu hoher Kosten verworfen. Über die Entscheidung informiert wurden die Anwohner lediglich in der Einwohnerfragestunde. Seit rund einem Jahr kommen die Anwohner regelmäßig zu den Ratssitzungen und stellen ihre Fragen in der Einwohnerfragestunde, um Druck in die Sache zu bringen.

Ortsgemeinde: „Parkbuchten sind Streitpunkt“

Bleiben die Radstreifen, sind versetzt angeordnete Parkbuchten kaum umsetzbar. Und genau jene seien ja der eigentliche Streitpunkt, hält Schoch fest. „Die ganze Sache wurde losgetreten, als es eine Veränderung im Verkehrsgesetz gab“, ist seine Ansicht. Falschparker auf dem Bürgersteig wurden stärker zur Kasse gebeten. Nachdem etliche Anwohner, die nicht auf, sondern vor ihrem Anwesen geparkt hatten, Knöllchen bekommen hatten, seien sie „rebellisch“ geworden. Deswegen habe die Ortsgemeinde mittlerweile eine Übereinkunft mit der Verbandsgemeinde als Ordnungsbehörde getroffen, dass Anwohner, die auf dem Radstreifen parken, keine Strafzettel mehr bekämen, äußert Schoch.

Andererseits führt er als Argument gegen die Parkbuchten an, dass diese auch belegt sein müssten, um das Tempo zu drosseln. Und er bezweifelt, dass dies auf der gesamten Länge der Fall sein würde. Den Punkt gibt auch der LBM an, der wiederum eine Belegung der Parkbuchten auch als Nachteil ausmacht. Der unstete Verkehrsfluss würde schließlich zu Brems- und Anfahrsituationen führen.

Verbandsgemeinde: „Tempo 30 nicht möglich“

Übrigens, aus dem Anwohner-Wunsch nach Tempo 30 zumindest im Schulwegbereich wird wohl nichts. Während beispielsweise ein paar Kilometer weiter in Annweiler auf der Ortsdurchfahrt – sogar eine Landesstraße und ebenfalls B10-Umleitungsstrecke – nun Tempo 30 streckenweise getestet wird, heißt es für Wilgartswiesen: nicht möglich. Sowohl LBM als auch Verbandsgemeinde sagen, dass die dortige Hauptverkehrsstraße die Voraussetzungen nicht erfülle. Sprich: zu schmale Gehwege, direkte Nähe zu Schule, Kita, Altenheim oder Lärmschutzgründe.

Und wie sieht es für ein Durchfahrtsverbot für den Transit-Schwerlastverkehr aus? Auch so ein Wunsch der Anwohner, bei denen regelmäßig das Geschirr in den Regalen klirre, wenn die Laster vorbeidonnerten, wie sie erzählen. Und jene Erschütterungen trügen ja auch dazu bei, dass die Fahrbahn immer stärker in Mitleidenschaft gezogen werde. Mit der Fragestellung habe man sich bisher noch nicht befasst, antwortet die zuständige Verkehrsbehörde bei der Verbandsgemeinde. Der LBM hält generell fest, dass Lkw den Hermersbergerhof von der B10 aus nur über die Ortsdurchfahrt Wilgartswiesen erreichen könnten. Dies werde sich mit dem für 2022 geplanten Bau des Lkw-Parkplatzes an der B10 ändern. Dabei werde auch eine direkte Abfahrt nach Hermersbergerhof gebaut. „Das wird die Situation mit durchfahrenden Lkw in Wilgartswiesen entspannen“, denkt LBM-Chef Lutz.

Kreis: „Umbau steht im Straßenbauprogramm“

Bleibt zunächst also nur der Umbau mit Kreisel und Querungshilfen. Der Ball für die Entwurfsplanung liegt jetzt im Spielfeld der Ortsgemeinde. Erst damit werde es eine belastbare Kostenschätzung geben, informiert der Landkreis auf Anfrage. Dieser ist Baulastträger der Kreisstraße und müsste die Kosten – bis auf die Gehwege – tragen. Das Vorhaben stehe im Straßenbauprogramm des Kreises – allerdings bisher ohne Kosten und Zeitplan, so Pressesprecher André Schattner.

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