Annweiler
Abschied vom Klinikum Annweiler: Ein Rundgang durch leere Räume
Das Navi zeigt noch einen dicken roten Kreis mit weißem Kreuz im Zentrum von Annweiler an, markiert mit der Bezeichnung Klinikum Landau-Südliche Weinstraße GmbH – Klinik Annweiler. Doch entlang der Straßen in der Trifelsstadt sucht man Hinweisschilder vergebens. Am 26. Juli wurden sie abgebaut – an jenem Tag, als die letzten zehn Patienten des Krankenhauses verlegt wurden und es damit offiziell geschlossen wurde. Wer heute an der Türklingel des großen Eingangsportals läutet, der landet direkt in der Empfangsleitung der Klinik Bad Bergzabern. Deren Bettenhaus wurde seit 2014 saniert und erweitert. Eine leerstehende Station mit 38 Betten wartete bereits auf jene Patientengruppe, die den Abschied vom Klinikum Annweiler besiegelte. Damit neigt sich eine fast 550 Jahre währende Krankenhausgeschichte in der Trifelsstadt dem Ende zu.
Thomas Kunt und Markus Wissing kennen das knapp 8000 Quadratmeter große Gebäude wie ihre Westentasche. Der Chefarzt für Geriatrie, Palliativmedizin und Endokrinologie war bereits ab 1990 hier tätig, bevor es ihn beruflich ins Ausland verschlug. Nach Dubai, Abu Dhabi und Amerika kehrte er 2020 in sein beschauliches Heimatkrankenhaus zurück. Ihm zur Seite stand Stationsleiter Wissing, der damals schon seit 20 Jahren in Annweiler tätig war und heute die neue Station in der Kurstadt betreut. Mit uns machen die beiden noch einmal einen Rundgang durch ihre alte Wirkungsstätte. Das geschäftige Treiben eines Krankenhausbetriebs ist Leere und Stille gewichen. Ein Schließdienst kommt in der Frühe vorbei, um die Türen für die Patienten der vier externen Praxen zu öffnen, die weiterhin im Gebäude beheimatet sind, und schließt am Abend ab. Eine Putzkolonne sorgt dafür, dass alles ordentlich aussieht. Ansonsten sind die sechs Etagen verwaist.
Tränen zum Abschied
Zusammen mit weiteren Klinikvertretern laufen wir durch die ausgestorbenen Gänge. Am Rand stehen zwei Grünpflanzen, die die Blätter schon etwas hängen lassen. Sie warten darauf, nach Landau oder Bad Bergzabern abgeholt zu werden. Im Juni fiel die Entscheidung, den kleinsten der drei Standorte des kommunalen Verbundkrankenhauses dicht zu machen und die Abteilungen samt Mitarbeiter auf die beiden anderen Kliniken zu übertragen. Der große Umzug ist generalstabsmäßig durchorganisiert. Selbst die Blumenkübel werden erfasst und ihrem neuen Bestimmungsort zugeteilt.
Wenn ein ganzes Krankenhaus umzieht, ist das ein logistischer Kraftakt. Eine Projektgruppe wurde gegründet, die über mehrere Wochen einen ausgeklügelten Plan entwickelte. Am 1. Juli rollten Inventar und medizinische Ausstattung nach Landau, am 26. Juni nach Bad Bergzabern. An beiden Standorten gibt es nun neue Abteilungen für Geriatrie und Palliativmedizin, auf die das Annweilerer Klinikum spezialisiert war. Das Team nahm erst einmal nur das Nötigste mit. Schließlich sollen die neuen Abteilungen nicht bis zum Anschlag zugestellt werden, außerdem ist dort ja auch schon Material vorhanden, auf das die Annweilerer Mitarbeiter zurückgreifen können. Aber allein dafür brauchte es über 50 Lkw-Touren und zahlreiche Autofahrten. „Wir hatten Möbelpacker, aber auch alle Mitarbeiter haben mitangepackt“, erzählt Kunt. Und ja, natürlich sei in diesem Moment des Abschieds auch bei dem ein oder anderen eine Träne geflossen.
Kurz vor der Rente noch so eine Umstellung
Die Station im zweiten Obergeschoss ist leergeräumt. In einem der sanftgelb gestrichenen Zimmer hängt noch ein Tropf an der Wand, der wohl vergessen wurde, sonst deutet nichts mehr darauf hin, dass hier einst betagte Menschen behandelt wurden. Auf der anderen Seite eröffnet sich durch die große Glasfront ein traumhafter Blick hinauf zur Burg. „Die Zimmer zum Trifels hin waren immer die begehrtesten“, bemerkt Stationsleiter Wissing. Drei, vier Mitarbeiter waren schon so lange an Bord, dass sie diese Aussicht über vier Jahrzehnte erleben konnten. „Wenn man dann kurz vor der wohlverdienten Rente noch einmal so eine Umstellung mitmachen muss, ist das schon eine Herausforderung“, das ist auch Klinikgeschäftsführer Guido Gehendges bewusst. „Wir haben volles Verständnis dafür, dass die Leute angefasst sind und ihre alte Wirkungsstätte vermissen.“
Erinnerungen an alte Zeiten werden auch bei Chefarzt Kunt wach, als er noch einmal die Archivräume durchstreift, in denen sich Tausende Patientenakten bis unter die Decke stapeln. 30 Jahre muss jede aufgehoben werden. „Bis vor 20 Jahren war es die Regel, dass man hier unten die alte Akte rausgesucht hat, wenn ein Patient erneut eingeliefert wurde“, erinnert er sich. Aber natürlich schreitet die Digitalisierung auch hier voran. Bis nächstes Jahr will das Klinikum vollständig auf elektronische Patientenakten umstellen.
„Vom Kopf her gute Entscheidung“
Den Wandel sieht Kunt positiv. Und nicht nur den in den Kellerräumen. „Sicherlich ist der Abschied emotional schwierig, aber vom Kopf her war es eine gute Entscheidung.“ In den beiden anderen Kliniken des Verbundkrankenhauses seien alle Fachrichtungen unter einem Dach. Das habe der kleine Standort Annweiler nicht leisten können. „Kürzere Wege, alles ist verzahnter, dort sind wir moderner aufgestellt.“ Der Patient sei der größte Profiteur der Umstellung, findet er. Die Mitarbeiter müssten sich jetzt natürlich erst einmal in den neuen Strukturen einfinden, ist Geschäftsführer Gehendges bewusst. „Aber wir wurden gut aufgenommen, und die Berührungsängste sind innerhalb weniger Wochen verflogen“, pflichtet ihm Stationsleiter Wissing bei.
Das Damoklesschwert der Schließung habe schon über der Klinik geschwebt, als er vor 23 Jahren nach Annweiler gekommen sei. Durch neue Konzepte habe sie noch gehalten werden können. „Aber den meisten Mitarbeitern war bewusst, dass sie nicht zukunftsfähig ist“, bilanziert Wissing, während wir durch den OP-Raum laufen, in dem eine fast museumsreife Operationsleuchte von der Decke hängt. Das Ein-Meter-Durchmesser-Relikt aus den 50ern wurde bis zuletzt genutzt. „Aber wenn der Tag X kommt, ist es dann schon noch mal eine andere Hausnummer“, gesteht Wissing ein.
Noch in diesem Jahr Verkaufsentscheidung
Den leeren Räumen soll bald wieder neues Leben eingehaucht werden. Die Klinikgesellschafter wollen die Immobilie verkaufen. „Es gibt ein paar ernsthafte Interessenten, aus der Region und von weiter weg.“ Mehr will der Klinikgeschäftsführer aber nicht rauslassen. Das Gebäude soll weiterhin für Gesundheitszwecke genutzt werden, mehr pflegerische Komponenten kann sich Gehendges vorstellen, vielleicht noch altersgerechte Wohnungen. Zudem wird der Käufer dazu verpflichtet, dass die vier externen Praxen im Gebäude bleiben dürfen. Damit eine sinnvolle Anschlussnutzung gesichert ist, werden die Bewerbungen nach einer Bewertungsmatrix beurteilt, nach der das Nutzungskonzept 50 Prozent ausmacht, der städtebauliche Ansatz 20 Prozent und der Verkaufspreis 30 Prozent. „Die Immobilie soll an einen Investor mit dem besten Konzept und nicht an den Meistbietenden gehen“, versichert Gehendges und kündigt an, dass die Jury, in der auch Vertreter aus Annweiler sitzen, noch in diesem Jahr eine Entscheidung fällen will.
Bis dahin haben die Mitarbeiter aber noch Gelegenheit, um ihrer Klinik ein letztes Mal Lebewohl zu sagen. Am 8. September gibt das Klinikum ein großes Abschiedsfest in Annweiler. Neben den 49 Mitarbeitern, die nun in Bad Bergzabern tätig sind, und den 34, die nach Landau gewechselt haben, sind die Umzugshelfer, die Mitarbeiter der Praxen, Dienstleister, Partner und natürlich die Mitglieder des Fördervereins der Klinik, die ehrenamtlichen Gelben Engel, die Patientenfürsprecher und Seelsorger eingeladen. Und Wissing ist glücklich über den Zusammenhalt der fusionierten Teams: „Die Mitarbeiter aus Bad Bergzabern und Landau haben sich gleich bereit erklärt, Schichten der Annweilerer Kollegen zu übernehmen, damit wirklich alle dabei sein können, um von ihrer alten Wirkungsstätte Abschied zu nehmen.“